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Anarchie oder Traumjob? Zappos wagt das Unternehmen ohne Chef

Der Online-Schuhhändler Zappos hat im Frühsommer sämtliche Chefpositionen abgeschafft. Seitdem arbeitet jeder Mitarbeiter so vor sich hin. Wie kann das funktionieren?

Hsieh Quelle: LAIF Redux Brad Swonetz

Neureiche Webunternehmer protzen nicht mit ihrem Reichtum. Sie genießen ihn still, in Form von Privatflügen, Pazifik-Villen, exklusiven Clubs oder Groupies beiderlei Geschlechts. Tony Hsieh, Gründer und Chef des Onlineschuhhändlers Zappos, pflegt den ungeschriebenen Code bis ins Extrem. Das Vermögen des 41-jährigen Amerikaners taiwanesischer Eltern wird auf 800 Millionen Dollar geschätzt.
Bei Hightech-Konferenzen mischt sich Hsieh dennoch gern unters Publikum, wo er trotz des „Tony“-Aufklebers auf seinem schwarzen T-Shirt und seiner Navy-Seals-Kurzhaar-Frisur oft unerkannt bleibt. In seiner Wahlheimat Las Vegas lebt er mit einem schwarzen Minikamel namens Marley in einem Wohnwagen.

Aber während New-Economy-Unternehmer ihre öffentliche Bescheidenheit gern mit der Erkenntnis erklären, dass Macht viel wichtiger als Geld sei, hat Hsieh damit gebrochen. Der Harvard-Absolvent ist einer der eifrigsten Jünger von „Holacracy“, einer jungen Managementphilosophie, die den Verzicht auf Macht von oben predigt. Und genau dieses Prinzip hat Hsieh im Frühsommer dieses Jahres bei Zappos eingeführt. 1500 Mitarbeiter, aber keine Chefs; ein Management ohne Manager also – wie soll das funktionieren?

Neue Managementmethoden mit flachen Hierarchien

Ersonnen hat diese Antiführungsphilosophie 2007 der Softwareunternehmer Brian Robertson. Holons sind selbstständige Einheiten aus Mitarbeitern, die mit anderen Holons arbeiten und sich selber zu einer Struktur zusammenschließen – der Holacracy. Das ist ein sich selbst verwaltendes System ohne Hierarchie. Dafür gibt es Regeln in einer „Verfassung“, laut derer Mitarbeiter bei Projekten eine „Rolle verstärken“, Gleichgesinnte in „Zirkeln“ um sich scharen, um „Spannungen“ zu klären und in „taktischen Sitzungen“ den Fortschritt festzuhalten.

Diese Zirkel organisieren sich je nach Aufgabe. Im Gegensatz zu einer pyramidenförmigen Organisation, die mit ihren starren Strukturen laut Hsieh Innovation bremst oder sogar verhindert. „Holacracy ist ein Regelwerk für Anarchie“, flachst Erfinder Robertson. Weltweit verwenden rund 50 Organisationen seine Philosophie, darunter die Unternehmensberatung cidpartners aus Bonn. Zappos ist mit rund 1500 Mitarbeiter der größte und ambitionierteste Anwender.

Diese Führungstypen gibt es in Unternehmen

Hsieh sagt: „Holacracy ist der Garant für konstante Veränderung.“ Er ist schon immer gegen den Strom geschwommen. Wie bei seinem größten Erfolg Zappos, den von ihm 1999 gegründeten Onlineschuhhändler. Den macht er mit großzügigen Rückgaberechten so populär, dass Amazon Zappos im Sommer 2009 für 1,2 Milliarden Dollar übernahm. Amazon-Gründer Jeff Bezos Bedingung war, dass Hsieh als Chef blieb.

Selbstorganisation ist alles

Paradoxerweise hatte er dadurch die Macht, die Macht abzuschaffen. Seit Anfang Mai haben die Mitarbeiter von Zappos in Las Vegas offiziell keine Chefs mehr. 269 Führungskräfte haben dadurch ihren Posten verloren.

Welche Rolle die einzelnen Zappos-Mitarbeiter gerade übernehmen – die Auswahl des Frühjahrssortiments oder die Marketingkampagnen zum Weihnachtsgeschäft –, ist in einer Datenbank festgehalten, die jeder Angestellte einsehen kann. Laut Robertson machen soziale Netzwerke und Messaging-Software den Weg zur Selbstorganisation möglich, weil sich jeder aktuell über den Stand laufender Projekte und die Aufgaben der anderen informieren kann.

Was gute Führung ausmacht

Um Geschäftspartner nicht zu verwirren, haben Zappos Ex-Manager nach außen ihre Titel behalten. Hsieh listet sich auf dem Geschäftsnetzwerk LinkedIn als CEO. Der frühere Marketingchef Matt Burchard ist dort weiter „Senior Director of Marketing and Customer Experience“.

Das Experiment ist umso kurioser, da Hsiehs oberster Chef, Amazon-Lenker Bezos, als überzeugter Mikromanager gilt, der sich in alles einmischt. Aber der Amazon-Chef ist neuen Dingen immer aufgeschlossen und lässt Hsieh gewähren.

Einige Zappos-Mitarbeiter waren da skeptischer: 210 kündigten nach dem Umbau. Das erzeugte so viel Aufruhr, dass einige Mitarbeiter sogar diskutierten, ob Hsieh nicht wegen seines Beharrens auf Holacracy von seinem Posten zurücktreten sollte.

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Auch Managementautor Steve Denning hält wenig von Holacracy: Selbst wenn ein Projektverantwortlicher nicht mehr so genannt wäre, heiße das nicht, dass es keine Manager gäbe. Andere Kritiker warnen vor einer Kaskade von Meetings, wenn niemand entscheiden dürfe.

Hsieh gibt zu, dass einige Dinge wie das Entlohnen von Leistung genauer definiert werden müssen. Er will dem Wandel bis zu fünf Jahre einräumen. Ob so viel Zeit bleibt, könnte ausgerechnet ein Boss alter Schule entscheiden. Amazon-CEO Bezos hat zwar ein Faible für ungewöhnliche Dinge. Doch falls unter Experimenten Wachstum und Kundenzufriedenheit leiden, zieht er die Notbremse.

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