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Seminar mit Arbeitsvertrag Duales Studium: Die Jobgarantie kommt mit einem hohen Preis

Die Duale Hochschule Baden-Württemberg zählt zu den größten Hochschulen der Republik. Quelle: DHBW Mannheim

Am Montag starten Tausende Studenten an den großen Unis in Vorlesungen, durch die sie sich weitgehend ohne Praxiserfahrungen büffeln. Im dualen Studium läuft das anders. Ist es womöglich der bessere Karriereeinstieg?

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Vor zwei Wochen hat Vanessa Schwarz einen festen Vertrag beim wertvollsten deutschen Konzern ergattert: bei SAP. Dabei ist Schwarz gerade mal 22 Jahre alt, viel jünger als die meisten ihrer Kollegen. Ihre Karriere begann schon 2017, als sie für ein Praktikum zu dem Softwarekonzern kam. Zur Festanstellung hat sie es nicht etwa mit einem Abschluss an einer international renommierten Hochschule wie der Humboldt-Universität in Berlin, der TU München oder der Uni Mannheim, nur gut 20 Kilometer von der SAP-Zentrale entfernt, gebracht. Sondern mit der Einschreibung an der Dualen Hochschule Baden-Württemberg (DHBW).

„Ich hätte mir zwar auch ein BWL-Studium an einer klassischen Universität vorstellen können“, sagt Schwarz. „Doch auf keinen Fall ohne Praxisbezug“. Und dieser ist nun mal in keinem anderen Studium so stark vertreten wie in dem dualen, das gleichermaßen aus Vorlesungen und der Arbeit im Unternehmen besteht. 

Die Mischung aus Studium und Praxisarbeit im Unternehmen gilt als sichere Eintrittskarte in die Konzernwelt. Schließlich investieren Unternehmen eine Menge in die duale Ausbildung. Über meist drei Jahre erhalten die Studenten und Studentinnen ein Gehalt, auch in den Phasen an der Hochschule. An einer Übernahme haben die Unternehmen entsprechend großes Interesse. In einer Zeit, in der der Kampf um die klügsten Köpfe immer schwerer wird, lohnt es sich für Firmen eben, die Fachkräfte gewissermaßen selbst heranzuzüchten statt sie mühsam zu rekrutieren. Die dualen Studenten kennen die verschiedenen Geschäftsbereiche des Unternehmens seit Jahren, machten nicht selten auch bei einer Niederlassung im Ausland Station, arbeiteten schon an verschiedenen Projekten mit. Eine Einarbeitung oder Findungsphase benötigen sie nicht mehr. Wer als Student also besonderen Wert auf Sicherheit legt, findet sie im dualen Studium.

Vanessa Schwarz hat ihr Studium im vergangen Monat beendet. Gut möglich, dass sie es noch weit bringen wird bei SAP. Zumindest die Vorzeichen stimmen: Denn Christian Klein studierte wie Schwarz an der Dualen Hochschule Baden-Württemberg in Mannheim Betriebswirtschaft. Heute leitet er den Softwarekonzern, der an der Börse fast 140 Milliarden Euro wert ist. Und wie bei Klein steht das duale Studium am Beginn einiger erfolgreicher Managerkarrieren: Thyssenkrupp-Chefin Martina Merz und der ehemalige Metro-Chef Olaf Koch studierten schon an der DHBW, als sie noch den Namen Berufsakademie Stuttgart trug.

Doch wer sich für ein duales Studium entscheidet, muss auch einen Platz im Schatten der renommierten Unis in Kauf nehmen. Eine Ausbildung mit ein bisschen theoretischem Anstrich, nennen Kritiker diesen Ausbildungsweg. Und tatsächlich: Wer es wirklich zum Geschäftsführer bringen will, macht in der Regel seinen Abschluss an einer der Top-Unis, an denen in diesen Wochen die Vorlesungen des Wintersemesters beginnen: VW-Chef Herbert Diess etwa besuchte die TU München, Lufthansa-Boss Carsten Spohr die Uni Karlsruhe (heute Karlsruher Institut für Technologie), die Telekom- und Allianz-Chefs Tim Höttges und Oliver Bäte die Uni Köln. Viele, die hoch hinaus wollen, satteln später noch einen MBA drauf.

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    Unternehmen first, Hochschule second

    Wer sich für ein duales Studium bewirbt, tut das beim Unternehmen. Und wer sich auch nur über das duale Studium informieren will, tut das am besten auf Portalen der späteren Arbeitgeber. Das Studium ist meist nicht mehr als ein Anhängsel an die Praxiszeit. Immerhin schielen duale Studenten auf die Übernahme im Unternehmen, nicht auf eine akademische Forscherkarriere.

    So war es auch bei Vanessa Schwarz. Nach ihrem Praktikum wusste sie, dass sie bei SAP weitermachen möchte, das duale Studium drängte sich förmlich auf: „Informatik war bereits in der Schule mein Lieblingsfach, Mathe hatte ich als Leistungskurs. Die Softwarebranche fand ich deshalb schon immer interessant“, sagt Schwarz heute. Mit der DHBW hat sie sich dabei indirekt für eine der größten Hochschulen der Republik entschieden: Mit mehr als 34.000 Studenten liegt die DHBW noch vor den bekannten Universitäten in Mainz und Dortmund. 

    Und dennoch ist sie eine äußerst spezielle Hochschulform: Nur in Baden-Württemberg und Thüringen existieren die staatlich getragenen dualen Hochschulen als eigenständige Bildungseinrichtungen überhaupt. In anderen Bundesländern stehen höchstens noch private Berufsakademien zur Wahl. Und ohnehin setzt ein Großteil der Unternehmen ihre dualen Studenten an eine Hoch- oder Fachhochschule, an der auch andere Studenten in Vorlesungen sitzen: Der Konsumgüterriese Henkel kooperiert dafür zum Beispiel unter anderem mit der Hochschule Niederrhein, VW mit der niedersächsischen Fachhochschule Ostfalia. 

    Die 34.000 Studenten an der DHBW haben sich ihren Platz hingegen ausschließlich über die Unternehmen gesichert, mit denen die Hochschule kooperiert, insgesamt sind das 9000. Der Standort Mannheim, einer von neun verschiedenen, listet unter seinen Partnern neben SAP noch Konzerne wie VW, die Deutsche Bahn und Deloitte auf. Hinzu kommen Mittelständler wie Mann+Hummel und Brose.

    Mit allen Unternehmen erarbeitet die DHBW die duale Ausbildung, stimmt die Lerninhalte auf die Praxis ab. So sollen Theorie und Praxis einander ergänzen. Viele Projektarbeiten finden nicht nur im Unternehmen oder in der Hochschule statt, sondern werden etwa in der Hochschule und dem Unternehmen umgesetzt. „Die DHBW achtet sehr stark auf die Nähe zur Praxis. Die Dozenten waren vorher in der Wirtschaft tätig oder lehren parallel zu einer Beschäftigung im Unternehmen“, berichtet auch Vanessa Schwarz.

    In seinem Studiengang kommt Christoffer Schneider gar nicht um diese Dozenten herum. Schneider hat an der DHBW in Mannheim mit ein paar Kollegen den Studiengang Betriebswirtschaftslehre - Digital Business Management aufgebaut. Ein BWL-Studium mit viel Informatik. „BWL-Professoren, die jahrzehntelang an der Uni BWL gelehrt haben, können den Studierenden nicht so viel aktuelles Wissen über die Blockchain oder Technologien der Industrie 4.0 beibringen“, sagt Schneider. Die Anforderungen an die Lehrkräfte hätten sich verändert.

    Beruf: Deep-Tech-Gründerin

    Kristina Nikolaus kennt mittlerweile beide Welten. Sie hat ihr duales BWL-Studium bei Daimler absolviert, schrieb die Klausuren am Campus Heidenheim der DHBW. Eine Übernahme bei einer Tochtergesellschaft des Autoherstellers schlug sie jedoch aus. „Mir wurde nach dem Ende des dualen Studiums gesagt, dass ich die erste Studentin in den vergangenen zehn Jahren war, die von sich aus nicht geblieben ist“, sagt Nikolaus heute. Stattdessen machte sie noch einen Master in Wirtschaftsinformatik, an der Technischen Universität Braunschweig. Mit ihrem Bachelor aus dem dualen Studium konnte sie hier nicht prahlen. Im Gegenteil: „Manche Wissenschaftler an der Universität hatten nur Augen für ihre eigene Forschung und haben die Ausbildung an dualen Hochschulen oder Fachhochschulen belächelt und die Absolventen mit Vorwürfen wie 'Da habt ihr ja eh nichts gelernt' abgewertet“, berichtet Nikolaus. Das könne sie nicht nachvollziehen. Schließlich liege die große Stärke der DHBW in der „Praxisnähe der Dozenten“, diese brachten ihr das „Handwerkszeug“ bei, sagt Nikolaus. Dafür sei die Universität deutlich breiter aufgestellt, Nikolaus saß auch in Programmierkursen oder Vorlesungen zur Luft- und Raumfahrt.

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    Heute führt Nikolaus ein vielversprechendes Weltraum-Start-up, Okapi Orbits. Die Software des Unternehmens soll verhindern, dass Satelliten im All mit Weltraumschrott kollidieren. Es ist ein hochwissenschaftliches Geschäftsmodell, das nicht ganz zu den Klischees passt, die sich Nikolaus über ihr duales Studium anhören musste. Und das es ohne ihr dort erlangtes Handwerkszeug sicherlich nicht geben würde.

    Mehr zum Thema: Der Goldstandard vieler Managerlaufbahnen wirkt inzwischen wie ein Auslaufmodell. Im klassischen Betriebswirtschaftsstudium fehlt oft jeder Bezug zum Thema Digitalisierung. Deshalb wechseln immer mehr zu Wirtschaftsinformatik oder in duale Studiengänge.

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