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Juwelier Christ kooperiert mit Start-up Wahre Liebe geht durch die Blockchain

Der erste Schritt zur Ewigkeit: Der Juwelier Christ will Heiratende jetzt überzeugen, neben dem Ehering auch in ein digitales Liebesbekenntnis in der Blockchain zu investieren. Foto: dpa Quelle: dpa

Die traditionsreiche Juwelierkette Christ bietet Kunden jetzt an, zum Trauring oder Schmuckstück eine Botschaft auf der Bitcoin-Blockchain zu speichern. Das digitale Produkt soll nicht nur neue Umsätze bringen – sondern auch nach innen strahlen.

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Ein Platz in der Ewigkeit ist ab knapp 20 Euro zu haben. Zu diesem Einstiegspreis können Kunden des Juweliers Christ ab sofort ihre Liebe auf 340 Zeichen Länge in die Bitcoin-Blockchain einschreiben – als Zusatz zum Trauring. Die Datenkette gilt als fälschungssicher und kaum zu manipulieren, Einträge können nicht gelöscht werden. „Es gibt zahlreiche Wege, seine Zuneigung und Liebe zu bezeugen, von Ringen über Liebesschlösser bis zu Tattoos – aber alle kann ich auch wieder aus der Welt herausnehmen“, erklärt Stephan Hungeling, seit 2019 Co-Geschäftsführer von Christ, „Wenn es in der Blockchain verankert ist, ist es nicht mehr reversibel.“

Das 1863 gegründete Traditionshaus, das seit 2014 dem Private-Equity-Unternehmen 3i gehört, steckt in das Blockchain-Projekt große Hoffnungen. Dafür kooperiert das Unternehmen mit einem Hamburger Start-up, das die Marke Forever On The Blockchain entwickelt hat – und ist dessen erster großer Kunde. Das Zusatzangebot soll für Christ vor allem zusätzliche Umsätze generieren. Und hat einen besonderen finanziellen Charme: Statt teuren Schmuck mit viel Vorlauf anzukaufen, entsteht das Blockchain-Zertifikat erst auf Knopfdruck. So werden weder Lager noch Bilanz belastet.

Doch das Testprojekt steht für mehr. Zahlreiche Unternehmen, von Mittelständer bis Konzern, tasten sich suchend in der Welt der Blockchain-Technologie vor. In der Finanzbranche ist das Thema deutlich weiter – auch öffentliche Datenbanken werden zunehmend auf passende Anwendungen abgeklopft. Experimentiert wird zudem, inwieweit Lieferketten besser nachverfolgt werden könnten.

Berührungsängste mit der Blockchain-Welt

Im Handel selbst jedoch scheinen Aufwand und Ertrag für viele Firmen noch in keinem guten Verhältnis zu stehen. In vielen Fällen sind es eher Start-ups, die auf eigene Faust mit einem Krypto-Produkt eine technikaffine Zielgruppe ansteuern. Etablierte Unternehmen sind dagegen skeptischer. Gehversuche in der Praxis werden daher neugierig beobachtet. Christ habe beispielsweise über das Bezahlen mit Kryptowährungen nachgedacht, berichtet Hungeling, auch eine mögliche Registrierung von Uhren über die Blockchain wird erwogen. Die Liebesbotschaften in der Blockchain sollen da als Testlauf fungierien. „Wir bauen so Berührungsängste mit der Technologie ab“, sagt Hungeling.

Denn die gab es in der 2000-köpfigen Christ-Belegschaft durchaus. Start-up und CEO fanden durch gemeinsame Kontakte zueinander. Das erste Gespräch „dauerte genau 7 Minuten und 23 Sekunden“ und endete mit einem grundsätzlichen Interesse, erinnert sich Start-up-Gründer Sven Hildebrandt heute. Ein paar Tage später reiste er von Hamburg nach Düsseldorf. Im ersten Schritt musste der Vertrieb der Juwelierkette seine Zustimmung geben. „Es war wichtig, dass nicht nur ich daran glaube, sondern vor allem die Kollegen in den Filialen, die im täglichen Kontakt mit den Kunden stehen“, berichtet Hungeling.

Aus dem Vertrieb kam ein positives Signal, aber einige Bitten: So wird für jede verkaufte Digitalbotschaft ein Baum gepflanzt. Denn gerade die Bitcoin-Blockchain steht wegen ihres enormen Energieverbrauches weltweit in der Kritik. Gleichzeitig favorisierte der Christ-Vertrieb jedoch ausdrücklich die Bitcoin-Blockchain als technische Grundlage – um mit dem prominentesten Kryptovorhaben werben zu können.

Digitalprodukt in die Filialen bringen

Mit dem Zertifikat startet Christ nicht im Online-Shop, der für 40 Prozent der Umsätze steht. Stattdessen geht es in den Filialen mit dem Verkauf des digitalen Zusatzangebotes los. Der Grund: Kombiniert werden kann der Eintrag zwar mit jedem Schmuckstück. im Fokus stehen zu Beginn jedoch die Trauringe, die vor allem offline gekauft werden. Das bedeutete auch: Zum offiziellen Start Anfang Oktober musste das Personal, quer durch Deutschland verteilt, mit dem Produkt vertraut sein.

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Statt mit Karat oder Fingermaßen müssen sich die Verkäufer dann auch mit Krypto-Grundlagen auskennen. Um die 500 Christ-Mitarbeiter hat Start-up- Partner Hildebrandt in insgesamt neun Webinaren geschult. „Einige Filialen haben eine Blockchain-Expertin auserkoren, andere haben in kompletter Besetzung teilgenommen“, berichtet der Gründer. Anfängliche Skepsis habe sich in den Fortbildungen schnell gelegt, so Hildebrandt. Stattdessen brachten die Filialmitarbeiter häufig Anregungen ein, die das Projektteam noch gar nicht auf dem Radar hatte: „Immer wieder wurden Schmuckstücke zu Taufe oder Konfirmation als mögliche Verkaufsanlässe genannt – auch da will man den Beschenkten etwas für die Ewigkeit mitgeben.“

Neuland für Team und Technik

Auch technisch betrat das Traditionsunternehmen mit dem Blockchain-Vorhaben Neuland. „Es hat Zeit und Energie gekostet, bis alle Systeme sauber miteinander kommunizieren konnten“, sagt Hungeling. Das Risiko: Die Pakete, erhältlich als „ewige Nachricht“ oder „unendlicher Moment“, mussten in den etablierten IT-Ablauf integriert werden. Das bedeutete viel Schnittstellenarbeit, an Kassensystem oder dem Trauringkonfigurator. Von erstem Austausch bis zum Produktstart verging so rund ein Jahr. „Wir wollen mit dem Produkt Geld verdienen – und nicht Kunden verlieren, weil sie etwas mehr Aufwand haben“, sagt Hungeling.

Die Partnerschaft zwischen Start-up und Juwelierkette ist nicht für die Ewigkeit geschlossen, sondern wird stark vom Erfolg abhängen. In den nächsten Wochen sollen sich Kunden und Filialen langsam an das neue Produkt gewöhnen. „Dann brauchen wir die hohe Anzahl von Kontakten im Weihnachtsgeschäft, um zu sehen, wie die Kunden interagieren“, sagt Hungeling. Und blickt dann schon auf das Frühjahr: Im März geht für Christ die Trauring-Saison los – und damit steigt im besten Fall für den Händler die Nachfrage, zum kleinen Preis ein digitales Versprechen für die Ewigkeit abgeben zu können.

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