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Helga Rübsamen-Waigmann Forschen im Chefsessel

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Die Erste in Deutschland

„Angesichts des unterschiedlichen Krankheitsverlaufs bei den Patienten war ich sicher, dass es sich nicht um ein einziges Virus handeln konnte“, berichtet sie. „Wir waren dann die Ersten in Deutschland, die mehrere verschiedene HIV-Stämme hatten.“ Während die US-Forscher mit den französischen Entdeckern des Aids-Virus auf internationaler Bühne lautstark um die Ehre stritten, HIV als Erste beschrieben zu haben, machte sie sich daran, Nachweisverfahren für den variablen Erreger zu entwickeln. Zusammen mit Karsten Henco von Quiagen analysierte sie die erste Sequenz des deutschen Virus: Sie wich um mehr als zehn Prozent vom französischen Typus ab. „Da wusste ich, dass es uns gelungen war, eigene Stämme zu isolieren, die auch patentierbar waren. Damit war leider auch klar, dass es wohl keinen Impfstoff geben würde. „ Rübsamen-Waigmann konzentrierte sich deshalb darauf, eine Nachweismethode und Medikamente gegen das Virus zu entwickeln. Sie kooperierte mit der Universitätsklinik Frankfurt, warb Drittmittel ein, ließ Virus-Tests patentieren, vergab Lizenzen an Pharmaunternehmen und arbeitete mit Hoechst und Bayer zusammen. Innerhalb weniger Jahre schuf sie so ein exzellentes Forschungsinstitut für Virologie und Onkologie mit neunzig Mitarbeitern und einigen 100.000 Mark Lizenzeinnahmen im Jahr. Ihren kleinen Sohn betreute derweil eine Kinderfrau, immer wieder sprang auch ihre Mutter ein. „Kinder müssen wissen, dass sie ein Zuhause haben und man für sie da ist. Doch Eltern sind nicht unbedingt in allen Phasen die besten Erzieher.“ Professionelle Erzieher und das Aufwachsen in einer Gruppe kann förderlicher sein, ist sie überzeugt. Als ihr Sohn dann schlechte Noten nach Hause brachte, entschloss sie sich – schweren Herzens –, ihn auf ein Internat zu schicken, das er selbst auswählen durfte. „Das tat weh, aber ich war sicher, dass es richtig war.“

Managerin des Jahres

Die außergewöhnliche Wissenschaftlerin und Managerin war inzwischen auch den Industriepartnern aufgefallen, die mit dem Institut kooperierten. Die Firma Bayer machte ihr 1994 das Angebot, die Leitung der Virus-Forschung zu übernehmen. Sie nimmt an, unter der Bedingung, ihre Professur an der Universität Frankfurt behalten zu können. Den Wechsel habe sie nie bereut: „Zwar treibt mich am meisten die wissenschaftliche Neugier an, doch in der Industrie habe ich auch die Möglichkeiten, Wissen in die Praxis umzusetzen.“ Sie habe dort gelernt, was es bedeute, eine Substanz allen nur erdenklichen Prüfungen zu unterwerfen, um sie schließlich am Menschen einsetzen zu können und die Verantwortung dafür zu übernehmen. „Zwischen einem Erfolg im Labor und einem zugelassenen Medikament liegen Welten.“

2001 wird sie Leiterin der weltweiten Forschung über Mittel gegen Infektionskrankheiten bei Bayer und arbeitet hier zusätzlich an neuen Antibiotika. Nach wenigen Jahren will Bayer diese Forschungsrichtung in eine Firma auslagern. Rübsamen-Waigmann soll die Abläufe fachlich betreuen und gegebenenfalls die Geschäftsführung übernehmen. Diese Entscheidung zu treffen, habe ihr schlaflose Nächte bereitet, gesteht Rübsamen-Waigmann. „Ich musste eine Vision entwickeln, an sie glauben, dafür arbeiten und auch kämpfen. Es war die schwierigste Zeit in meinem beruflichen Leben“, sagt sie. Aber dann nimmt sie auch diese Herausforderung an, verhandelt zäh mit dem alten Arbeitgeber um Lizenzen und Mitarbeiter, die sie in die Neugründung AiCuris mitnehmen will. „Das Schwierige ist, für die neue Einheit und die Mitarbeiter, die einem vertrauen, möglichst gute Voraussetzungen zu schaffen, während man noch zu der alten Firma gehört.“ Sich von der alten Firma und den Kollegen zu trennen sei emotional nicht einfach, sagt sie, man verlasse Kolleginnen, die man mag und müsse sein gesamtes berufliches Leben neu ordnen. Nicht umsonst war sie schon vor der Ausgründung 2004 mit dem Mestemacher-Preis „Managerin des Jahres „ ausgezeichnet worden. Nach ihrem Erfolgsrezept im Leben gefragt, sagt sie: „Spaß an meinem Beruf, daran, Dinge zu gestalten. Ich bin immer meinen Neigungen gefolgt, war aber auch immer bereit, hart zu arbeiten und ungewöhnliche Wege zu gehen.“ Sicherheit sei nie ein Thema in ihrer Karriere gewesen.

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