Anthropologe im Interview "Gute Neujahrsvorsätze haben etwas Magisches"

Gesünder essen, mit dem Rauchen aufhören, mehr Bewegung: Gute Vorsätze gehören zum Jahresanfang wie das Feuerwerk in der Silvesternacht. Warum das so ist, erklärt der Berliner Professor Christoph Wulf.

Diese Neujahrsvorsätze sind zum Scheitern verurteilt
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Wer wird denn gleich in die Luft gehen? Egal ob im allmorgendlichen Stau, im Büro oder bei der Steuererklärung - unsere Wutanfälle bringen uns nichts und kosten uns unsere Lebenszeit. Das wissen wir und nehmen uns fest vor, uns im kommenden Jahr nicht mehr so viel über Lappalien aufzuregen. Wenn nur der Nachbar, dieser sture Querulant... Ehrlich, es ist doch zum Aus-der-Haut-Fahren! Quelle: aerogondo - Fotolia
Leiden auch Sie unter Prokrastination (Aufschieberitis im Volksmund)? Egal, ob es die Steuererklärung ist, den Keller aufräumen, das Gerümpel vom Speicher endlich mal zum Sperrmüll rausstellen oder einen Termin beim Zahnarzt machen - nichts ist so eilig, als dass es morgen nicht noch viel eiliger wäre. Nur setzt uns dieses Verhalten oft unnötig unter Druck. Deshalb werden wir nicht mehr alles auf den letzten Drücker machen, sondern Dinge sofort erledigen. Damit fangen wir gleich morgen an. Quelle: Fotolia
Mehr Zeit für uns Quelle: Wellness Residenz Schalber,dpa,gms
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Seit wann gibt es den Brauch der guten Vorsätze für ein neues Jahr?

Christoph Wulf: Dass Menschen sich Vorsätze machen, an besonderen Tagen ihr Leben verändern wollen, das ist ein sehr alter Brauch. Den gibt es auch in anderen Kulturen.

Warum ist das so?

Das hängt mit der Konstitution des Menschen zusammen. Wir können unser Leben ein Stück selbst gestalten. Tiere sind instinktgeleitet und haben keine Handlungsfreiheit. Wir Menschen hingegen haben die Freiheit, zwischen Alternativen auszuwählen und Entscheidungen zu fällen. Indem Menschen Wünsche haben, richten sie ihre Energien in eine bestimmte Richtung; sie wollen dann etwas erreichen.

Christoph Wulf ist Professor für Anthropologie und Erziehung an der Freien Universität Berlin. Quelle: dpa

Das hat auch etwas mit Magie zu tun. Man will Einfluss auf sein zukünftiges Leben gewinnen. Es gibt einen Impuls, in dem ich ausdrücke: Das kann ich machen, das ist mein Wunsch, mein Wille. Gleichzeitig gibt es den Wunsch, es möge mir jemand dabei helfen, sei es Gott, seien es Freunde, sei es das Schicksal.

Das sind die Top-Neujahrsvorsätze für 2015

Da spielt dann diese magische Vorstellung eine Rolle, mit der ich die Zukunft zu beeinflussen hoffe. Früher wurde dies oft als Aberglaube abgetan. Doch das muss man sich genauer ansehen. Wir wissen aus vielen Forschungen, dass Entscheidungen, die wir auf der Grundlage von Gefühlen und Wünschen treffen, oft sehr viel wirksamer sind als Entscheidungen auf der Grundlage rationaler Vorstellungen.

Warum ist der Jahreswechsel dabei ein so besonderes Datum?

Das ist in vielen Kulturen so. In Japan bedankt man sich zum Beispiel bei den Geistern in der Silvesternacht erst einmal für das gute letzte Jahr und wünscht sich, dass das neue Jahr auch Gutes bringt. Auch bei uns wird das Jahresende als Einschnitt empfunden, es wird etwas abgeschlossen und man hofft, etwas Neues beginnen zu können.

Ist bei den guten Vorsätzen das Scheitern nicht schon programmiert?

Wir sind nicht vollkommen. Wir haben immer Schwächen und Brüche in uns, die uns daran hindern, unsere Wünsche zu realisieren.

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Diese Unzulänglichkeiten zeigen sich natürlich auch bei solchen Vorsätzen, die eben, wenn sie nur Vorsätze sind, nicht so einfach realisiert werden können. Da müssen noch andere Faktoren hinzukommen. Es lässt sich nicht alles verwirklichen, was man sich wünscht. Aber das heißt natürlich nicht, dass man sich nicht Dinge vornehmen kann, dass man sie nicht angehen kann und dass man sie nicht wenigstens zum Teil realisieren kann.

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