Die Höhle der Löwen: „Bürger können sich mit einem digitalen Zeichenstift beteiligen“
Digitale Stadtplanung bei der „Höhle der Löwen“: die Cityscaper-Gründer
Foto: RTL / Bernd-Michael MaurerEin neuer Blick in die Stadt - das ist das Ziel von Sebastian Witt und Robin Römer. Mit ihrem Start-up Cityscaper projizieren sie geplante Bau- oder Stadtplanungsprojekte in Kamerabilder hinein und lassen die Nutzer mit zusätzlichen Objekten herumspielen. Von diesem Augmented-Reality-Verfahren sollen Bürger, Behörden und Bauentwickler gleichermaßen profitieren. In der TV-Sendung „Die Höhle der Löwen“ wollten die beiden seit der Schule befreundeten Gründer zehn Prozent der Firmenanteile gegen 240.000 Euro tauschen. Die Investoren beim TV-Pitch lobten das Konzept und das Engagement der Gründer – aber schreckten vor einer Beteiligung zurück. Wieso Witt und Römer weiter an ihr Konzept glauben, verraten sie im Interview.
WirtschaftsWoche: Sie sind Informatiker und Maschinenbauingenieur. Wie sind Sie auf das Feld der Stadtplanung gestoßen?
Robin Römer: Wir kennen uns seit der siebten Klasse und wollten immer etwas zusammen starten. Als wir uns auf einem Hackathon in Helsinki getroffen haben, hatte Sebastian gerade eine Anwendung entwickelt, mit der man den Bushof in Aachen, einen wirklich hässlichen Ort, digital verschönern konnte. Ich habe mich auch kommunalpolitisch engagiert und nach neuen Lösungen gesucht, wie man den Kontakt zu Bürgerinnen und Bürgern intensivieren kann. Daraus ist dann die Idee entstanden, eine Plattform zu entwickeln, in der jeder seine Stadt so gestalten kann, wie sie einem gefällt – man kann auch Wasserrutschen ans Rathaus bauen.
Visualisierungen gehören schon am Anfang bei größeren Bauprojekten dazu. Wieso braucht es Ihre Augmented-Reality-Lösung?
Sebastian Witt: Es liegen bei vielen Bau- oder Planungsprojekten schon komplexe Daten vor. Wir machen diese Informationen nutzbar für die Kommunikation – für die Bürger, für die Kunden, für Auftraggeber oder für einen eigenen Eindruck vor Ort. So erhalten alle einen Blick in die Zukunft, ohne dass teuer ein Visualisier beauftragt werden muss, der all das händisch nachbaut. Das spart Zeit und Geld und macht am Ende unsere Lösung auch skalierbar – das ist ja das, was Carsten Maschmeyer in der Sendung kritisiert hat.
Erst einmal bedeutet das für Ihre Auftraggeber aber zusätzlichen Aufwand. Wieso nehmen die den auf sich?
Römer: Die Motive unterscheiden sich, das mussten wir auch lernen. Politischen Vertretern geht es häufig vor allem um eine gelungene Außendarstellung bei neuen Projekten. Anders sieht es aus beim Stadtplaner, der vor allem fachliche Informationen darstellen und einholen will. Kommunen geht es wiederum darum, Ideen und Feedback einzusammeln – aber nicht völlig ungefiltert, weil das sonst bei den Bürgern zu große Erwartungshaltungen schürt. So haben wir das Produkt nach und nach weiterentwickelt.
Und Bürger greifen tatsächlich zu Smartphone oder Tablet?
Witt: Bürger können sich beteiligen, aber nicht mit Papier und Stift, sondern gewissermaßen mit einem digitalen Zeichenstift. So kriegen sie ein besseres Verständnis dafür, was an einem Ort passieren soll. Sie stehen gewissermaßen direkt mittendrin und müssen sich nicht erst in zweidimensionale Karten hineindenken.
Eine Ihrer Kundengruppen sind Verwaltungen – die gelten als schwieriger Markt für Start-ups.
Römer: Es hat tatsächlich sowohl Vor- als auch Nachteile. Weil viele Kommunen ihre Vorhaben über Förderprojekte finanzieren, hängt man in diesen Fahrplänen mit drin. Da hängt es oft an vielen Punkten, wann Geld kommt und wann Geld ausgegeben werden darf. Insgesamt ist es aber ein recht transparenter Prozess, man sieht Ausschreibungen und kann sich auf diese bewerben. Manche Verwaltungen trauen Start-ups erstmal nicht zu, große Projekte zu schultern. Aber wenn man ins Gespräch kommt, insbesondere mit der jüngeren Generation von Verwaltungsmitarbeitern unter 40, dann sind sie sehr offen für Innovation – und geben sich auch viel Mühe, uns zu integrieren.
Ihre andere Zielgruppe sind Planer oder Projektentwickler. Haben die angesichts der aufziehenden Immobilienkrise noch Budget für Ihre Software?
Römer: Wir spüren, dass es schwieriger geworden ist. Auf der anderen Seite gilt jedoch: Wenn Entwickler Probleme haben, ihre Projekte zu verkaufen, werden sie auch im Marketing offener für neue Wege. Besonders für Angebote wie unsere, die das Erstellen von Marketingmaterialien günstiger machen. Vielleicht hat unsere Anwendung nicht die gleiche optische Qualität wie eine einzelne Visualisierung, die 24 Stunden lang gerendert wurde. Aber dafür gibt es Vorteile über den Preis – und die Interaktion.
Die Aufzeichnung liegt jetzt bereits ein gutes Jahr zurück – und brachte für Sie kein Investment. Was ist seitdem passiert?
Witt: Wir sind technisch so weit, dass wir relativ gut und schnell verschiedene Projekte umsetzen können. In zwei, drei Wochen steht das digitale Objekt an der Stelle, an die es hingehört. Jetzt sind wir kurz davor, dass unsere Plattform öffentlich geht. Da kann man auf einer Deutschlandkarte ganz simpel seine Objekte am geplanten Ort platzieren. In der App können das Nutzerinnen und Nutzer bereits spielerisch ausprobieren.
Römer: In unserer Gründungsstadt Aachen, in Köln, Gelsenkirchen, Leipzig oder München sind wir schon aktiv – noch allerdings im Projektgeschäft. Das finanziert uns den Aufbau. Wenn die Plattform steht, können wir uns durchaus vorstellen, nochmal auf Investorensuche zu gehen.
Wieso haben Sie sich mit dem Geschäftsmodell überhaupt in die „Höhle der Löwen“ gewagt?
Römer: Wir hatten intern im Team über das Format gesprochen, dann hat mich meine Tante darauf aufmerksam gemacht – und dann wurden wir auch noch von außen angesprochen. Unser Gedanke war: Wenn so viele Zufälle zusammenkommen, kann man den Casting-Bogen ja einmal ausfüllen. Auch wenn es kein Investment für uns gab: Es war eine tolle Erfahrung, wir haben wertvolles Feedback von den Löwen bekommen – und es war auch unterhaltsam zu sehen, wie es tatsächlich hinter den Kulissen abläuft.
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