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Gentleman-Papst Bernhard Roetzel Was die Kleidung über den Mann aussagt

Wer Anzüge mit viel Schnickschnack trägt, macht sich lächerlich. Stil-Experte Bernhard Roetzel über Business-Kleidung als Uniform und den schmalen Grat zwischen Gentleman-Look und albernem Emporkömmling.

Bernhard Roetzel gilt mit seinem in 19 Sprachen übersetzten Buch

WirtschaftsWoche: Kleider machen Leute, sagt der Volksmund. Stimmt das?

Bernhard Roetzel: Ja, aber natürlich nur bis zu einem gewissen Maße. Auf jeden Fall macht Kleidung einen gravierenden Unterscheid für die Erscheinung eines Menschen. Jeder Mensch ist wie eine Leinwand, die man so oder so bemalen kann. Stellen Sie sich den Schauspieler Pierce Brosnan vor, den können Sie als Rocker stylen oder als Gentleman. Das heißt aber nicht, dass die Kleidung einen Gentleman machen kann, wenn er es vom Verhalten und vom Wesen her nicht ist. Umgekehrt kann man dem Menschen zum Beispiel durch Häftlingskleidung seine Persönlichkeit nehmen - oder es zumindest versuchen.

Welche Funktion hat der Anzug im Berufsleben?

Es geht um die Darstellung von Status und Kompetenz. Das wird in Deutschland immer unterschätzt.

Da würde sich Knigge im Grabe umdrehen
SchulmeisterereiOberlehrerhaftes Verhalten scheint typisch deutsch zu sein. Wachsender Trend: Deutsche schulmeistern gerne ihre Mitmenschen. „Sie sind ein schlechtes Vorbild für mein Kind, wenn Sie bei Rot über die Ampel gehen“ „Hier ist Ballspielen verboten“ „Hier raucht man nicht“: Schulmeistern hat nichts mit gutem Verhalten zu tun. Die Deutsche Kniggegesellschaft urteilt sogar: „Wir entwickeln uns zu einem Volk von Zurechtweisern. Das muss besser werden.“ Quelle: V.V.V.-Verlag
Sitz mit Aktentasche blockierenNerv-Trend Nummer zwei speziell bei Geschäftsreisenden: ein einziges Ticket kaufen und den Nebenplatz dennoch mit der Aktentasche blockieren. Andere Fahrgäste müssen stehen, das Gepäck hat´s bequem. Sehr effektiv, um von Hamburg bis Frankfurt ungestört zu sein, sozial aber nicht kompatibel, findet die deutsche Kniggegesellschaft. Quelle: dpa
Zu viele Löcher, labberige Hemden, kurze Ärmel mit KrawatteDer Businessmann macht laut der Kniggegesellschaft noch viel falsch. Darum: Perfekte Gürtel haben nur fünf Löcher, das Hemd muss zwei Zentimeter aus dem Ärmel schauen und kurze Arme mit Krawatte sind ein No Go. Damit sich diese Fashion-Fauxpas nicht wiederholen, raten die Benimm-Experten, auch als Mann mal hin und wieder einen Blick in eine Modezeitschrift zu werfen. Quelle: dpa
Lautstark in der Öffentlichkeit telefonierenEbenfalls auf der Kniggeliste steht der Handybrüller, vorzugsweise in Bus und Bahn. Den ganzen Waggon zu beschallen, ist schon ein Klassiker und bleibt dadurch weit oben auf der Liste der Benimm-Fehler der Deutschen. Dass leise und weniger und höflicher ist, ist immer noch nicht bei allen angekommen: Rechtsanwälte etwa posaunen immer noch die Namen und Aktenzeichen ihrer Mandaten durch den Zug (Gab´s da nicht eine Schweigepflicht?), andere lassen Mitreisende lautstark Anteil an Familien- und Beziehungsproblemen nehmen. Übrigens: Man kann auch leise in seinen Laptop hacken. Das muss nicht wie die alte Schreibmaschine MG klingen. Quelle: dpa
Vor dem Abbiegen nicht blinkenBlinken ist uncool, ist schon klar. Das machen nur Spießer. Der Selfmade-Man biegt ohne ab. Davon gibt es immer mehr, geißelt die Kniggegesellschaft. Da weiß man dann gar nicht, was der andere will und schon kracht es. Das ist extrem unsolidarisch. Also: Blink mal wieder! Quelle: dapd
Besteck falsch haltenJeder Zweite kann's nicht richtig, dabei ist es nicht schwer, Messer und Gabel richtig zu halten. Ein Messer ist kein Bleistift, also kein Grund, es wie einen Griffel zu halten. 50 Prozent der von der Knigge-Gesellschaft getesteten Besucher von Biergärten machten Besteckfehler beim Essen. Ein Vorsatz: Dringend Tischsitten updaten. In der Muße liegt der Genuss, dann klappt´s auch mit dem Knigge. Quelle: dpa
Daneben-Benehmen auf BetriebsfeiernAlle Jahre wieder immer dieselben Fehler. Vorsicht mit dem Alkohol, nicht Sexy-Hexy spielen und kein Geknutsche mit dem Chef. Das Betriebsfest ist nach wie vor vermintes Gelände. Hier enden immer wieder Karrieren. Überlebenstipp: Klappe halten, nichts ausplaudern und nicht am nächsten Tag krankfeiern. Quelle: dpa

Der wahre Gentleman ist immer noch Engländer?

Das Wissen um die Bedeutung von Kleidung für den Ausdruck von Status und Kompetenz ist in anderen Ländern ausgeprägter. In Frankreich, Italien. England hat eine Sonderstellung, weil es  immer noch mehr eine Klassengesellschaft ist als die anderen europäischen Länder. Da drückt der Gentleman-Look immer auch ein wenig Snobismus aus. England ist das Geburtsland des Gentleman aber auch das Land, indem man gelernt hat, sich darüber lustig zu machen.

Passt das  Gentlemanideal überhaupt zum Bild eines fleißigen, ehrgeizigen Geschäftsmannes?

Jedenfalls hetzt der Gentleman nicht ins Büro. Er ist eher ein Müßiggänger. Ursprünglich waren das ja auch Männer, die genug Geld hatten, damit sie keine Erwerbsarbeit machen mussten. Männer, die sich den Luxus leisten können, sich nicht nur mit ihrer Kleidung sondern mit allen möglichen Interessen und Hobbies zu beschäftigen. Ich kenne in England einen Lord, der Fledermaus-Experte ist. Er wohnt mit seinem Bruder - einem UFO-Experten - in einem Schloss, dessen Unterhalt alles Geld verschlingt. Darum leben die beiden eigentlich recht genügsam in kleinen Zimmern des Schlosses.

So kleiden Sie sich richtig

Im Vorwort Ihres Bestsellers "Der Gentleman" schreibt Nick Yapp , dass ein "wahrer Gentleman nichts dem Zufall überlässt", sondern sich nach dem Frühstück stets fragt, ob "die Fingernägel gut manikürt" sind, "der Hut im richtigen Winkel" sitzt, und "der Regenschirm so eng gerollt ist, wie es sich gehört". Da bleibt zum Arbeiten ja auch wenig Zeit.

Man muss unterscheiden zwischen Gentleman und Dandy. Der Dandy ist die Übersteigerung der Selbstverliebtheit und des Interesses an Kleidung ins Exzessive. Der Gentleman bemüht sich nicht zu sehr. Er hat erstklassige Kleidung, findet es aber nicht so schlimm, wenn sein Maßanzug nach einer langen Reise zerknittert ist. Diese Entspanntheit unterscheidet ihn vom bemühten Ehrgeizling, der vollkommen sein will. Der Emporkömmling ist selbst im nagelneuen Maßanzug nicht so elegant wie der Gentleman, der seinen uralten richtig zu tragen versteht.

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