Streitwert: Das Problem mit unserer Feedbackkultur
„Wenn du nichts Nettes zu sagen hast, sei doch bitte einfach ruhig“, zischte meine Tochter neulich in Richtung ihres älteren Bruders. In Wahrheit nutzte sie im zweiten Satzteil eine deutlich explizitere Sprache. Aber egal. Auf unser Arbeitsleben übersetzt, ergeben sich aus dieser Prämisse wertvolle Ansätze, wo doch gern betont wird, dass jedes Feedback wertvoll sei. Viel zu spät oder nie messen wir, welche Verheerungen dies anrichtet, wenn Sender und Empfänger nicht ausbalanciert funken.
Menschen, die uns ungefiltert spiegeln dürfen, ohne dass wir Bauchweh bekommen, kann jeder an einer Hand abzählen. Kritisches Feedback ist genau betrachtet erst mal eine Frechheit. Und jeder, der selbstbewusst proklamiert „Ich freue mich über Kritik“, hat definitiv zu wenig Quellen echter Freude im Leben. Bestenfalls haben wir zielführende Mechanismen für uns selbst entwickelt, damit gut umzugehen.
Rückmeldungen zur eigenen Person, Projekten oder Arbeitsweisen sind mit Blick auf ihre individuelle Wertigkeit stark davon abhängig, ob wir selbst darum gebeten haben – oder ob wir qua Funktion in eine Bewertungsmatrix aufgenommen werden. Unsere eigene Tagesform und aktuelle Lebenssituation sind Faktoren, die über die Fruchtbarkeit des Feedbacks entscheiden. Ebenso wie die Frage, ob wir überhaupt die notwendigen Werkzeuge für Verbesserungen an der Hand haben oder ob wir damit nackt in den Erbsen rumstehen. Oder auch: Wer uns kommentiert, mit welchem Ziel und Wissen derjenige das tut, aus welcher Position heraus. Auch kulturelle Unterschiede können die Funkfrequenz empfindlich stören.
So entspricht der positive Ansatz meiner Tochter dem in einigen asiatischen Ländern, wo nur das erwähnt wird, was gut ist. Die Kritik findet sich in dem, was nicht explizit gelobt wurde. Wer danach nicht sucht, wundert sich über unzufriedene Gesichter im nächsten Meeting.
Wenn deutsche Teams auf US-amerikanisches Feedback treffen, sind beide Seiten irritiert: Wer „good work“ zu wörtlich nimmt, weiß nicht, dass die amerikanische Skala noch mindestens fünf Superlative kennt – und geäußerte Bedenken sind durchaus konkrete Probleme, die angegangen werden sollten. Das Ganze scheint mir also so komplex, dass wir Feedback zum Feedback brauchen, um unsere Feedbackkultur wertvoll zu feedbacken.
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