Wissenschaft: „Wir sollten wichtige Parteipositionen auslosen“
WirtschaftsWoche: Herr Frey, die deutsche Bundesregierung will die Bundeswehr personell aufstocken und junge Männer unter bestimmten Umständen per Losentscheid zum Dienst verpflichten. Wie bewerten Sie als Verhaltensökonom eine solche Strategie?
Bruno Frey: Ein Losentscheid ist eine gute Idee und keinesfalls willkürlich. Allerdings muss es aus Gerechtigkeitsgründen eine Kompensation geben: Wer nicht ausgewählt wird, sollte trotzdem einen Beitrag für die Gemeinschaft oder die nationale Sicherheit leisten.
Was meinen Sie damit?
Deutschland sollte sich am Beispiel der Schweiz orientieren: Bei uns sind alle jungen Männer wehrpflichtig, sofern sie keine gesundheitlichen Probleme haben. Wer nicht eingezogen wird, muss für mehrere Jahre eine sogenannte „Wehrpflichtersatzabgabe“ zahlen. Ein solcher Mechanismus wäre auch in Deutschland wichtig, damit in der Bevölkerung nicht der Eindruck entsteht, es ginge ungerecht zu. Dies wäre nur neues Futter für die Populisten von rechts und links.
Sie haben gerade mit der Arbeit an einem Buch über die „Ökonomie des Zufalls“ begonnen. Was ist Ihre Botschaft?
Wir brauchen eine Renaissance des Losverfahrens in ökonomischen und politischen Auswahlprozessen. In der Wirtschaftsgeschichte hat es diese immer wieder gegeben. Das änderte sich erst mit der Aufklärung und dem stärker rationalen Blick auf die Welt...
… und das hat ja auch seinen Grund: Eine Zufallsauswahl ist hochspekulativ und kann die Falschen an wichtige Schalthebel bringen.
Klar, man braucht eine Vorauswahl von prinzipiell geeigneten Kandidaten. Aber die meisten Menschen und Unternehmen mögen den Zufall prinzipiell nicht, auf seiner Basis Entscheidungen zu treffen, erscheint ihnen irrational. Doch ein Zufallsverfahren schützt vor Machtkonzentration und Vetternwirtschaft. Zudem erhalten dann auch innovative Außenseiter eine Chance.
Konkret: Bei welchen Ämtern halten Sie Losverfahren für möglich – und sinnvoll?
In der Politik könnte man wichtige Parteipositionen per Los auswählen, wenn mehrere adäquate Persönlichkeiten bereitstehen. Heute läuft es ja eher so, dass Intrigen gesponnen und politische Deals getroffen werden oder der regionale Proporz entscheidet. Auch Unternehmen könnten ihren Chef durch Zufallsentscheid bestimmen – natürlich aus einer kleinen Grundgesamtheit von fähigen Kandidaten. Das entwertet persönliche Seilschaften.
Sinkt nicht die Loyalität gegenüber dem Arbeitgeber, wenn pures Glück über eine Führungsposition entschieden hat?
Ja, das Verantwortungsgefühl im Job könnte unter Umständen geringer ausfallen. Die Wahrscheinlichkeit, noch einmal ausgelost zu werden, ist ja äußerst gering. Ich gestehe, das ist ein nicht zu unterschätzender Nachteil einer Zufallsauslese.
Wie fänden Sie es, wenn künftig auch Hochschulprofessoren durch das Los ausgewählt würden?
Warum denn nicht? An der Universität Basel hat es das im 18. Jahrhundert bereits gegeben. Man könnte das Zufallsprinzip aber auch in einem anderen Wissenschaftsbereich anwenden – bei den Fachzeitschriften. Derzeit sieben die führenden Blätter eingehende Beiträge nach einem starren und langwierigen Muster rigoros aus. Mein Vorschlag: Die Journale lehnen schlechte Beiträge sofort ab und nehmen Top-Studien sofort an. Aus den übrig bleibenden Beiträgen wird dann per Zufallsauswahl entschieden, was veröffentlicht wird. Ich glaube nicht, dass die Qualität der Fachzeitschriften dadurch im Vergleich zum jetzigen aufwendigen Reviewprozess leidet.
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