Freizeittrend Malen ist das neue Meditieren

Aufwendige Malbücher für Erwachsene werden zu Bestsellern. Vor allem eine Britin verdient an der neuen Lust zur Selfmade-Kunst.

Johanna Basfords

Vermutlich war es nur eine Frage der Zeit, bis der Retro- und Selbermachtrend in den Besser-Wohnen-Vierteln westlicher Metropolen von echtholzgetäfelten Handwerksbäckereien, kernigen Craft-Beer-Verkäufern und heimeligen Wochenmärkten auch in die Wohnzimmer überschwappt und dort neumodische Freizeitvertreiber wie das iPad oder die xBox zurückdrängt. Dennoch überrascht es, mit welcher Dynamik in den vergangenen Monaten ein irgendwo in der Kindheit zurückgelassen geglaubtes Relikt wie das Malbuch in die Welt gestresster Kopfarbeiter Einzug gehalten hat. Das ist mit dem Namen Johanna Basford, auf die noch zurückzukommen sein wird, verbunden, und mit einer wachsenden Sehnsucht nach Ruhe und Entschleunigung.

Und so freut sich die des Fröhlichen in den vergangenen Jahren nicht allzu verdächtige Buchverlagsbranche in diesem Frühsommer über einen schönen neuen und bestens verkäuflichen Trend: Malbücher für Erwachsene. Nein, kein Malen nach Zahlen, wie es in den Neunzigern mal unter nicht ganz so Kunstbegabten, die sich dennoch über hübsche Bilder Marke Eigenbau freuen wollten, beliebt war. Sondern edle, meist in Schwarz- oder Tintenblauweiß gehaltene Bücher, deren vorgezeichnete Seiten Hipster in Prenzelberger Cafés genauso mit Farben ausfüllen wie mittagspausierende Investmentbanker in London beim Versuch, kurz herunterzukommen.

Was die Zeichnungen über ihre Schöpfer aussagen
Anlass: Der Zeichner hat diverse Kritzeleien eingesandt, die bei verschiedenen Anlässen entstanden sind: Abteilungsversammlungen, Schulungen oder Telefonaten. „Sobald ich ein Papier und einen Stift in die Hand bekomme, muss ich kritzeln“, sagt der Urheber. Interpretation: Die Zeichnungen sprechen für stabile Charaktereigenschaften. Alle Bilder sind ähnlich: fester Druck, geschwungene Linien und gut übers Blatt verteilt – alles ohne Text. Sie wirken wie phantasievolle und kreative Figuren. Der Kritzler ist ein leidenschaftlicher, nach Harmonie strebender Mensch. Er ist reich an Ideen, kommunikativ, erfolgsorientiert und kommt gut mit anderen klar.
Anlass: Das Foto zeigt den Ordner eines Studenten der Elektro- und Informationstechnik, den er sieben Semester lang in Vorlesungen und Seminaren dabei hatte. Zwei der gezeichneten  Tiere, nämlich der Rabe und das Yak, lehnen sich an die Nachnamen zweier Kommilitonen an. Interpretation: Während der drei Jahre hat der Student in verschiedenen Gefühlszuständen gekritzelt. Seine Tierskizzen weisen auf einen sehr selbstbewussten Menschen hin, der sich teilweise seinen Kommilitonen und Dozenten gegenüber überlegen fühlt, ohne ein Besserwisser sein zu wollen. Des Weiteren ist der Kritzler meistens sehr nüchtern und vernünftig. Das Haus vom Nikolaus, die Rechtecke und Zahlen verraten im positiven Sinne, dass er für das Studium der Elektro- und Informationstechnik ideal geeignet ist. Er hat aber auch alberne Momente, wie der Teddybär ganz oben und das eckige Kamel zeigen.
Anlass: WiWo-Redakteur Tim Rahmann verziert regelmäßig sein Handelsblatt während der Redaktionskonferenz. Interpretation: Rahmann ist ebenfalls ein sehr nüchterner Typ. Der Redakteur malt die weißen Buchstaben der Überschrift mit Strichen, Buchstaben und Sternen sehr kreativ, fast vernünftig und korrekt aus. Die große Genauigkeit fällt auch bei den geschwärzten Buchstaben auf –  besonders bei dem kleinen g. Er ist ein kluger und rationaler Mensch, der alle Themen sehr nüchtern durchdenkt. Dabei ist er nicht kalt wie eine Hundeschnauze, sondern emotional zuverlässig und ausgeglichen.
Anlass: Die Kritzel-Künstlerin bemalt ihre Schreibtischunterlage, während sie telefoniert. Interpretation: Die Unterlage zeigt Kritzeleien von mehreren Tagen. Die Zeichnerin ist ihrer Arbeit gegenüber positiv eingestellt. Das zeigt die Mischung aus Text und Bildern. Ihre Freunde schätzen sie und können alles mit ihr besprechen. Die gezeichneten Blumen sprechen für Harmonie mit Freunden.  Außerdem würde die Frau gerne mehr flirten, was das zarte Mädchen mit dem wehenden Rock verrät. Auch das Herz und die geschwungenen Linien sprechen für eine aufgeschlossene Person mit viel Herzblut.
Anlass: Während einer Fortbildung hat der Zeichner diese Kritzelei zu Papier gebracht. Interpretation: Sein Bild verrät seine kritische Teilnahme an der Fortbildung, weil manche Elemente wie Augen wirken. Diese können aber auch Selbstkritik ausdrücken. Der Kritzler ist klug, zurückhaltend und gelassen. Die Bänder und gebogenen Linien sprechen für seine Zurückhaltung. Die unterschiedliche Druckstärke weist auf Vielseitigkeit und Anpassungsfähigkeit hin.
Anlass: Die Projektleiterin kritzelt während Konferenzen, in denen sie keinen aktiven Part hat. „Ich kann mich besser auf den Monolog konzentrieren, wenn ich kritzle“, sagt sie.   Interpretation: Die Projektleiterin zeichnet mehrfarbig, benutzt sowohl rote, blaue, türkise als auch schwarze Kugelschreiber. Sie hat alles dabei, ist gut organisiert. Teilweise erkennt man an der Farbwahl sicheres Entscheiden.  Der Text befindet sich vorwiegend oben und rechts auf dem Blatt, was für viele Kritzler typisch ist. Das eingepasste Bild zeigt einen phantasievollen und kreativen Menschen, leidenschaftlich, Harmonie suchend. Die gebogenen Linien mit fast perspektivischer Wirkung verraten, dass Streit meist von vornherein vermieden wird.
Anlass: Der Student zeichnete das Bild während einer Vorlesung auf seinem Tablet. „Bestanden habe ich das Fach trotz dieser kleinen bunten Ablenkung“, sagt der Masterstudent. Interpretation: Diese Zeichnung ist ein Beispiel dafür, dass Kritzeleien in Gemälde übergehen können. Der Heißluftballon und die Vögel weisen auf Selbständigkeit hin. Auch Realitätssinn, Ordnung und Harmonie können herausgelesen werden.
Anlass: Die Studentin kritzelte diese Gebilde während einer Marketingvorlesung. Sie sei zu diesem Zeitpunkt erschöpft gewesen, sagt sie. Da sie zum einen schon sieben Stunden in Hörsälen und Seminarräumen  verbracht und zum anderen eine schlaflose Partynacht hinter sich hatte. Interpretation: Einigermaßen gekonnt sind die Vögel. Eher primitiv hat die Studentin die beiden Menschen skizziert. Das weist auf Humor hin. Der Honigtopf und die Musiknoten verraten ebenso wie die Bienen Lebenslust. Insgesamt spiegelt das Gekritzel aber eher die Lustlosigkeit an der Vorlesung wider, da einige Elemente – wie der Teddybär – sehr einfach gehalten sind.

Fan-Post von Anwälten und Bankern

Star der Szene ist die 32-jährige Britin Johanna Basford, deren Erstlingswerk „Mein verzauberter Garten“ sich in 14 Ländern 1,5 Millionen Mal verkaufte und derzeit bei vielen Buchhändlern zwei- bis vierwöchige Lieferzeiten hat, weil der Druck der Nachfrage hinterherhinkt. 1,5 Millionen in einer Branche, in der knapp sechsstellige Verkaufszahlen schon als Bestseller gelten. Kein Wunder, dass allerlei aufs eher Kreative spezialisierte Verlage nun nachziehen und zum Teil mit Autoren-Malbüchern, zum Teil mit No-Name-Nachmacherprodukten auf Leser- beziehungsweise Malerfang gehen.

Das sagen ihre Kritzeleien über Sie aus

Die Frau, die den Trubel entfacht hat, ist eigentlich Werberin – und verlor in den Nachwehen der 2008er-Banken-und-Finanzkrise ihren Job. Sie hatte zuvor Kampagnen für internationale Konzerne von London aus entworfen. Wer ihre Bücher als klassischen Geschenke-Nippes abtut, der zwar hübsch aussieht, aber beim Beschenkten dann schnell ungenutzt verstaubt, dem hält sie ihre zahlreiche Fan-Post entgegen. Insbesondere gestresste Banker und Superanwälte aus der Londoner City würden ihr schreiben, sagt Basford. Das ruhige Ausfüllen der vorgegebenen Fläche wirke nahezu meditativ. Ganz ähnlich übrigens wie das ebenfalls in den einschlägigen Berufsgruppen beliebt gewesene Origami-Falten.

Mit dem "Zauberwald" runter vom Adrenalin

Und das Bedürfnis, sich von vorgezeichneten Büchern wie Basfords Zweitwerk „Mein Zauberwald“ oder eben „Mein verzauberter Garten“ vom Alltags-Adrenalin herunterholen zu lassen, verspüren viele. Mehr vor allem als jemals gedacht. Der Knesebeck-Verlag, der die Basford-Bücher in Deutschland herausgibt, hat Probleme, mit dem Erfolg schrittzuhalten. Kein Wunder, nach der weltweiten Millionenauflage von Basfords Erstling hat auch „Mein Zauberwald“ mehr als 250.000 Exemplare verkauft. Dabei ist es auch hier nicht einfach, an ein Exemplar zu kommen. Das Buch ist meistens ausverkauft. Die Startauflage von „Mein Zauberwald“ war nach drei Wochen vergriffen. Der Verlag hatte eigentlich damit gerechnet, dass sie mindestens ein halbes Jahr hält. Nun wird nachgedruckt.

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„Ink Evangelist“ nennt Basford sich in Anspielung an die Tinte, mit der sie ihre Manuskripte zeichnet. Und Jünger hat sie schon evangelistengleich. Genau wie Trittbrettfahrer. Fernsehserien wie „Game of Thrones“ lassen sich genauso im Malbuch nachzeichnen wie die Seiten autorenloser Malbücher, die nun die Buchhandlungen fluten. Was ihnen meist gemein ist: Farbig zu füllen sind allerlei Blümchen, Blätter und sonstige Heile-Welt-Insignien.

Der Neo-Biedermeier springt nun also nach der Populär-Innenarchitektur und der Bahnhofs-Zeitschriftenhandlung in die Sphäre von Kunst und Literatur. Schlimm, wie erste Kulturpessimisten fürchten? Vermutlich nur ein Trend.

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