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Digitalisierte Arbeit Fördern wir die falsche Art Künstlicher Intelligenz?

Roboter und Mann schütteln sich die Hand Illustration Quelle: Fotolia

Künstliche Intelligenz sollte stärker darauf setzen, menschliche Arbeit produktiver zu machen, anstatt sie ersetzen zu wollen. Anderenfalls drohen steigende Ungleichheit und niedrigere Löhne. Ein Gastbeitrag.

Keine Frage: Die Künstliche Intelligenz (KI)  verändert jeden Aspekt unseres Lebens. Als Universaltechnologie sind die Anwendungen der KI potenziell endlos. Sie kann einerseits menschliche Arbeit produktiver machen. Sie kann aber auch Aufgaben automatisieren, die zuvor von Menschen ausgeführt wurden.

Leider geht der aktuelle Trend in der kommerziellen KI-Entwicklung in genau diese Richtung – mit potenziell verheerenden Folgen für die Gesellschaft. Durch den Ersatz von Menschen durch Maschinen in der Produktion reduziert Automatisierung den Anteil der Arbeitskräfte an der Wertschöpfung (und dem Volkseinkommen), trägt zur Ungleichheit bei und kann Beschäftigung und Löhne reduzieren. Anders ausgedrückt: Die Flut der Automatisierung bringt nicht automatisch alle Boote zum Schwimmen.

Schauen wir zurück: Zu Beginn der industriellen Revolution war die Automatisierung ein Motor der Produktivitätssteigerung. Vor allem, seit ab dem späten 18. Jahrhundert das Weben und Spinnen mechanisiert wurde. Die meisten modernen Volkswirtschaften erlebten seit der industriellen Revolution ein robustes Lohn- und Beschäftigungswachstum. Zwar ersetzte die Automatisierung in vielen Bereichen die menschliche Arbeitskraft, zugleich aber entstanden stets andere Technologien, die eine zentrale Rolle der Menschen im Produktionsprozess wiederherstellten und neue Tätigkeiten kreierten, bei denen der Mensch einen komparativen Vorteil hat. Diese Technologien trugen nicht nur zum Produktivitätswachstum bei, sondern ließen auch Beschäftigung und Löhne steigen und führten zu einer gerechteren Verteilung der Ressourcen.

Die Gastautoren

Nehmen wir das Beispiel der landwirtschaftlichen Mechanisierung, die im 19. Jahrhundert begann: Zunächst kam es zur Substitution von Arbeitskräften durch Maschinen. Aber gleichzeitig benötigten die aufstrebenden neuen Industrien zusätzliche Arbeitskräfte, um ihre neuen Aufgaben zu erfüllen. Ein ähnliches Muster des technologischen Wandels förderte in den Jahrzehnten nach dem Zweiten Weltkrieg gleichermaßen die Beschäftigung und das Lohnwachstum für hochqualifizierte und gering qualifizierte Arbeitskräfte.

Die Ära der Digitalisierung unterscheidet sich jedoch von früheren technologischen Revolutionen. In den vergangenen drei Jahrzehnten fehlte die Kompensation, um die Auswirkungen der Automatisierung auf die Arbeitsverhältnisse auszugleichen. Stattdessen stagnieren das Lohn- und Beschäftigungswachstum. Das Produktivitätswachstum blieb anämisch. Ungünstiger Weise scheint die KI diesen Trend zu verschärfen – was zu noch größerer Ungleichheit und vielen weiteren Jahrzehnten mit langsamem Lohnwachstum und sinkender Arbeitsmarktbeteiligung führen kann.

Allerdings ist das nicht zwingend. Im Gegenteil. KI kann auch dazu beitragen, Aufgaben umzustrukturieren und neue Beschäftigungsformen zu schaffen. Im Bildungsbereich beispielsweise kann die Echtzeit-Datenerfassung und -verarbeitung durch KI-Systeme die Lehrer in die Lage versetzen, individuellen Unterricht anzubieten, der auf die Bedürfnisse jedes Schülers abgestimmt ist. Ähnliches gilt für das Gesundheitswesen. Und die potenziellen Vorteile der KI für die Arbeitswelt sind nicht auf Dienstleistungen beschränkt. Dank der Fortschritte in der virtuellen Realität kann sie auch genutzt werden, um neue Aufgaben für den Menschen im High-Tech-Bereich zu schaffen, der derzeit vielerorts von Industrierobotern dominiert wird.

Neue Technologien generieren zudem nicht nur Vorteile für die Erfinder und Erstanwender, sondern auch für andere Hersteller, Arbeitnehmer und Verbraucher. Das Problem ist, dass Technologiemärkte weniger gut funktionieren, wenn konkurrierende Paradigmen im Spiel sind. Je mehr das Automatisierungsparadigma voranschreitet, desto mehr wird der Markt die Investitionen in diesem Bereich auf Kosten anderer Paradigmen bevorzugen, die neue arbeitsintensive Aufgaben schaffen könnten.

Hinzu kommt ein weiteres Problem der neuen KI-Technologien: Das Feld wird von einer Handvoll großer Technologieunternehmen dominiert, deren Geschäftsmodelle eng mit der Automatisierung verknüpft sind. Diese Unternehmen stemmen den größten Teil der Investitionen in die KI-Forschung und haben ein Geschäftsumfeld geschaffen, in dem die Entfernung von fehlbaren Menschen aus den Produktionsprozessen als technologischer und wirtschaftlicher Imperativ angesehen wird.

Anders ausgedrückt: Die Einführung neuer Automatisierungstechnologien ist profitabel geworden, auch wenn die Technologien selbst nicht besonders produktiv sind. Wir müssen uns also fragen, ob wir nicht eine falsche Art von KI fördern. Wir könnten mehr Wohlstand schaffen, indem wir ein offensichtliches Marktversagen erkennen und die KI wieder stärker auf die Schaffung neuer produktivitätssteigernder Aufgaben für die Menschen ausrichten.

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