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WEF in Davos Das Märchen der „Erfindung“ des Weltwirtschaftsforums

Das WEF wurde 1971 im Alleingang vom Wirtschaftsprofessor Klaus Schwab, geboren in Ravensburg, ins Leben gerufen. Quelle: imago images

Davos-Chef Klaus Schwab kultiviert die Erzählung darüber, wie er vor bald 50 Jahren das Gipfeltreffen der Mächtigen erfunden habe. Das Problem: Eigentlich war es ein wenig anders.

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Pünktlich zur Jubiläumsausgabe des Weltwirtschaftsforums (WEF) in Davos hat dessen Chef Klaus Schwab wieder einmal die Chance genutzt, seine Version der Weltgeschichte zu verbreiten. In einer Arte-Dokumentation über das Forum, deren Autoren zwar auch Kritikern des Treffens ihren Platz einräumen und doch in erster Linie Schwab huldigen, darf der große Erfinder schildern, wie es seinerzeit zur Gründung gekommen sei.

Schwab erinnert sich da an seinen Vater, der „mit Ludwig Erhard gut befreundet war, weshalb mich auch dessen Ideen der sozialen Marktwirtschaft beeinflusst haben“. Und dabei, so Schwab, gehe es ja schließlich um das Konzept der Stakeholder, das darin bestehe, Unternehmenserfolg auch daran zu messen, ob die gesamte Gesellschaft von einem Geschäft profitiere. „Und diese Stakeholder wollten wir hier in Davos zusammenbringen“, sagt Schwab. Mehr noch, seinerzeit habe ein Buch mit dem Titel „The Global Village“ kursiert, „und genau das wollte ich hier in Davos schaffen“, so Schwab.

Eine schöne Geschichte ist das. So schön, dass Schwab und seine Leute sie bei diversen Anlässen erzählen – und sie von der Öffentlichkeit als Fakt begriffen wird. Doch sie stimmt nicht ganz, wie der Politologe Jean-Christophe Graz von der Universität Lausanne bereits vor längerem in einer Studie nachgewiesen hat. Anders als von Schwab und dem WEF behauptet, ist er keineswegs der Erfinder des Forums. Vielmehr hat er sich ein bereits existierendes Konstrukt durch gutes Timing und einen für ihn sehr vorteilhaften Vertrag zu Eigen gemacht. Aber der Reihe nach.

Graz, dem es in seiner Studie eigentlich darum geht, den „sozialen Mythos“ von Davos zu überprüfen, schildert darin auch die Anfänge von Davos – in Genf. Dort existierte bereits seit 1956 das Centre d’Etudes Industrielles (CEI), eine inzwischen in der Lausanner IMD aufgegangenen Business School. Das CEI war zunächst eine Kaderschmiede einer Tochterfirma des US-Aluminiumkonzerns Alcoa, hatte sich 1969 aber bereits zu einer allgemein zugänglichen Management-Lehranstalt entwickelt, der sich in diesem Jahr der junge Professor Klaus Schwab anschloss.

Er wurde gleich mit einer organisatorischen Aufgabe betraut: Schwab sollte die Feier zum 25-jährigen Jubiläum der Schule organisieren, die 1971 anstand. Anstelle eines Dinners, wie es üblich gewesen wäre, schlug Schwab schon bald vor, eine große Konferenz namens „European Management Symposium“ abzuhalten. Die Idee, diese ausgerechnet in Davos abzuhalten, ergab sich aus den Kontakten von Schwabs Vater, der als Leiter des Ravensburger Werks des Schweizer Konzerns Escher Wyss in der Industrie weit vernetzt war.

Die Idee war weder besonders originell noch war die erste Ausgabe besonders gut besetzt, attestiert Graz. So waren akademische Konferenzen an abgelegenen Orten seinerzeit durchaus en vogue, zudem bestand die Rednerliste 1971 „zum größten Teil aus Personen, die bereits als Gastdozenten am CEI aufgetreten waren“. 

Viel entscheidender für Schwabs späteren Erfolg waren die Vertragsentwürfe, die er zusammen mit seinem Mitarbeiter Duri Capaul aufsetzte. Die beiden gründeten zunächst eine Firma, die International Education Services, in deren Namen sie sodann dem CEI einen Vertrag über die Organisation der Veranstaltung anboten. Es sei bis heute unklar, so Graz, ob der Direktor des CEI realisiert habe, dass er mit der späteren Unterzeichnung, „zustimmte, die Rollen und Verantwortlichkeiten beider Seiten umzukehren.“

Konkret hieß es in dem Vertrag nun: Schwabs Firma International Education Services (IES) „besitzt alle Rechte bezüglich der Organisation des Symposiums“. Mehr noch, „alle Entscheidungen bezüglich des Symposiums werden an Klaus Schwab delegiert.“ Von nun an war Schwab der Herrscher über Davos.

Dass daraus in den folgenden Jahren und Jahrzehnten eines der bedeutendsten Ereignisse für die Welt des Managements und der Diplomatie wurde, darin sind sich Schwab und Politologe Graz einig, diese Ehre gebührt tatsächlich: Klaus Schwab.

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