Zoff im Büro: „Wer sich selbst zu sehr infrage stellt, kommt nicht weit“
Feedback muss sein. Aber was, wenn sich der Kollege gleich immer alles zu Herzen nimmt?
Foto: Getty Images, Illustration: WirtschaftsWocheWirtschaftsWoche: Frau Braun, warum ist die Kommunikation mit einem sehr emotionalen Kollegen so schwierig?
Marie-Theres Braun: Wer aufgebracht ist, kann nicht mehr sachlich denken. Er befindet sich in einer emotionalen Spirale – und sieht nur noch das, was die eigene Emotion bestätigt. Manchmal reicht ein kurzes Durchatmen und die Phase ist vorbei. Je nachdem, wie empfindlich jemand ist oder wie schwer das Kaliber war, kann es aber auch einen Tag oder länger dauern.
Es gilt also vor allem, wie so oft, aufs Individuum zu schauen.
Eine hohe Sensibilität bewegt sich zwischen zwei Arten, den harten und den weichen Emotionen. Bei kritischem Feedback kann es sein, dass sich jemand sofort angegriffen fühlt – und mit harten Emotionen kontert: „Dann mach es doch gleich selbst!“ Jemand anderes reagiert hingegen sofort sehr selbstkritisch und sagt: „Oh nein, hab ich das falsch gemacht!“ Auf jeden Fall wird klar: Da ist jemand angefasst.
Kann überhaupt im Beruf erfolgreich sein, wer immer alles gleich persönlich nimmt?
Menschen, die sich selbst zu sehr infrage stellen, kommen eher nicht so weit, weil sie kritisches Feedback gar nicht ertragen, sich nicht genug zutrauen und dadurch weniger ernst genommen werden. Die aggressive Emotion wird hingegen leider häufig als Kompetenz wahrgenommen oder andere kuschen. Aber oft steckt auch hinter Wut ebenfalls Trauer und Verletzung.
Marie-Theres Braun ist Trainerin für Rhetorik und Verhandlungsführung. (Fotocredit: Janine Kühn)
Foto: PRNicht eben die besten Voraussetzungen für ein gutes Miteinander. Denn darunter leidet ja das Umfeld, das Team, die Belegschaft.
Ja, aber zum Glück ändert sich das gerade. Es geht immer stärker um den einzelnen Mitarbeiter und wie er sich fühlt. Es geht nicht mehr ausschließlich um Produktivität, Wirtschaftlichkeit und reine Sachlichkeit ohne Emotionen, sondern auch um den Menschen dahinter, der all das leisten soll und auch besser kann, wenn seine Bedürfnisse gesehen werden.
Gerade der Generation Z wird allerdings nachgesagt, dass sie zu empfindlich ist.
Die jüngere Generation ist sensibler, weil es einen gesellschaftlichen Wandel gibt. Die Älteren stecken noch eher in einem preußischen System aus Hierarchie und Autorität. Leider nutzen nicht wenige diese Veränderungen vor allem für einen Grabenkampf. Statt mit Blick auf die jüngeren Kollegen zu sagen: „Toll, dass die Rücksicht nehmen“ echauffieren sich die Leute: „Diese Weicheier“.
Der Diskurs in unserer Gesellschaft, aber eben auch in vielen Büros und Betrieben ist emotionaler geworden – oder täuscht der Eindruck?
Das Schubladendenken und die Pathologisierung haben zugenommen. Die Chefin, die eine Gehaltserhöhung verweigert, ist dann gleich eine egoistische Kapitalistin und der Kollege, der für sich eintritt, ein Narzisst.
Ehrliches Feedback muss ja sein. Wie also reagiert man am besten, wenn ein Mitarbeiter sich immer alles gleich zu Herzen nimmt?
Oft werden Vorgesetzte so vorsichtig, dass Feedback extra behutsam angekündigt wird: „Verstehe es bitte nicht falsch, aber ich muss dir was sagen“. Dadurch erscheint es aber erst recht wie eine große Sache. Bei empfindsamen Mitarbeitern kann es besser sein, den Wumms rauszunehmen. Sprechen Sie Feedback beiläufig an, zum Beispiel „Weißt du noch die Sache gestern? Lass uns das künftig lieber so und so machen“.
Was hilft sonst noch, um den Wumms rauszunehmen?
Negative Worte zu vermeiden. Statt „Mach dir keine Sorgen“ sagen Sie lieber „Wir sind gut vorbereitet“. Oft hilft es auch, die Emotionen des anderen zu benennen, zum Beispiel „Das hat dich gerade getroffen, oder?“ Aus der Forschung wissen wir, dass angesprochene Emotionen Sekunden später abflachen – denn wir demonstrieren: Ich höre dir zu.
Aber muss ein Chef wirklich so tiefenpsychologisch mit emotionalen Mitarbeitern umgehen?
Es hilft nun mal nicht, den Elefanten im Raum zu ignorieren. Gerade, wenn man zur Sachlichkeit zurückkehren will, ist es gut, das anzusprechen. Wenn ich das nicht kann oder möchte, ist es schon hilfreich, negative Aussagen positiver ausgedrückt zurückzuspiegeln. Sagt jemand „Ich schaffe das nicht, alles ist falsch“, kann man erwidern „Du weiß also noch nicht genau, wie du es angehen sollst“. Das sorgt häufig bereits für eine andere Einstellung.
Und wenn der Kollege aufbrausend ist?
Dann können Sie seine Reaktion vorwegnehmen, etwa indem Sie das Gespräch einleiten mit „Bevor du sagst: Was will die schon wieder, möchte ich dir meine Idee mal kurz vorstellen“. Niemand mag es, wenn man ihm etwas unterstellt – und die meisten bemühen sich deshalb, dieser Unterstellung nicht zu entsprechen.
Heikel wird es bei einem emotional unberechenbaren Chef.
Beobachten Sie, mit wem er besonders gut klarkommt, und kopieren Sie dessen Merkmale und Techniken! Es gibt außerdem viele wütende Menschen, die es nach oben geschafft haben, die keinerlei Lust haben, über Emotionen zu sprechen. Bei so jemandem sind Sie mit „Ich spüre bei dir ganz viel Wut“ falsch. Wir müssen auch nicht ständig unsere Gefühle analysieren.
Sondern sie einfach mal zulassen?
Wo unterschiedliche Charaktere zusammenarbeiten, sind Konflikte und Emotionen ganz normal. Wir alle sind mal gestresst oder bei manchen Dingen besonders empfindlich. Da können wir gar nicht immer ruhig sein.
Ist das manchmal auch falsch verstandene Professionalität?
Ja. Viele Menschen versuchen den ganzen Tag, Emotionen zu vermeiden. Sie wollen Gelassenheit ausstrahlen, um unverletzlich zu erscheinen. Eine gute Führungskraft muss aber beides zulassen. Sensibilität und Empathie sind wichtig. Aber Weichei sein, ist auch ein Extrem. Es braucht deshalb ebenso den Pragmatismus, um Emotionen mal unausgesprochen zu lassen und den Konflikt einfach auszuhalten.
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