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Emotionen in der Krise „Typisch deutsch ist: sich in die Mitte kuscheln“

Ein Zeichen dafür, dass die Angst immer stärker in den Alltag einsickert: Gesichtsmasken, wie hier in einem Laden am Strand von Brighton. Quelle: dpa

Corona verunsichert viele Deutsche. Für Angstforscher Ulrich Hoinkes ein Umstand, an den wir uns gewöhnen sollten. Im Interview erklärt er, warum Emotionen unsere Gesellschaft immer stärker prägen.

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Ulrich Hoinkes ist Professor für Romanistik an der Universität Kiel. Er hat das Projekt „Anxiety Culture“ mit der Columbia Universität in New York gegründet, in dem interdisziplinäre Wissenschaftler die Angst als prägendes Gefühl unserer Zeit erforschen.

WirtschaftsWoche: Herr Hoinkes, die vergangenen Jahre wirkten auf mich relativ stabil und sicher. Der Angstindex, den die R+V Versicherung jährlich erhebt, lag 2019 auf einem historisch niedrigen Niveau. Bringt das Coronavirus die Angst zurück in die Gesellschaft?
Ulrich Hoinkes: Ich muss schon der Grundannahme widersprechen. Sie und ich, wir gehören zum privilegierten Teil der Gesellschaft. Wir haben einen guten, sicheren Job, werden nicht diskriminiert, natürlich hatten wir weniger Ängste. Die vergangenen Jahre waren zwar stabil, aber für viele Menschen auch voller Sorge.

Woran machen Sie das fest?
In den Tagesthemen wurde kürzlich nach all den Horrormeldungen zum Coronavirus gezeigt, wie sich Menschen auf ihre Balkone stellen und die Ode an die Freude spielen. Da sehen sie fast nur mustergültige Familien der Mittelschicht. Denen geht es auch jetzt noch verhältnismäßig gut. Aber wir haben so viele Mitbürgerinnen und Mitbürger, die weniger besitzen, die zum Teil ihre Wurzeln woanders haben, die ausgegrenzt oder benachteiligt werden. Deren Leben sieht anders aus. Und wenn Sie sich den öffentlichen Diskurs anschauen und akzeptieren, dass er ein Maßstab dessen ist, was wirklich gedacht wird, dann müssen Sie sich eingestehen, dass sich die Angst seit Anfang der 2000er-Jahre immer stärker und kontinuierlich aufgebaut hat. Auch Statistiken, die die Zunahme von generellen Angststörungen in unserer Gesellschaft belegen, sprechen dafür.

Dieses Gefühl einer allgemeinen Ängstlichkeit, das Sie beschreiben, wirkt rückblickend wie ein abstraktes Grundrauschen, das durch die aktuelle Pandemie plötzlich greifbar wird.
Mir gefällt das Wort Grundrauschen, aber ich sehe es weniger durch Angst geprägt, als durch zwei verwandte Gefühle: Verunsicherung und Ohnmacht. Zusammen lassen sie bei Menschen den Eindruck entstehen, dass wir die Situation nicht angemessen im Griff haben und für viele drängende Fragen keine richtige Lösung finden.

Ein Satz, der auch auf unseren Umgang mit der Klimakrise zutrifft, die vor Kurzem noch als oberste Priorität galt.
Gerade die Klimadebatte ist von der Überzeugung geprägt, dass wir an Punkte gelangt sind, die wir nicht mehr rückgängig machen können. Gleiches gilt auch für andere drängende Zukunftsfragen: Wir steuern auf Wendepunkte zu. Das macht Ängste konkreter. Es entsteht das Gefühl, es gäbe kein Zurück, der Zug sei abgefahren. Das schafft größeres Angstbewusstsein. Wir beobachten bei der Zunahme von Angststörungen, dass die üblichen, biografischen Ursachen oft nicht mehr greifen. Es sind eher der Klimawandel oder andere weltweite Unsicherheiten, die dazu führen, dass die Angst wächst.

Sie beschreiben diese Entwicklung als den Beginn der „anxiety culture“. Was genau meinen Sie, wenn Sie von Angstkultur sprechen?
Es handelt sich um einen Paradigmenwechsel, in dessen Folge Stimmungen und Emotionen unsere gesellschaftliche Dynamik in einem großen Ausmaß mitbestimmen. Früher haben wir rationale Prinzipien eingesetzt, um auszuhandeln, wie wir die Risiken unserer Gesellschaft eindämmen. Der Soziologe Ulrich Beck nannte das Risikogesellschaft. Sie basierte darauf, dass alles, was wir tun, riskante Nebeneffekte hat, gegen die wir uns versichern müssen, durch Regulierungen, internationale Abkommen oder eben Versicherungspolicen.

Davor fürchten sich die Deutschen

Das gilt heute nicht mehr?
Wir könnten das tun, aber zu viele Verantwortungsträger halten sich nicht mehr daran. Schauen Sie, was ein US-Präsident Donald Trump mit solchen Risikoabsicherungen macht. Er wischt das alles zur Seite. Deshalb stehen wir vor großer Unsicherheit. Das gilt nicht nur für die Politik. Auf viele Fragen hat auch die Wissenschaft keine absoluten Ansagen mehr, im Sinne von „Macht es so, dann ist es richtig.“ Selbst wenn wir die Prinzipien der Vernunft hochhalten, dann werden Sie feststellen, dass man sie immer wieder aushandeln muss gegen Formen des Affekts, der Emotionalität, die eine unglaubliche politische und gesellschaftliche Macht entwickeln.

Wie kann man als Gesellschaft mit der Angstkultur umgehen?
Unser normaler Impuls wäre: Oh, da ist Angst im Spiel, die müssen wir überwinden. Da ist Verunsicherung, die müssen wir beheben. Aber: Die Angstkultur ist eine Tatsache, eine moderne Lebensrealität von uns allen. Wir müssen lernen, damit zu leben. Und wir müssen versuchen, dort wo es geht, Klarheit zu schaffen, die wesentlichen Prinzipien der Aufklärung hochzuhalten.

Was bedeutet das aktuell während der Coronapandemie?
Auf mich wirkt es so, dass jetzt, wo wirklich klar wird, wie drastisch das Ausmaß der Krise ist, bei den Individuen eine Art Ruhe entsteht. Klar, Angst besteht noch um geliebte Angehörige, die man nicht verlieren will. Aber das diffuse Gefühl ist weg und plötzlich sind die Menschen bereit, sich angemessen zu verhalten. Wir haben aber auch gesehen, wie es davor war: Da war es schwierig Gemeinschaft, Toleranz und Solidarität aufrechtzuhalten. Da sah man Egozentrismus in Coronaparties oder übertriebenen Hamsterkäufen.

Durchschnitt aller Ängste im Zeitverlauf

Den Deutschen wurde schon immer ein besonderer Umgang mit ihrer Furcht nachgesagt, die so genannte „German Angst“. Existiert sie tatsächlich?
Ja, die gibt es. Genau wie es eine französische oder US-amerikanische Angst gibt. Wir haben eine spezifisch deutsche Kulturgeschichte und die prägt natürlich unseren Umgang mit Angst. Es gab die Nazi-Zeit, den RAF-Terrorismus, das Waldsterben, Sorgen um den Datenschutz. Der Historiker Frank Biess hat in seinem Buch „Republik der Angst“ die Entstehung der Bundesrepublik als eine Geschichte der Angst nachgezeichnet. Das ist schwierig zu pauschalisieren, allein das Buch ist 600 Seiten lang. Wenn Sie es trotzdem verkürzen wollen: Sich gegen alles zu versichern, das ist eine typisch westdeutsche Form des Umgangs mit Angst. Zudem haben wir einen hohen Wohlstand und wir sind relativ weich gebettet durch alle Krisen gekommen. Typisch deutsch ist daher auch die wirtschaftliche Bewahrungsangst.

Und sind wir ängstlicher als andere Länder?
Die German Angst ist nicht stärker, aber eher darauf zugespitzt, dass wir ein Problem mit Risikobereitschaft haben. Es gibt viele Verordnungen, für alles Bürokratie, Gerichtsfälle enden oft im Vergleich, wir wollen alles aushandeln. Radikalität ist hier sehr negativ besetzt. Aber wenn man in einer Sackgasse steckt, helfen nur radikale, also von der Wurzel her verändernde, Lösungen. Wir verwechseln das oft mit Extremismus. Typisch deutsch ist: sich in die Mitte kuscheln. Gerade in der Coronakrise zeigt sich jedoch, dass eine radikale Lösung wie das Kontaktverbot als hilfreich und angemessen wahrgenommen wird.

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