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Motivationsbullshit, Teil 2 Warum ein Leben außerhalb der Komfortzone gefährlich ist

Die sogenannte Komfortzone kann man auch als Schutzzone deuten. Quelle: Fotolia

„Das Leben beginnt am Ende deiner Komfortzone“ – ein Satz, der motivieren und zu Grenzüberschreitungen anstacheln soll. In Maßen ist das eine gute Idee. Der Satz ist trotzdem falsch.

Wild, aufregend, eine Existenz im Grenzbereich. Das verspricht der Motivations-Leitsatz „Das Leben beginnt am Ende deiner Komfortzone“. Bei näherem Hinsehen ist dieser zunächst ermutigend klingende Leitspruch ziemlich großer Quatsch. Man könnte auch sagen: Motivationsbullshit.

Urheberschaft
Das Zitat wird dem New Age-Autor Neale Donald Walsch („Gespräche mit Gott“) zugeschrieben. Wie so oft bei Motivationsbullshit ist die tatsächliche Urheberschaft nur schwer festzustellen, weil viele leicht unterschiedliche Versionen des gleichen Spruchs kursieren.

Die gute Absicht
Der Satz soll Menschen ermutigen, sich nicht von unnötigen Ängsten vom Verfolgen der eigenen Lebensträume abbringen zu lassen. Sie sollen ihre gewohnten Bahnen verlassen lernen, Begrenzungen nicht akzeptieren. Der Satz suggeriert, dass unser tristes Dasein auch etwas völlig anderes sein könnte.

Was ist Motivationsbullshit?

Der Irrtum
Unsere gesamte physische Existenz ist darauf ausgelegt, in einer sehr klar definierten, engen Komfortzone zu stecken. Falls Sie das vergessen haben sollten, rate ich Ihnen zum beherzten Griff auf die heiße Herdplatte. Oder schauen Sie, wie lange Sie ohne Sauerstoff auskommen können. Medizinisch-statistisch betrachtet sollte es also besser heißen: In 99,9 Prozent der Fälle erlischt das Leben am Ende deiner Komfortzone. Doch auch, wenn man sich näher anschaut, was der Spruch wohl eigentlich sagen möchte, ergibt er nicht sonderlich viel Sinn.

Die Falle
Lernen und Entwicklung geschehen nachweislich, wenn wir gefordert, immer wieder auch leicht überfordert werden, vor allem in Begleitung anderer Lernender und idealerweise wohlwollender Mentoren. Unterforderung führt erfahrungsgemäß schnell zu Langeweile. Ständige Überforderung, sich also permanent außerhalb der eigenen Komfortzone zu bewegen, führt hingegen zu Erstarrung oder Panik. In einem solchen geistig-seelischen Zustand lernen wir gar nichts. Stattdessen zeigen wir reflexartige, stereotype Verhaltensmuster. Wir spulen unter solchen Bedingungen automatisierte Programme ab. Spitzfindig könnte man sagen: sich dauerhaft außerhalb der gefühlten Komfortzone bewegen zu wollen, ist einer der sichersten Wege, gerade so zu bleiben, wie man eh schon ist.

Nico Rose ist Führungskraft im Vorstandsstab Personal eines internationalen Medienkonzerns. Der ausgewiesene Experte für Positive Psychologie ist zudem als Coach und Speaker aktiv. Quelle: René Golz

Der wahre Kern
So, wie ein Muskel nur bei gezielter, temporärer Überlastung wächst, so wachsen auch unser Geist und unser Herz vor allem dann, wenn wir uns auf ungewohntes, potenziell verstörendes Terrain begeben, sodass unser System hinreichend stark durcheinandergewirbelt wird. Wir verändern uns als Wesen, wenn wir Angst und Verwundbarkeit zulassen und lernen, diese Zustände produktiv zu verarbeiten.

Kein Leistungssportler würde jedoch auf die Idee kommen, seinen Körper dauerhaft zu überlasten. Stattdessen legen diese Wert auf die Einhaltung von genau kalkulierten Ruhephasen. Muskeln, Sehnen und Gelenke nehmen bei dauerhafter Überlastung Schaden, die Leistungsfähigkeit würde zum Erliegen kommen. Darüber hinaus gibt es in den allermeisten Sportarten aus gutem Grund eine Off-Season, in der sich der Körper regenerieren kann. Es ist folglich hilfreich, ab und an planvoll unsere Komfortzone zu verlassen. Derart können wir die Grenzen derselben gezielt erweitern, ohne in die Panikfalle zu laufen. Es geht um ein achtsames Oszillieren zwischen gewohntem und ungewohntem Terrain.

Fazit
Das dümmste an diesem spezifischen Motivationsbullshit ist aus meiner Sicht, dass er implizit das Leben innerhalb unserer Komfortzonen disqualifiziert, es auf unachtsame Weise entwertet. Die Wahrheit ist: Wir alle benötigen eine Unmenge an Normalität, Gewohnheiten und Rituale. Wir brauchen Komfort als Überlebensgrundlage. Meine ganz persönliche Erfahrung: die Liebe zu meiner Frau und meinen Kindern, die Leidenschaft zu Heavy-Metal-Musik, meine intrinsische Begeisterung zum Schreiben und vieles mehr – all das ist für mich als Mensch, so wie ich bin, Komfortzone pur. Ein Großteil dessen, was mein Leben lebenswert macht, findet innerhalb dieser eng definierten Grenzen statt. Gerade diese sichere Basis ermöglicht es mir, kontinuierlich zu wachsen, meine Grenzen auszutesten und mich als Persönlichkeit zu entwickeln.

Wertung
7 von 10 Bullshit-Punkten

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