Rücktritt von Kevin Kühnert: Ich bin krank – wie sage ich’s, ohne meine Karriere zu gefährden?
Kevin Kühnert
Foto: imago imagesDas ist passiert
Überraschend hat Kevin Kühnert Anfang der Woche in einem Brief mitgeteilt, dass er als SPD-Generalsekretär zurücktritt. Darin schrieb er: Im Wahlkampf müsse jeder in der SPD über sich hinauswachsen. „Ich selbst kann im Moment nicht über mich hinauswachsen, weil ich leider nicht gesund bin.“ Details gab der Politiker nicht bekannt.
„Krankheit ist am Arbeitsplatz immer noch ein Tabu, besonders im Hinblick auf psychische Erkrankungen“, sagt Mathilde Niehaus, Professorin für Arbeit und berufliche Rehabilitation an der Universität zu Köln.
Insbesondere jüngere Menschen verschweigen sie deshalb eher, um sich nicht die Karriere zu verbauen. Aber ist das klug? Wie offen sollten man mit vermeintlichen Schwächen umgehen? Vor allem, wenn man nach der Genesung noch viel vorhat?
Das können Sie daraus lernen
„Was ich zu welchem Zeitpunkt wem kommuniziere, ist eine sehr individuelle Entscheidung“, betont Coachin Anne-Katrin Petsch. Sie hänge von vielen Faktoren ab – etwa von der Kultur im Unternehmen.
1. Umfeld einschätzen
In einer Branche wie dem Investmentbanking würden Arbeitnehmer kaum über gesundheitliche Probleme sprechen, so Petschs Beobachtung. „Der Leistungsdruck verhindert eine offene Kommunikation.“ Das sei das eine Extrem. Am anderen Ende der Skala gebe es Berufe, in denen das Tabu weitgehend entfalle, zum Beispiel unter Beamten. „Die Fürsorgepflicht des Dienstherrn gibt in diesem Bereich Sicherheit.“ Um herauszufinden, wo der eigene Arbeitgeber zu verorten ist, helfe es sich folgende Fragen zu stellen: Macht das Unternehmen Angebote, um Erkrankungen vorzubeugen? Gespräche mit dem Betriebsarzt? Einen Aktionstag für mentale Gesundheit? Oder haben schon andere Kollegen den Schritt gewagt – und wie ist es ihnen danach ergangen? „Ist das jemand, dem Sie vertrauen, können Sie auch das direkte Gespräch suchen und sich Tipps geben lassen." Mathilde Niehaus verweist auf den Betriebsrat oder die Gleichstellungsbeauftragten.
2. Auf eigene Bedürfnisse hören
Am wichtigsten zur Beantwortung der Frage, wie viel man bei der Arbeit über seine Gesundheit preisgibt, ist das eigene Gefühl. „Jemand, der mit einer Krankheit zu kämpfen hat, sollte sich voll darauf konzentrieren können und sich nicht sorgen müssen, was andere von ihm oder ihr erwarten“, betont Anne-Katrin Petsch. Wer ein vertrauensvolles Verhältnis zum Vorgesetzten hat, kann ihm durchaus Details schildern, wenn er sich dabei wohl fühlt. Arbeitnehmer haben ebenfalls das Recht, ihn um Verschwiegenheit gegenüber anderen zu bitten. Man kann auch gemeinsam eine Formulierung für die öffentliche Kommunikation festlegen. Wer sich sorgt, dass die eigene Krankheit zum Thema im Flurfunk wird, kann sich ebenfalls für mehr Offenheit entscheiden. „Es kommt immer darauf an, welche Art der Kommunikation sich für den Betroffenen oder die Betroffene am besten anfühlt“, sagt Petsch.
3. Blick nach vorne richten
Das Vorgehen von Kevin Kühnert ist der Weg, den Rehabilitationsexpertin Niehaus in den meisten Fällen empfiehlt: „Die Kommunikation sollte idealerweise präzise und fokussiert auf die Notwendigkeit einer Auszeit liegen, ohne medizinische Details preiszugeben.“ Die genaue Diagnose würde sie nur engen Vertrauenspersonen und dem betriebsärztlichen Dienst offenlegen, „um Diskriminierung zu vermeiden.“ Im Gespräch mit dem oder der Vorgesetzten lohnt es sich, den Blick nach vorne zu richten. Es könne hilfreich sein, einen Plan zur Rückkehr zu entwickeln, sagt Niehaus. So vermittle man Engagement und den Eindruck, auch in einer persönlich schwierigen Lage das Wohl des Unternehmens im Blick zu haben.
Dieser Plan wird nicht immer eins zu eins aufgehen, weil Krankheitsverläufe selten vorhersehbar sind. Deshalb ist auch die Kommunikation bei der Rückkehr entscheidend. Wer deutlich macht, wie sich die Arbeit ändern muss, damit er langfristig Leistung bringen kann, trägt zum Erfolg der Wiedereingliederung bei, sagt Niehaus. Das können flexiblere Arbeitszeiten, veränderte Aufgabenbereiche, aber auch mehr Tage im Homeoffice sein.
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