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  4. Gen Z und Bundestagswahl: „Viele haben Angst, den falschen Beruf zu erlernen“

Gen Z vor der Wahl„Wer sehr privilegiert aufgewachsen ist, geht mit einer gewissen Naivität ins Berufsleben“

Ängste und Wünsche junger Menschen finden im Wahlkampf kaum Platz. Beraterin Ronja Ebeling kennt ihre Bedürfnisse und weiß, was sie sich von der Wahl erhoffen.Jannik Deters 18.02.2025 - 15:11 Uhr

Ronja Ebeling hält Keynotes und Workshops zur Generation Z und plädiert für ein faires Generationenmiteinander.

Foto: Marina Weigel

WirtschaftsWoche: Frau Ebeling, welche Sorgen und Ängste haben Jugendliche und junge Erwachsene hinsichtlich ihrer Ausbildung und Karriere?
Ronja Ebeling: Das unterscheidet sich stark zwischen Land und Stadt. In der Stadt ist die Hauptangst, dass sich die Gesellschaft spaltet. Junge Menschen auf dem Land leben teilweise noch in einer Blase. Kevelaer in Nordrhein-Westfalen, wo ich ein Projekt an einer Gesamtschule habe, ist sehr behütet. Da gibt es auch Demos gegen Rechtsextremismus, aber die Jugendlichen nehmen den Rechtsruck selbst nicht so stark wahr.

20- bis 24-Jährige arbeiten so viel wie lange nicht mehr, hat das Nürnberger Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung gerade mitgeteilt. Überrascht Sie das?
Nein, das überrascht mich nicht. Junge Menschen stehen durch die steigenden Lebenshaltungskosten massiv unter Druck – insbesondere, wenn sie nicht mehr zu Hause wohnen. Allein 2023 sind die Mieten für eine Studierendenwohnung im Vergleich zum Vorjahr durchschnittlich um 6,2 Prozent gestiegen. Relativ günstig wohnen die Studierenden noch in Chemnitz oder Magdeburg. Aber allein für diese zwei Hochschulstädte reicht der aktuelle Bafög-Wohnzuschlag gerade noch so aus. Bedeutet: Junge Menschen müssen arbeiten, um sich das Leben leisten zu  können.

Wie blicken sie auf ihre Chancen auf dem Arbeitsmarkt?
Junge Menschen sind mit vielen Dingen konfrontiert, die nicht sicher sind. Wenn sie einen Ausbildungsvertrag unterschreiben, dann bei einem Unternehmen, das ihnen eine Zukunftsperspektive bietet für die nächsten zehn Jahre, das ihnen klarmacht: Das sind deine möglichen Vorbilder, das kannst du nach der Ausbildung bei uns machen.

Zur Person
Ebeling ist 1996 geboren und gelernte Redakteurin. Als Beraterin für Unternehmen und Schulen sowie Podcasterin beleuchtet sie gesellschaftliche Probleme aus der jungen Perspektive. Ihr zweites Buch heißt „Work reloaded: Führungskräfte im Vorstellungsgespräch“.

Beschäftigen sie sich mit dem Fachkräftemangel?
Davon haben sie auf jeden Fall schon mal gehört. Sie wissen: Wenn ich die Schule ordentlich zu Ende bringe, habe ich gute Chancen, einen Ausbildungsplatz oder ein Studium zu bekommen. Andererseits ist die Zahl der Schulabbrecher und der Schulabstinenz deutschlandweit stark gestiegen.

Jugendliche, die der Schule fernbleiben.
Ja, und dementsprechend hat die Zahl der Menschen ohne Berufsqualifikation zugenommen. Das sind zwei Millionen Menschen in Deutschland. Auf eine Stelle, die keiner Qualifizierung bedarf, kommen fünf Menschen. Das sind viel zu viele – während wir in anderen Bereichen einen krassen Fachkräftemangel haben.

Was geschieht mit diesen jungen Menschen?
Ich begleite an einer Jugendwerkstatt in Niedersachsen ein sechsmonatiges Projekt, an dem unter anderem Schulabbrecher und -verweigerer teilnehmen. Andere haben ihre Ausbildung abgebrochen, ein Burnout oder auch mal Drogenprobleme. Viele haben auch Gewalt erlebt. Das Hauptproblem dieser jungen Menschen ist aber, dass sie während der Pandemie ihre Alltagsstrukturen verloren haben und es ihnen nicht gelungen ist, sich in diesen wieder einzufinden. Sie an eine neue Ausbildungsstelle zu vermitteln, ist schwierig. Viele von ihnen habe Probleme, strukturierte Tagesabläufe beizubehalten, selbst wenn sie wieder clean sind oder eine Therapie gemacht haben.

Im Quadrell der Kanzlerkandidaten am vergangenen Sonntag ging es keine Sekunde lang um das Thema Bildung. Wird es im Wahlkampf ausreichend thematisiert?
Das Wort fällt relativ selten. Der Wirtschaftsstandort verliert an Kraft – das verknüpft aber niemand mit fehlender Bildung. Da müssen wir ansetzen, sonst haben wir hinten raus ein Problem.

Erwerbstätigkeit

Studie: Junge Menschen arbeiten deutlich mehr

Konkret, bitte.
Ausbildungsbetriebe beschweren sich, dass junge Menschen psychische Herausforderungen haben oder einfach mehr Zeit brauchen, um ihren Weg zu finden. Das hat einen simplen Grund: Sie hatten aufgrund von Corona keine Phase der Berufsorientierung. Sie konnten keine Praktika machen, um sich auszuprobieren, und brechen dann ein Studium oder eine Ausbildung ab, weil sie feststellen, dass es ganz anders ist, als sie es sich vorgestellt haben. Die Betriebe kostet das Geld und Nerven. Deswegen begrüße ich Ideen wie das freiwillige Handwerksjahr, in dem man vier bezahlte dreimonatige Praktika machen kann, damit wir die verpasste Orientierung großflächig nachholen.

Haben sie den Ansporn und Lust zu arbeiten, in einem Unternehmen Verantwortung zu übernehmen?
Vielen jungen Menschen ist es extrem wichtig, dass ihre Arbeit eine Wirkung hat. Daher würde ich sagen: ja. Manchmal kommt der Wunsch nach Selbstwirksamkeit aber in Form von sehr konkreten Forderungen daher. Von diesen Forderungen fühlen sich manche Vorgesetzte überrumpelt. Mit welcher Selbstverständlichkeit Forderungen gestellt werden, kommt darauf an, wie privilegiert jemand aufgewachsen ist. Ein junger Mensch, der sehr privilegiert aufgewachsen ist, geht mit gewisser Leichtigkeit und Naivität ins Berufsleben. Dem fällt es leicht, Forderungen zu stellen. Auf den Großteil trifft das nicht zu. Ich kenne eine Schülerin, die supersmart ist und davon geträumt hat, Kriminalpsychologin zu werden. Das muss man studieren. Ihre Mutter ist Bäckereifachverkäuferin, ihr Vater Taxifahrer. Ihr war klar, das Studium könnte sie sich nicht leisten.

Aber es gibt doch Bafög.
Ja, aber sie wusste nicht, wie das System funktioniert und wollte ihre Eltern nicht zusätzlich unter Druck setzen. Deswegen entschied sie sich für ein duales Studium beim Finanzamt, in dem sie direkt Geld verdient. Nichts gegen das Finanzamt, aber es ist schrecklich, wenn junge Menschen sich ihren Traum nicht erfüllen können, weil sie von finanziellen Ängsten geprägt sind. Ein Drittel aller Studierenden haben weniger als 800 Euro im Monat zur Verfügung, aber nur zwölf Prozent beziehen Bafög. Steigen die Löhne der Eltern, rutschen mehr Studierende aus dem Kreis der Förderberechtigten – auch wenn gleichzeitig die Lebenshaltungskosten steigen und die Studierenden und ihre Familien unterm Strich nicht weniger bedürftig geworden sind.

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Beschäftigen sich die jungen Menschen, mit denen Sie gesprochen haben, damit, was die Parteien für sie tun – und was nicht?
Kommt drauf an. In der Stadt sind viele politisierter. Auf dem Land setzt das später ein. Unterm Strich holen sich die meisten ihre Infos aus dem Internet und Social Media. Das sind verkürzte Inhalte, die teils ohne Faktenchecks rausgehauen werden oder gar nicht von offiziellen Accounts stammen, sondern von Meme-Accounts, die das unterhaltsam aufbereiten, aber sehr kurz.

Sie betreiben Quellenkunde mit den Schülern?
Viele nutzen für ihre Recherche ChatGPT. Das finde ich in Ordnung, aber es muss klar sein, dass ChatGPT keine Quelle ist. Du kannst es nutzen, musst aber unten schauen, welche Quelle da angegeben wird. So wie mit Wikipedia bei uns damals.

Was erwarten junge Menschen von der neuen Regierung? 
Klimaschutz ist nach wie vor ein großes Thema, auch in der Gesamtschule in Kevelaer, an der ich bin. Viele sind zu den Grünen gegangen, weil sie sich von denen Klimaschutz erhoffen und sie auf kommunaler Ebene noch mal jünger organisiert sind als der Kegelstammtisch der CDU. Das Thema Rente ist für Menschen unter 20 nicht greifbar genug. Aber die Älteren, die alleine wohnen und eigene Kosten haben, beschäftigen sich damit, wie viel sie zur Seite legen können.

Welche Themen sind ihnen noch wichtig?
Neben dem Rechtsruck geht es viel um wirtschaftliche Stabilität. Viele haben aufgrund fehlender Berufsorientierung Angst, den falschen Beruf zu ergreifen, der vielleicht nicht zukunftsfähig ist, wegrationalisiert oder durch KI ersetzt wird. Die fragen sich: Was ist eigentlich sinnvoll zu lernen?

Die Ampelregierung ist zerbrochen und steht zurecht in der Kritik. Hat sie Versprechen an die junge Generation eingelöst?
Das Deutschlandticket war ein großer Punkt, der junge Berufseinsteiger entlastet hat. Die CDU mit ihrer Idee, das Ticket zu streichen, dürfte sich ins eigene Fleisch schneiden. Die Mindestvergütung für Azubis wurde angepasst, auf 955 Euro im dritten Lehrjahr. Das ist gut, aber nicht ausreichend. Dank der 1000-Euro-Starthilfe für Studienanfänger, die Sozialleistungen beziehen, können sich Studierende aus ärmeren Haushalten einen Laptop leisten und werden nicht mehr als Teil der Bedarfsgemeinschaft gesehen, wenn sie zu Hause wohnen. Das führt dazu, dass sie sich unabhängig etwas dazuverdienen können und etwas beiseitelegen können.

Lesen Sie auch: Seit Anfang 2025 erblickt die sogenannte Generation Beta das Licht der Welt. Von Sinn und Unsinn der Alterskohorten.

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