Tauchsieder: Max Weber lesen - statt Karriere-Ratgeber
Soziologe und Nationalökonom Max Weber (1864-1920).
Foto: imago imagesWer sich gegen Ende seines Studiums die Frage stellt, ob er eine wissenschaftliche Karriere anstrebt, kann Kilometer an Karriere-Literatur lesen - oder rund 25 Seiten Max Weber. Der Soziologe und Nationalökonom hat vor 100 Jahren, am 7. November 1917, in einer Münchener Buchhandlung seinen berühmten Vortrag über „Wissenschaft als Beruf“ gehalten – ein Vortrag, der in seiner Mischung aus Klarheit, Eleganz und Zuspitzung noch heute bespielhaft die beiden entscheidenden Fragen aufwirft, auf die alle Forscher, Theoretiker und Lehrer eine Antwort finden müssen.
Diese beiden Fragen sind, erstens: Wie halte ich die Spannung zwischen der Leidenschaft für mein Fachgebiet und der nötigen Wertneutralität meines Erkenntnisinteresses aus? Und zweitens: Wie halte ich den Widerspruch aus, dass ich mit meiner Arbeit an der „Entzauberung der Welt“, durch die Rationalisierung und Entdeckung ihrer Geheimnisse, ein Sinndefizit produziere? Denn natürlich nehmen alle Naturwissenschaften von sich selbst an, dass (ihr) Erkenntnisfortschritt wichtig und wertvoll ist. Das Ironische an dieser Selbstannahme ist bloß, dass sie empirisch nicht belegbar ist.
Max Weber erhellt die Blindstelle der Wissenschaft am „aktuellen“ Beispiel der Sterbehilfe: Die allgemeine Voraussetzung des medizinischen Betriebs sei, „dass die Aufgabe der Erhaltung des Lebens rein als solchen…bejaht“ werde - der „Mediziner erhält mit seinen Mitteln den Todkranken, auch wenn er um Erlösung vom Leben fleht, auch wenn die Angehörigen seinen Tod… wünschen und wünschen müssen.“ Allein ob das Leben lebenswert sei und unter welchen Bedingungen – danach frage die Medizin nicht. Systemtheoretisch gesprochen, bedeutet das: Wissenschaftler aller Bereiche, von Physik und Mathematik über Medizin und Jura bis hin zur Ökonomie folgen ihrer Eigenlogik und arbeiten an der Hervorbringung fachlicher Exzellenz. Die Frage nach dem „Sinn“ ihres Tuns aber beantworten sie nicht.
Im Gegenteil. Mit dem Expansionsdrang der Naturwissenschaften, mit dem Erforschen immer „größerer“ und „kleinerer“ Zusammenhänge (vom Weltraum bis zur Atomphysik) nehmen nicht nur ihr Grenznutzen und ihre Relevanz ab – sondern es vergrößert sich dadurch auch der Abstand der Naturwissenschaften zu den Tolstoischen Sinnfragen: Was sollen wir tun? Wie sollen wir leben?
Adam Smith, Karl Marx, John Maynard Keynes und Milton Friedman: Die größten Wirtschafts-Denker der Neuzeit im Überblick.
Foto: WirtschaftsWocheGustav Stolper war Gründer und Herausgeber der Zeitschrift "Der deutsche Volkswirt", dem publizistischen Vorläufer der WirtschaftsWoche. Er schrieb gegen die große Depression, kurzsichtige Wirtschaftspolitik, den Versailler Vertrag, gegen die Unheil bringende Sparpolitik des Reichskanzlers Brüning und die Inflationspolitik des John Maynard Keynes, vor allem aber gegen die Nationalsozialisten.
Foto: Bundesarchiv, Bild 146-2006-0113 / CC-BY-SADer österreichische Ökonom Ludwig von Mises hat in seinen Arbeiten zur Geld- und Konjunkturtheorie bereits in den Zwanzigerjahren gezeigt, wie eine übermäßige Geld- und Kreditexpansion eine mit Fehlinvestitionen verbundene Blase auslöst, deren Platzen in einen Teufelskreislauf führt.
Mises wies nach, dass Änderungen des Geldumlaufs nicht nur – wie die Klassiker behaupteten – die Preise, sondern auch die Umlaufgeschwindigkeit sowie das reale Produktionsvolumen beeinflussen. Zudem reagieren die Preise nicht synchron, sondern in unterschiedlichem Tempo und Ausmaß auf Änderungen der Geldmenge. Das verschiebt die Preisrelationen, beeinträchtigt die Signalfunktion der Preise und führt zu Fehlallokationen.
Foto: Mises Institute, Auburn, Alabama, USAGary Becker hat die mikroökonomische Theorie revolutioniert, indem er ihre Grenzen niederriss. In seinen Arbeiten schafft er einen unkonventionellen Brückenschlag zwischen Ökonomie, Psychologie und Soziologie und gilt als einer der wichtigsten Vertreter der „Rational-Choice-Theorie“. Entgegen dem aktuellen volkswirtschaftlichen Mainstream, der den Homo oeconomicus für tot erklärt, glaubt Becker unverdrossen an die Rationalität des Menschen.
Seine Grundthese gleicht der von Adam Smith, dem Urvater der Nationalökonomie: Jeder Mensch strebt danach, seinen individuellen Nutzen zu maximieren. Dazu wägt er – oft unbewusst – in jeder Lebens- und Entscheidungssituation ab, welche Alternativen es gibt und welche Nutzen und Kosten diese verursachen. Für Becker gilt dies nicht nur bei wirtschaftlichen Fragen wie einem Jobwechsel oder Hauskauf, sondern gerade auch im zwischenmenschlichen Bereich – Heirat, Scheidung, Ausbildung, Kinderzahl – sowie bei sozialen und gesellschaftlichen Phänomenen wie Diskriminierung, Drogensucht oder Kriminalität.
Foto: dpaJeder Student der Volkswirtschaft kommt an Robert Mundell nicht vorbei: Der 79-jährige gehört zu den bedeutendsten Makroökonomen des vergangenen Jahrhunderts. Der Kanadier entwickelte zahlreiche Standardmodelle – unter anderem die Theorie der optimalen Währungsräume -, entwarf für die USA das Wirtschaftsmodell der Reaganomics und gilt als Vordenker der europäischen Währungsunion. 1999 bekam für seine Grundlagenforschung zu Wechselkurssystemen den Nobelpreis. Der exzentrische Ökonom lebt heute in einem abgelegenen Schloss in Italien.
Foto: dpaDer Ökonom, Historiker und Soziologe Werner Sombart (1863-1941) stand in der Tradition der Historischen Schule (Gustav Schmoller, Karl Bücher) und stellte geschichtliche Erfahrungen, kollektive Bewusstheiten und institutionelle Konstellationen, die den Handlungsspielraum des Menschen bedingen in den Mittelpunkt seiner Überlegungen. In seinen Schriften versuchte er zu erklären, wie das kapitalistische System entstanden ist. Mit seinen Gedanken eckte er durchaus an: Seine Verehrung und gleichzeitige Verachtung für Marx, seine widersprüchliche Haltung zum Judentum. Eine seiner großen Stärken war seine erzählerische Kraft.
Foto: dpaAmartya Sen wurde 1933 in der Universitätsstadt Santiniketan, Indien, geboren. Er ist Professor für Wirtschaftswissenschaften an der Harvard University in Cambridge (Massachusetts). Der Ökonom erhielt 1998 den Wirtschaftsnobelpreis für seine Arbeiten zur Wohlfahrtsökonomie und wirtschaftlichen Entwicklung. Er veröffentlichte im Laufe seiner Karriere mehr als Hundert Forschungsschriften und ist Inhaber rund 90 Ehrendoktortiteln, zum Beispiel von der Universität Toronto. Ein zentraler Gedanke in seinem Werk ist die Idee der Freiheit, er betrachtet diese als die Basis des menschlichen Daseins, die jedes seiner Themen, wie Entwicklung, Armut, Hunger, Markt und Moral, durchdringt. Seine Thesen als liberaler, linker Theoretiker sind nicht unumstritten, so wird beispielsweise sein Begriff von Freiheit und Markt weder von Marktdogmatikern noch von deren Gegnern geteilt.
Foto: dpaIn seiner Heimat ist die Arbeit von Friedrich List (1789 - 18 46) fast vergessen. Die letzte Neuauflage von Lists Hauptwerk liegt 80 Jahre zurück. Er ist der gedankliche Vater des Protektionismus. In Deutschland gilt sein Werk als überholt, doch es bietet theoretisches Rüstzeug, wie der Staat die Wirtschaftsentwicklung fördern kann - und wann er besser die Hände davon lassen sollte. In vielen Schwellenländern erfreut sich die Lehre von List daher großer Popularität.
Foto: dpaDer britische Ökonom David Ricardo (1772 – 1823) machte an der Londoner Börse gute Gewinne und konnte sich Dank seines eigenen Vermögens ganz den ökonomischen Studien widmen. Er machte sich mit dem „Kornmodell“ einen Namen, das auf dem Paper Essay on the Influence of a low Price of Corn on the Profits of Stock basiert, in dem er die freie Korneinfuhr empfiehlt. Nach ihm wurde auch die Ricardianische Äquivalenz benannt – ein Konzept, das sich mit der Wirkung von Steuersenkungen in der Gegenwart beschäftigt, die mit höheren Steuern in der Zukunft refinanziert werden sollen. Auf ihn geht auch die Theorie der komparativen Kostenvorteile zurück, ein Kernstück der Außenhandelstheorie und wesentliche Erkenntnis über die relativen Kostenvorteile internationaler Arbeitsteilung.
Foto: dpaIm Jahr 1987 erhielt der US-amerikanische Ökonom Robert Solow (*1924) den Wirtschafts-Nobelpreis für seine Forschungen zur neoklassischen Wachstumstheorie. Solow entwickelte das sogenannte Solow-Modell, das im Gegensatz zu Keynes Auffassung die Nachfrageentwicklung nicht als bestimmende Determinante des Wirtschaftswachstums ansieht. Sein Solow-Modell erklärt das langfristiges Wirtschaftswachstum in einer Volkswirtschaft nur durch technischen Fortschritt. Solow ist Emeritus-Professor am Massachusetts Institute of Technology.
Foto: Julia Zimmermann für WirtschaftswocheAls Prophet war Marx (1818 – 1883) ein Versager, als Soziologe ein Riese, als Ökonom vor allem ein gelehrter Mann: Karl Marx, der Theoretiker des Industriekapitalismus, wollte nicht nur zu revolutionären Ergebnissen kommen, sondern die Notwendigkeit der Revolution beweisen. Der Mauerfall hat ihn ideologisch entlastet und als originellen Denker rehabilitiert. Seine Lehren über Produktionsfaktoren und die Verteilung von Produktionsmitteln sowie der von ihm geprägte Begriff des Mehrwerts spielen noch heute eine große Rolle.
Foto: WirtschaftsWoche, APWalter Eucken zählt zu den wichtigsten Vordenkern der sozialen Marktwirtschaft in Deutschland. Der Mitbegründer des Ordoliberalismus hat analysiert, wie eine marktwirtschaftliche Ordnung konstruiert sein muss, die Wachstum schafft, Macht begrenzt und den Menschen dient. Der religiös geprägte Eucken glaubte an den Markt, aber nicht an dessen Unfehlbarkeit, er sah die Gefahr, dass wirtschaftliche Interessengruppen den Wettbewerb aushebeln können – und wollen. Noch während des zweiten Weltkrieges arbeitete er heimlich am theoretischen Grundgerüst der bis heute gültigen sozialen Marktwirtschaft in Deutschland.
Foto: PressebildFriedrich August von Hayek (1899-1992) war ein leidenschaftlicher Weltverbesserer. Sein ganzes Forscherleben hat er daran gearbeitet, Planwirtschaft und Kollektivismus wissenschaftlich zu widerlegen, er war leidenschaftlicher Gegner des Sozialismus und Modernisierer des klassischen Liberalismus. Führ ihn waren Freiheit, Eigentum, Gleichheit vor dem Gesetz, Wettbewerb und Marktwirtschaft Eckpfeiler der Zivilisation. Seine Tiraden gegen den Wohlfahrtsstaat haben jahrzehntelang die intellektuelle Brillanz seiner Theorie komplexer Ordnungen überschattet. Der gebürtige Wiener wurde als erster Ausländer an die renommierte London School of Economics berufen. Im März 1944 veröffentlicht er als seine leidenschaftliche Abrechnung mit Sozialismus und Nationalsozialismus, „Der Weg zur Knechtschaft“.
Foto: WirtschaftsWocheJohn Maynard Keynes (1883 – 1946) löste mit seiner Analyse der Unterbeschäftigung in der Weltwirtschaftskrise eine Revolution des ökonomischen Denkens aus. Er forderte, der Staat solle in Krisensituationen die Nachfrage ankurbeln, um Vollbeschäftigung zu gewährleisten. Seine Ideen bedeuteten eine radikale Abkehr von der bisherigen Wirtschaftlehre, die die Angebotsseite ins Zentrum allen wirtschaftlichen Handelns stellte, und beeinflussen bis auf den heutigen Tag Ökonomen, Zentralbanker und Finanzminister.
Foto: WirtschaftsWocheJoseph Schumpeter hat das Grundgesetz des Kapitalismus erforscht: ewiger Wandel durch „schöpferische Zerstörung“. Keiner sah so klar wie er, dass in seinen Krisen nicht nur der Kapitalismus selbst auf dem Spiel steht, sondern auch die Atmosphäre des Fortschritts. Schumpeter gilt als der größte Ökonom des 20. Jahrhunderts. Er hat in zahlreichen Wirtschaftsdisziplinen deutliche Spuren hinterlassen und Begriffe wie „Wagniskapital“, „Firmenstrategie“ und den vierten Produktionsfaktor „Unternehmertum“ sowie das Kreativitätsprinzip eingeführt. Schumpeters Erkenntnisse machen den modernen Kapitalismus bis heute aktuell.
Foto: WirtschaftsWocheDer amerikanische Ökonom Milton Friedman hat die Geldtheorie revolutioniert und sein Leben lang für freie Märkte und weniger Staat gekämpft. Als intellektueller Gegenspieler von John Maynard Keynes spaltete er Wissenschaft und Politik gleichermaßen. Zwischenzeitlich galt er als widerlegt. Jetzt zeigt sich: Friedmans Erkenntnis, dass die Geldmenge die Konjunktur und die Inflation bestimmt, ist aktueller denn je. Die Steuerung der Geldmenge durch Staaten und Notenbanken sah er als eine der wenigen Stellgrößen einer Wirtschaft, in der staatliches Eingreifen sinnvoll und gegebenenfalls nötig war. Er entwickelte die Idee der Bildungsgutscheine, das Konzept der negativen Einkommensteuer und lieferte den Regierungen die Blaupause für flexible Wechselkurse.
Foto: APReinhard Selten ist Deutschlands bislang einziger Wirtschafts-Nobelpreisträger und ein Vorreiter volkswirtschaftlicher Laborversuche. Als Pionier der experimentellen Wirtschaftsforschung hat er die Spieltheorie verfeinert und damit etwa die Analyse von Verhandlungssituationen – etwa bei Lohnverhandlungen – deutlich weiterentwickelt. Selten erhielt den Nobelpreis für Wirtschaft 1994. Er begründete ein Labor für experimentelle Wirtschaftsforschung in Bonn, dessen Koordinator er noch heute ist – im Alter von 81 Jahren..
Foto: dpaDer US-Ökonom Robert Shiller fordert eine neue Volkswirtschaftslehre, die sich der Psychologie von Menschen und Märkten öffnet. Lange war er ein Rufer in der Wüste – in der Finanzkrise ist er zum Massenprediger geworden. Bereits 2005 warnte er vor einer US-Immobilienkrise – die letztlich Auslöser der Finanz- und Schuldenkrise war. Seine Theorien zur Verhaltensökonomie (Behavioral Economics) gelten als Gegenentwurf zur lange propagierten Rationalität der Märkte. In seinen Hauptwerken geht es um Herdentrieb und irrationale Übertreibungen.
Foto: WirtschaftsWochePaul Anthony Samuelson (1915-2009) wurde 1970 mit dem Ökonomie-Nobelpreis ausgezeichnet. Er zählte zu den vielseitigsten Ökonomen des 20. Jahrhunderts, und prägte die Volkswirtschaftslehre wie kaum ein anderer. Samuelson modernisierte den Keynesianismus, indem er Keynes' sowie neoklassische Theorien zu einer Synthese verband, darüber hinaus forcierte er als erster Ökonom die systematische Mathematisierung seines Fachs. Sein in 19 Sprachen übersetztes Standartwerk "Economics" ist bis heute das meistverkaufte VWL-Lehrbuch aller Zeiten.
Foto: LaifDer schottische Ökonom Adam Smith (1723-1790) gilt als Urvater der Nationalökonomie. Er untersuchte als Erster systematisch die wohlstandsfördernde Wirkung von Arbeitsteilung und freien Märkten, und entwickelte die Ökonomie zu einer eigenständigen wissenschaftlichen Disziplin, wo sie zuvor nur als wenig beachteter Teil anderer Fachrichtungen galt. Sein Hauptwerk "Der Wohlstand der Nationen" findet sich auch heute noch auf den Literaturlisten von Volkswirtschaftsstudenten wieder, er gilt als Begründer dessen, was heute als die klassische Nationalökonomie bezeichnet wird. Seine Ideen sind noch immer Basis jeder angebotsorientierten Wirtschaftspolitik.
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Die moderne Wissenschaft kann uns angesichts dieser Dilemmata heute weniger denn je einen Weg zurück „zum wahren Sein“, zum Glück weisen. Max Weber erinnert in seinem Vortrag an ihre Anfänge, die noch geprägt waren vom naiven Glauben (!) an die Erlösung des Menschen durch szientistischen Eifer und positivistischen Geist: von der Überzeugung, dass Beobachtung die Exegese, Experimente die theologische Spekulation und Labore die Kirchen ergänzen (später dann: ablösen) könnten. Man erwartete von der exakten Naturwissenschaft anfangs „den Nachweis der Vorsehung Gottes in der Anatomie einer Laus“, so der niederländische Anatom und Biologe Jan Swammerdam im 17. Jahrhundert – und später dann diesseitige Erlösung vom Zeitalter der religiös motivierten Unwissenheit.
Max Weber indes war sich der Nebenfolgen des zivilisatorischen Fortschritts jederzeit scharf bewusst. Er lief nie Gefahr, „Aufklärung“ und „Vernunft“ als lineare Aufschwungbewegung der Menschheit zu missdeuten, im „Fortschritt“ allein einen segensreichen Prozess der menschlichen Vervollkommnung zu erblicken, mit „Wissenschaft“ bloß eine positiv konnotierte Kritik magischer, religiöser Weltbilder im Namen der Nützlichkeit zu verbinden. Wie auch? Die Chemie zum Beispiel feierte 1917 vor allem in Form von Chlor und Senfgas auf den Schlachtfeldern Europas vernichtende Erfolge.
Dass es heute im Silicon Valley wieder Tech-Jünger gibt, die sich vom „Fortschritt“ eine Lösung der Menschheitsprobleme versprechen – Max Weber hätte für sie wohl nicht mal mehr ein müdes, resigniertes Lächeln übrig. „Dass man… in naivem Optimismus die… Technik der Beherrschung des Lebens als Weg zum Glück“ feiert – einen solchen Unsinn wollte er schon in seinem Vortrag vor hundert Jahren am liebsten „ganz beiseite lassen“. Denn „wer glaubt daran? – außer einigen großen Kindern?“
Den idealen Wissenschaftler stellt sich Max Weber im Anschluss an den späten Goethe daher entsagungsvoll und unbedingt enttäuschungsresistent vor: „Was aber ist seine Pflicht? An die Arbeit gehen der Forderung des Tages gerecht werden.“ Im Einzelnen heißt das:
- Wissenschaft ist Spezialistentum „auf dem Boden ganz harter Arbeit“, so Weber. Wer nicht die Fähigkeit besitze, „sich… Scheuklappen anzuziehen und sich hineinzusteigern in die Vorstellung, dass das Schicksal seiner Seele davon abhängt: ob er diese, gerade diese Konjektur an dieser Stelle dieser Handschrift richtig macht, der bleibe der Wissenschaft nur ja fern“.
- Wissenschaft verlangt die Ausschaltung aller subjektiven Befindlichkeiten, die Verneinung allen Erlebnishungers: „Persönlichkeit auf wissenschaftlichem Gebiet hat nur der, der rein der Sache dient.“
- Der immanente Sinn von Wissenschaft liegt darin, dass sie prinzipiell unabschließbar, dass ihre Aufgabe nie vollendet ist: „Jede wissenschaftliche „Erfüllung“ bedeutet neue „Fragen“ und will „überboten“ werden und veralten.
Vor allem aber muss der Wissenschaftler sich selbst abverlangen, kein „Führer“, sondern ein „Lehrer“ sein zu wollen – ein Lehrer, der sich jederzeit bewusst ist, dass der Fortschritt die Welt nicht (nur) bereichert, sondern auch „entzaubert“ , weil Wissenschaft und Technik den Menschen von der beobachteten Natur distanzieren, ihn sich selbst entfremden – ihm die Möglichkeit nehmen, sich in der Welt als einer durchschauten Matrix aufgehoben zu fühlen.
Weber will der Wissenschaft daher alle Werte austreiben, sie auf strengste Neutralität hin verpflichten: Man habe sich den Pluralismus der Weltanschauungen und Kulturen nach der Ermordung Gottes durch Nietzsche als eine Art Rückkehr zum antiken Götterhimmel vorzustellen, in dem um Ordnungen und Werte gerungen wurde. Die Wissenschaft habe die Unvereinbarkeit der möglichen Standpunkte zum Leben zu akzeptieren, ihre Verhandlung den Propheten und ihre Diskussion den Marktplätzen zu überlassen, sprich: die Entscheidung des Wissenschaftlers für die einen oder anderen „Werte“, unter die er sein Leben zu stellen gedenkt, unbedingt vom Katheder fernzuhalten.
Unabhängig von der seither vieldiskutierten Frage, ob das logisch überhaupt möglich ist: seine Weltanschauung vor den Toren der Universität abzulegen – gerade heutigen Ökonomen, allen voran Michael Hüther etwa oder Marcel Fratzscher, die jeder Statistik einen politischen Spin beimischen, um als ökonomische Zielgruppen-Caterer zu reüssieren, sei die (abermalige) Lektüre des Vortrags von Max Weber dringend ans Herz gelegt.