Gender Pay Gap Der Kampf um die Lohnlücke

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Aufklärung und bessere Kinderbetreuungsangebote als Ausweg

Wenn Waltraud Kratzenberg-Franke Argumente hört, dass Frauen sich doch nicht auf für sie benachteiligende Konstellationen einlassen müssten, dass sie mit ihrem Partner die Arbeitsverteilung aushandeln und sich vor allem nicht auf die überkommene Aufteilung der Steuerklassen in die Kategorien 3 und 5 einlassen müssten, kommt sie in Fahrt. „Die Gründe, warum mit 21 Prozent die reale Lohnlücke abgebildet wird, liegen unter anderem an strukturellen arbeitsmarktrelevanten Merkmalen. Es reicht nicht, zu sagen: ‚Geht doch Vollzeit arbeiten, dann verdient ihr auch mehr oder sucht euch direkt Berufe aus, in denen besser bezahlt wird.‘“ Wichtig sei es auch, die nicht bezahlte Care-Arbeit, die zum größten Teil von Frauen geleistet werde, mit in die Betrachtung einzubeziehen. „Wer organisiert Kinder, Haushalt, Pflege von Angehörigen etc.? Und wer reduziert sein Berufstätigkeit, um diese Aufgaben zu bewältigen?“

In Berliner Szenestadtteilen mag der Hipster mit Babytrage mittlerweile zum Stadtbild gehören und die gleichberechtigtere Arbeitsteilung einer zunehmenden Zahl von Paaren symbolisieren: Die traditionellen Rollenmuster seien außerhalb davon noch stärker, als mancher denkt, mahnt Kratzenberg-Franke. Sie beeinflussten die Berufswahl, die daraus entstehende Lohnlücke setze sich wie ein Teufelskreis fort, weil sie schlechtere Einkommensperspektiven und niedrigere Erwerbsbeteiligung nach sich zieht. 

Zudem wüssten viele verheiratete Frauen nicht um die Möglichkeit, zum Beispiel ihre Steuerklasse beim Finanzamt auf die für sie bessere Kategorie 4 ändern zu lassen, bei der beide Partner gleich besteuert werden. Und selbst dann könne es passieren, dass sie beim Finanzamt schlecht beraten würden. Bis vor einigen Jahren bekamen frisch verheiratete Paare ungefragt die Steuerklassen 3 für den Mann und 5 für die Frau zugeteilt. Nur auf Antrag konnte man das ändern. Heute erfolgt die Eingruppierung in der Regel nach dem Prinzip 4/4.

Das heikle Steuerklassenthema bleibt ein Punkt, den Paare letztlich intern aushandeln müssen. Die eine oder andere scheitert womöglich an der Hartnäckigkeit eines konservativ eingestellten Partners, der dann vorrechnet, wie sehr sich das Modell 5/3 finanziell vermeintlich lohnt. „Oft ist es so, dass Frauen immer noch aufgrund von Rollenstereotypen und partiell auch aufgrund ihres Verhaltens in Gehaltsverhandlungen nicht früh genug in verantwortungsvolle Positionen kommen. Hinzu kommt, dass Frauen von Unternehmen oftmals nicht gefördert werden, da bei ihnen die Familienplanung eingerechnet wird und damit einhergehend, das Risiko auszufallen und wenn, dann höchst wahrscheinlich nur noch in Teilzeit zurückzukommen Dann bekommen sie ein Kind und finden sich in der Situation wieder, dass ihre Berufstätigkeit zum Rechenexempel wird: durch das Ehegattensplitting mit den hohen Abzügen des geringeren Gehaltes, der teuren Kitagebühren und dem Wegfall der Mitversicherung beim Ehepartner, lohne sich dann allenfalls ein Minijob“, erklärt Kratzenberg-Franke.

Der Anreiz, Vollzeit arbeiten zu gehen, ist unter monetären Gesichtspunkten nicht da - was allerdings sehr kurzsichtig gedacht ist. Oft ist die Rückkehr in Vollzeit nach familienbedingten Unterbrechungen sehr schwierig. Aus einem Minijob in ein sozialversichertes Arbeitsverhältnis zu kommen so gut wie unmöglich.

Das Institut für Wirtschaftsforschung in Köln fordert deshalb eine substantielle Verbesserung beim Betreuungsangebot für Kinder unter drei Jahren. Hier sei der Hebel, wenn man schon nicht die Einstellungen der Menschen ändern könne, meint Wido Geis. Und damit nicht genug: „Das ganz große Thema in dieser Legislaturperiode ist, was am Übergang zur Schule passiert. Hier muss ein ausreichendes Betreuungsangebot sichergestellt werden, damit die Familien mit der Einschulung nicht plötzlich zurückfallen“, sagt Geis. Die zweite Stellschraube sei, mehr Frauen für Berufe zu begeistern, die mehr Gehalt mit sich bringen.

Für eine Berufsbildaufklärung macht sich auch Waltraud Kratzenberg-Franke stark. Schon in der Schule müsse über die Auswirkungen von Berufswahl und die damit verbundene Erwerbsperspektive, gängige Steuermodelle und die Entstehungsmechanismen von Altersarmut aufgeklärt werden. „Allen muss klar sein, dass der Arbeitsmarkt verlässlicher ist als der Heiratsmarkt.“

Die aktuelle Studie von Price Waterhouse Coopers attestiert Frauen unterdessen ein hohes Bewusstsein für die lauernden Probleme auf dem Arbeitsmarkt und bei der Entlohnung. „Die Generation der heute 28- bis 40-Jährigen verlangt eine geschlechtergerechte Arbeitswelt und will sich nicht mehr zwischen Beruf und Familie entscheiden müssen“, prognostiziert Nicole Elert, Leiterin des Bereichs Arbeitsrecht bei PwC. Demnach suchen 73 Prozent der befragten Frauen aktiv Karrierechancen und 75 Prozent hielten es für wichtig, gute Positionen zu erreichen. 77 Prozent trauen sich Führungspositionen zu. 42 Prozent machen sich jedoch auch Sorgen: Sie fürchten, dass eine Familiengründung negative Folgen für ihre Karriere haben könnte. Knapp die Hälfte der Mütter unter den befragten Frauen (48 Prozent) bestätigt diese Sorge: Sie fühlen sich bei Beförderungen und der Vergabe besonderer Projekte übergangen.

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