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Zeitdruck im Job 20.000 Blitzentscheidungen pro Tag

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Chris Semmel, 33, Bergführer Quelle: Simon Koy für WirtschaftsWoche

Nach drei Minuten Text halten wir also fest: Blitz-Entscheidungen spielen nicht nur im Alltag eine Rolle, sie haben auch eine hohe ökonomische Bedeutung. 

Dennoch wurde gerade von den Ökonomen lange ausgeblendet, dass sie zu anderen Ergebnissen führen als Entscheidungen, für die man beliebig viel Zeit hat. Die Theorie des Homo oeconomicus geht vielmehr davon aus, dass Individuen stets umfassend informiert sind und daraus vollkommen rational die bestmögliche Alternative auswählen. 

Vermutlich brauchen auch Sie höchstens einen Augenblick, um zu erkennen, dass der Homo oeconomicus ein Hirngespinst ist. Nehmen Sie sich weitere eineinhalb Minuten Zeit, und Sie bekommen auch den Beweis. Der erfordert allerdings etwas Konzentration – ansonsten können Sie gleich ans Ende dieser Seite springen und in der gesparten Zeit zum Beispiel Ihre Mailbox abfragen, falls Sie es geschafft haben, Ihr Handy bis hierher zu ignorieren.

Sie haben sich für die ausführliche Version entschieden. Schön. Also zurück zur Forschung: 

Die Experimente, die etwa der Innsbrucker Wirtschaftsprofessor Matthias Sutter mit seinem Kollegen Martin Kocher durchgeführt hat, widersprechen der Theorie vom Homo oeconomicus. In einem Versuch baten die Forscher 144 Probanden über mehrere Runden Zahlen zwischen 0 und 100 zu nennen. In jeder Runde bildete die Versuchsleitung aus allen genannten Zahlen einen Durchschnitt. Wer mit seiner Zahl am nächsten an zwei Dritteln des Durchschnitts lag, wurde belohnt. 

Um zu gewinnen, mussten die Probanden also antizipieren, welchen Durchschnittswert die Gegenspieler für vielversprechend halten und davon zwei Drittel nehmen. Keine leichte Aufgabe: Stellt sich ein Proband vor, die anderen wählen im Schnitt die 50, müsste er die 33 wählen, um zu gewinnen; schließt er daraus, dass auch die anderen die 33 wählen, müsste er die 22 wählen – und so weiter. Mit zunehmender Spieldauer nähern sich die geschätzten Zahlen deswegen immer mehr der Null an, die ein vollkommen rationaler Spieler eigentlich sofort wählen müsste.

Drei Rechtschreibefehler finden

Sutter und Kocher verknappten nun die Zeit. Resultat: Die Zahlen näherten sich deutlich langsamer der Null an. Für Sutter ist deshalb klar: „Zeitdruck vermindert die Denktiefe und führt dazu, dass die Effizienz von Entscheidungen sinkt.“ Ein Ergebnis, das gut ins Paradigma des sogenannten „Speed-Accuracy-Tradeoff“ passt, von dem einige Psychologen ausgehen: Danach sinkt die Genauigkeit einer Handlung, wenn die Geschwindigkeit, in der sie vollzogen werden muss, steigt.

Das beste Beispiel dafür sind Sie selbst: Je schneller Sie diesen Text lesen, umso unwahrscheinlicher ist es, dass Sie die drei Rechtschreibfehler finden, die wir natürlich in voller Apsicht eingebaut haben.

Bis hierher klingt es so, als wären schnelle Entscheidungen eine wie Lausbefall um sich greifende Plage und der Zeitdruck » ein einziges Martyrium. Falsch! Tatsächlich gibt es Situationen, in denen Blitz-Entscheidungen die bessere Wahl hervorbringen. Um herauszufinden, welche das sind, brauchen Sie allerdings noch einmal sechs Minuten. Und?! 

Machen wir einen – selbstverständlich kurzen! – Abstecher zu Simon Gosk, einem Kölner Apotheker. Eines Tages tritt er vor die Tür seiner Apotheke und sieht: Flammen. Feuer in der Wohnung im zweiten Stock des Nachbarhauses, schwarzer Rauch strömt durch die Balkontür. Mitten im Qualm: ein alter Mann mit Todesangst. Gosk reagiert blitzschnell. Er rennt in den Keller, holt eine Leiter, lehnt sie an die Hauswand, steht Sekunden später auf dem Balkon der brennenden Wohnung, hievt den Mann über die Brüstung und rettet ihn.

„Ich habe keinen Augenblick darüber nachgedacht, was ich da tue“, sagt Gosk, „es war, als wäre bei mir ein Schalter umgelegt worden. Ich hatte nur noch die Aufgabe, diesen Menschen da rauszuholen.“ 

Die Geschichte ist nicht nur eine bemerkenswerte Heldentat, sondern auch ein Beispiel für eine ausgesprochen intuitive Entscheidung. Sie zeigt, dass Spontanurteile nicht per se zu schlechteren Ergebnissen führen. Nicht zuletzt deswegen erfreut sich das Speed-Dating, bei dem Singles in schneller Abfolge eine Vielzahl potenzieller Partner kennenlernen können, einer wachsenden Beliebtheit. Blitz-Entschaidungen sind oft „keinen Deut schlechter als Entscheidungen, die am Ende eines langen Für und Wider stehen“, sagt auch der „Blink!“-Autor Malcolm Gladwell.

Diese Ansicht teilt der Forscher Gerd Gigerenzer, Direktor des Center for Adaptive Behavior and Cognition am Max-Planck-Institut für Bildungsforschung in Berlin: „Es kann sein, dass Menschen bessere Entscheidungen treffen, wenn sie weniger Zeit haben“, sagt Gigerenzer. 

Das belege etwa ein Experiment, in dem 85 geübte Handballer gebeten wurden, Spielsituationen einzuschätzen. Sie beobachteten die Szenen auf Video. Dann wurde das Band angehalten, und die Probanden mussten die erstbeste Aktion nennen, die ihnen in den Sinn kam. In einem zweiten Durchlauf bekamen sie mehr Zeit, die Situation zu überdenken. Folge: rund 40 Prozent revidierten ihre Urteile. 

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