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Vergütungsberater „Aktionäre können Management erpressen“

Michael Kramarsch Quelle: Presse

Für Vergütungsberater Michael Kramarsch sind die unterschiedlichen Interessen der Aktionäre schuld daran, dass Vergütungssysteme so komplex sind. Die Deckelung der Vorstandsgehälter hält er zwar für richtig, den Einfluss der Aktionäre auf die Obergrenze aber für gefährlich.

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Michael H. Kramarsch, Managing Partner der hkp group in Frankfurt, ist Deutschlands prominentester Vergütungsberater. Der gebürtige Österreicher gründete 2011 hkp. Zuvor war er bei mehreren großen Unternehmensberatungen tätig.

WirtschaftsWoche: Herr Kramarsch, als Vergütungsberater müssten Sie doch gerade Hochkonjunktur haben.
Michael Kramarsch: Sie meinen wegen der zum 1. Januar eingeführten Aktionärsrechterichtlinie?

Genau.
Obwohl die börsennotierten Unternehmen bis zum 1. Januar 2021 Zeit haben, um die neuen Regelungen umzusetzen, werden sich viele Konzerne schon auf den Hauptversammlungen in diesem Jahr damit befassen. Das Gros wird aber erst zur Jahresmitte mit der Vorbereitung für die HVs im kommenden Jahr beginnen.

Vergütungsberater wie Sie, sagen Aktionärsvertreter, seien verantwortlich dafür, dass Vergütungssysteme für Vorstände zu kompliziert seien.
Das ist zu viel der Ehre. So viel Einfluss habe ich nicht. Unser Auftrag kommt vom Aufsichtsrat, der sowohl die einzelnen Aspekte der Richtlinie beachten muss, als auch auf die Forderungen der einzelnen Interessengruppen eingehen muss. Wir beraten den Aufsichtsrat dahingehend, wie sich das alles in ein funktionierendes Vergütungssystem umsetzen lässt.

Welche Interessengruppen meinen Sie?
Große Aktionäre mit kurzem Anlagehorizont sind darauf aus, die Vorstandsgehälter an den Aktienkurs zu binden. Anderen Anteilseignern ist es lieber, wenn die Manager nur für das Erreichen langfristiger Ziele belohnt werden. Die Arbeitnehmervertreter wollen Mitarbeiterziele verankert wissen. Der Aufsichtsrat will gute Spitzenkräfte gewinnen, halten und richtig steuern, also schaut er auf die Erreichung wichtiger Kennzahlen – und natürlich auch, wie viel Wettbewerber ihren Vorständen zahlen.

Also sind die Aktionäre selbst schuld, wenn das Vergütungssystem so komplex ist, dass sie es nicht mehr verstehen?
So würde ich das nicht formulieren. Aber Aktionäre haben sehr unterschiedliche Interessenlagen. Als Berater will ich keineswegs Spielregeln bewusst kompliziert machen. Schließlich sollen die Vorstände verstehen, was sie als Vergütungsvertrag unterschreiben. Und um mit einem Trugschluss aufzuräumen: Jeder Vorstand kann sein Vergütungssystem erklären. Sie müssen nur versuchen, etwas zu ändern und werden mit Erstaunen die kompliziertesten selbst erstellten Vergleichsrechnungen präsentiert bekommen.

Sie gelten in der Branche als Bonusmagier, weil Sie mit einer Vielzahl an Gehaltsbestandteilen jonglieren.
Es gibt Bezeichnungen, die schlechtere Laune hinterlassen. Ich finde, da klingt Anerkennung mit für die Aufgabe, alle Anforderungen aus Gesetz und Kodex und von Investoren sinnvoll in einem Vergütungssystem zusammenzuführen. Einzelnen mag das wie Magie vorkommen.

Nach der Aktionärsrechterichtlinie wird die Maximalvergütung gedeckelt. Im Sinne der Aktionäre ist das doch eine gute Maßnahme, oder?
Ich bin der Meinung, dass für angestellte Vorstände, auch wenn sie sehr erfolgreich sind, eine betragsmäßige Obergrenze nötig ist. Aber weil die Aktionäre auf der Hauptversammlung den Deckel für die Maximalvergütung per Beschluss herabsetzen können, hat das auch erhebliche Risiken. Für einen solchen Antrag reichen schon fünf Prozent der Stimmrechte.

Welche Risiken meinen Sie?
Aktivistische Aktionäre können das Management des Unternehmens erpressen, in dem sie damit drohen, die Maximalvergütung herabzusetzen. Allein mit der Drohung könnten sie Maßnahmen, wie den Verkauf einer Sparte durchdrücken. Für das Unternehmen kann eine solche Entscheidung langfristig schädlich sein.

Auf der Hauptversammlung des TUI-Konzerns haben knapp 20 Prozent der Aktionäre gegen ein umstrittenes Vergütungssystem gestimmt. Ein Misstrauensvotum?
Sehen Sie es mir nach, dass wir Einzelfälle nicht kommentieren. Grundsätzlich sind Zustimmungsquoten von mehr als 75 Prozent schon gut. Abstimmungsergebnisse wie in einer kommunistischen Diktatur sind nicht mehr zu erwarten.

Sie sind als Vergütungsberater schon lange im Geschäft. Was hat sich mit der Globalisierung für Ihren Job geändert?
Auch in einer globalen Welt bleibt die Vorstandsvergütung größtenteils national geprägt. Auswanderungswellen von Vorständen in die USA oder andere Länder sind mir nicht bekannt.

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