Rhetoriktipps: „Schlagfertigkeit ist eine Sache der Haltung“
WirtschaftsWoche: Ist es womöglich wichtiger, wie wir etwas sagen, als was wir sagen?
Marcus Werner: Die Botschaft ist der Grund, warum wir uns vors Publikum stellen. Es gibt dabei aber ein paar Mechanismen, wie wir gut durchdringen. Es stimmt, dass die Sympathie dabei eine wesentliche Rolle spielt. In aller Regel finden wir Menschen aber zunächst einmal ganz nett, wenn wir sie auf der Bühne erleben. Dass man von vornherein sagt: „Oh Gott, was ist das denn für ein Typ?“, passiert eher selten. Aber es ist schon sinnvoll, darüber nachzudenken: „Wie wirke ich?“ Denn wenn ich jemanden nicht mag, dann muss ich mich überwinden zu sagen: „Ich finde ihn völlig unsympathisch, aber Recht hat er trotzdem.“
Und wie wirke ich sympathisch?
Sympathisch ist, wenn wir uns nicht verstellen. Wir müssen nicht in eine Rolle schlüpfen. Wir sind zwar in dem Moment ein Bühnenmensch und reden anders als mit unseren Kindern oder an der Supermarktkasse. Aber dennoch dürfen wir auf der Bühne so sein, wie wir sind. Wir müssen nicht andere imitieren. Das macht uns unecht, und das wirkt dann eher unsympathisch.
Hast du ein Beispiel?
Man sollte lieber aufrichtig schüchtern sein, als eine große Klappe vorzutäuschen. Natürlich dürfen wir auf der Bühne ein anderes Verhalten an den Tag legen als im Alltag. Aber jeder sollte sich die Dinge heraussuchen, die zu seiner eigenen Persönlichkeit passen.
Mit welchen Problemen kommen Führungskräfte zu dir?
Führungskräfte haben die gleichen Bedürfnisse wie andere, wenn es darum geht, als Bühnenmensch aufzutreten. Das ist befreiend zu sehen. Ganz oft kommen Menschen in Führungspositionen, weil sie Fachexperten sind, weil sie ein Thema verstehen und Visionen haben. Das heißt aber noch lange nicht, dass sie Rampensäue sind – was sie auch nicht unbedingt sein müssen. Aber sie können lernen, sich wohler zu fühlen. Ich kenne Leute in Toppositionen, die sagen: „Wenn ich eingeladen werde, an einer Uni einen Vortrag zu halten, würde ich am liebsten anrufen und mich krankmelden, weil ich diesen Druck nicht aushalte, weil ich mich ständig überprüfe: Wie wirke ich eigentlich? Werde ich meinem Ruf gerecht? Werde ich meinem Titel gerecht?“ Davon abgesehen geht es beim Coaching mit Führungskräften oft darum, typische Chef-Mitarbeitende-Konflikte zu bearbeiten. Wie sind die Rollen da verteilt? Wie wirke ich eigentlich, wenn ich als Mensch, der eine hohe Autorität hat, mal eben was sage? Wenn der Pförtner nicht grüßt, ist er verpennt. Wenn die Geschäftsführerin nicht grüßt, ist sie eine Diva. Dieses Rollenverständnis, was da mit rein spielt, das muss man lernen.
Was rätst du Führungskräften, die keine Rampensäue sind, denn?
Dass man sich herantasten und seine Rolle finden kann, ohne zu sagen: „Ich freue mich schon, dass ich mich wieder vor 1500 Leuten exponieren kann, das ist genau mein Ding.“ Man kann auf der Bühne auch gut sein, wenn man sagt: „Die werden wahrscheinlich alle merken, dass ich froh bin, wenn die Veranstaltung vorbei ist. Aber mir kommt es auf die Botschaft an und nicht darauf, dass alle Leute mich für einen Showstar halten.“ Das kann ja auch eine Haltung sein.
Was kann man tun, wenn man es einfach nicht hinbekommt, die Menschen von dem Thema zu begeistern, in dem man Experte ist?
Dann sollte die Frage aus meiner Sicht lauten: Macht es überhaupt Sinn, das auf der Bühne zu präsentieren? Ergibt es beispielsweise Sinn, auf der Bühne oder in der Videokonferenz 50 Seiten Bilanztabellen durchzuarbeiten und vorzutragen? Oder wäre es nicht besser, die Menschen damit schriftlich zu versorgen und das herauszupicken, was wirklich bühnentauglich – also vortragstauglich – ist? Man könnte etwa sagen: „Ich mache noch einmal deutlich, was für eine Verantwortung wir in diesem Teilbereich des Unternehmens tragen und was anderen Abteilungen ermöglicht wird, weil wir da sind.“ Wir haben uns daran gewöhnt, dass Präsentationen oftmals langweilig sind. Die Kunst ist es, die Perlen herauszupicken, die beeindrucken. Das sind oft ganz andere Dinge als wir klassischerweise präsentieren.
Was mache ich, wenn bei einer Fragerunde im Anschluss an einen Vortrag keine Fragen aus dem Publikum kommen?
Ich würde mir selbst vorher schon zwei, drei Fragen zurechtlegen. Dann habe ich zur Not etwas in der Hinterhand. Diese Fragen können ja auch das Publikum zu weiteren Fragen inspirieren. Und ich würde direkt zu Beginn der Veranstaltung sagen, dass es hinterher die Möglichkeit gibt, Fragen zu stellen. Dann denkt man als Zuschauer schon ganz anders mit. Wenn keine Fragen kommen, heißt das übrigens nicht, dass kein Interesse da ist. Es kann auch sein, dass die Leute ein ganz neues Thema kennengelernt haben und noch nicht so tief drin sind, dass sie Fragen stellen können. Oder der Vortrag ist einfach so gut gelaufen, dass keine Fragen offen geblieben sind – das ist ja auch ein Kompliment.
Wie schaltet man diesen inneren Dialog aus, dass man sich die ganze Zeit fragt, wie man wirkt?
Thomas Gottschalk hat mal gesagt, er moderiere sogar in den Spiegel einer Flugzeugtoilette. Es hilft, jede Gelegenheit zu nutzen, sich mit sich selbst vertraut zu machen. Als ich angefangen habe, im Fernsehen zu moderieren, hatte ich natürlich auch keine große Kontrollmöglichkeit. Ich habe meiner Meinung nach freundlich in die Kamera gesprochen und später das Feedback bekommen: „Du wirkst manchmal so ernst.“ Daraufhin habe ich geprüft, wie ich eigentlich wirke und irgendwann ein Gespür dafür entwickelt. So etwas lernt man nur, wenn man sich zu Hause vor dem Spiegel die Gewissheit holt: „Wenn ich so rede, klinge ich so. Wenn ich so gucke, sehe ich so aus. Wenn ich mich so bewege, dann wirkt das so und so.“ Wenn man das weiß und sich oft genug selbst gesehen hat, kann man sich auf den Inhalt konzentrieren.
Das heißt, es wäre gut, sich mit dem Handy zu filmen, wenn man einen Vortrag übt und sich das dann hinterher nochmal anzuschauen?
Genau. Man kann sich auch Feedback von der Familie oder von Freunden holen. Es ist natürlich fürchterlich, einen Vortrag zu faken und dann auch noch andere zu fragen, wie sie das finden (lacht). Aber dann bekommt man wirklich nochmal hilfreiche Rückmeldungen. Es kostet meine Teilnehmer übrigens oft viel Überwindung, wenn ich sage: „Grinst mal so stark wie ihr könnt und filmt euch dabei, eine Minute lang.“ Das fühlt sich meistens extrem anstrengend an und es ist in dem Moment auch unecht, aber wenn man das Video sieht, sieht es gar nicht so aus. Das heißt, selbst wenn ich extrem stark lache, wirkt es kaum überzogen. In der Regel ist es also so, dass wir eher zu ernst wirken. Die Übung gibt das gute Gefühl, dass man sich dahingehend nicht künstlich zurückhalten muss.
Was ist denn, wenn ich eher zu viel lächle?
Ich kenne diese Frage gerade von Frauen, die auf der Bühne auftreten. Sie befürchten, dass sie mädchenhaft rüberkommen. Wenn sie sich künstlich zurückhalten, kann der Effekt aber wiederum sein, dass sie eher verbiestert wirken. Ich glaube, da würde ich eher Mut machen und sagen, dass ein freundliches, souveränes Auftreten eben selbstbewusst wirkt.
Woher weiß ich, wem ich bei Feedback vertrauen sollte und wer vielleicht gar nicht so viel Ahnung hat und mich nur nervös und unsicher macht?
Viele Partnerinnen und Partner sind gute Ratgeber, weil sie auf Marotten aufmerksam machen können, die sie über Jahre hinweg schon bemerkt haben. Wichtig ist, dass man die Leute vorher einlädt: „Du darfst mich jetzt wirklich kritisieren. Das schadet unserer Freundschaft oder unserer Zusammenarbeit hier im Büro nicht.“ Das heißt aber auch einstecken zu können, um sich dann wirklich kritisch zu sehen. Also nicht nur erwarten, Lob zu bekommen, das beruhigt, sondern nach Möglichkeit das Feedback rechtzeitig einholen, damit man noch ungefähr eine Woche Zeit hat, sich selbst zu überprüfen und an den kritisierten Punkten zu üben.
Du kennst es doch sicher auch, dass die Idee zu einer schlagfertigen Antwort erst dann kommt, wenn das Gespräch schon längst vorüber ist. Was unternimmst du dagegen?
Schlagfertigkeit ist aus meiner Sicht auch eine Sache der Haltung. Man kann sich überlegen: „Möchte ich eher mit einem Augenzwinkern freundlich daherkommen oder möchte ich dagegen hauen?“ Wenn mir zum Beispiel bei der Arbeit jemand sagt: „Oh, Herr Meier, Sie sind auch schon hier? Na, ausgeschlafen?!“, dann kann ich das brüsk von mir weisen und sagen: „Was soll denn das, dass Sie jetzt hier vor versammelter Mannschaft so tun, als würde ich zu spät kommen?“ Oder ich nehme mir vor, die Gelegenheit zu nutzen, um einen kleinen Gag zu machen. Zum Beispiel, indem ich sage: „Ach, wenn ich gewusst hätte, was Sie sagen, hätte ich mich nochmal umgedreht.“ Ich finde, es hilft, wenn man sich eine gewisse Lässigkeit vornimmt. Ansonsten ist es eine Übungssache.
Wie kann man Schlagfertigkeit üben?
Man kann es mit Freunden üben, die es selber vielleicht besser drauf haben als man selbst. Dann hat man einen Sparringspartner. Es gibt Freunde von mir, da kommt ein Witz nach dem anderen, wenn wir zusammensitzen. Also in solchen Gesprächen einfach mal der Fantasie freien Lauf lassen, um zu erkennen, wie leicht es ist, wenn man in die verrücktesten Ecken denkt. Das kann man, glaube ich, wirklich unter Freunden und in der Familie ausprobieren.
WiWo-Coach und Karriereleiter-Kolumnist Marcus Werner hat im Livestream auf LinkedIn Ihre Fragen zum Thema Rhetorik beantwortet. Das Interview ist eine gekürzte und geglättete Version des Gesprächs. Den vollständigen Livestream mit weiteren Beispielen, wie Sie sich im Job gut präsentieren können, können Sie sich hier anschauen.
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