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Weniger gestresst Barfußlaufen wird zum Gesundheitstrend

Feste Schuhe sind wichtig und schützen unsere Füße. Doch immer mehr Experten raten zum Barfußlaufen - auch im Büro. Das reduziere den Stress. Aber wie reagieren die Kollegen?

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Weniger gestresst: Barfußlaufen wird zum Gesundheitstrend Quelle: dpa

Oben Anzug, unten nackte Füße: Seit über fünf Jahren läuft Produktmanager Christian Schwarze barfuß - und das nicht nur in seiner Freizeit. „Ich bin authentischer ohne Schuhe als mit,“ sagt er. Der 46-Jährige arbeitet in einem großen, aber auch konservativem Düsseldorfer Unternehmen. Sein Chef hatte nie ein Problem damit. „Mein Chef hat zu jeder Zeit akzeptiert, dass ich mich barfuß wohler fühle – und es wurden sogar Regelungen hinsichtlich meiner Arbeitssicherheit getroffen.“ Wenn er Kundenkontakt hat oder in Konferenzen sitzt, trägt er vom Schuhmacher angefertigte Schuh-Attrappen - ohne Sohle.

Schuhe schützen und schwächen die Füße

Schuhe schützen zwar vor spitzen Gegenständen und in unseren Breitengraden bei Kälte, aber sie sind nicht automatisch eine Hilfe für unsere Füße, sondern häufig der Verursacher für Fehlstellungen, Schmerzen und Lauf-Verletzungen - sagen Therapeuten, Ärzte und Sportwissenschaftler. Denn durch das Tragen von Schuhen oder das Gehen auf unnatürlichem, glatten Boden verkümmert die Wahrnehmung der Sinneszellen in den Fußsohlen, weil eine natürliche Anpassung an unebene, natürliche und reizende Untergründe kaum statt findet. Die großen und kleinen Muskeln im Fuß werden so nicht reaktiviert, sondern geschwächt. Trotzdem sollte nicht von heute auf morgen damit begonnen werden, ohne Schuhe zu laufen.

Barfuß laufen muss man üben

Der Schweizer Heilpraktiker Carsten Stark rät: „Wir dürfen unsere Füße nicht nur als Ende des Körpers betrachten. Sie sind der einzige Schnittpunkt mit dem Boden und beeinflussen den ganzen Körper.“. In seiner Praxis in München empfängt er Klienten mit diversen gesundheitlichen Beschwerden, aber etwa auch jene, die ihren Laufstil optimieren wollen.

„Barfußlaufen wird zum Trend. Das sieht man an den vielen neuen Geschäften und Produkten im Barfuß-Bereich. Viele Marketing-Experten sehen großes Potenzial, weil ‚Bio‘ und ‚Back‘ to nature trendy ist. Der Fuß ist aber nicht trendy.“ Stark hat die Fusskartographie entwickelt - eine Analysemethode auf Basis eines digitalen Fußbildes und einer Behandlung mit natürlichen Maßnahmen, bei der dem Körper geholfen wird, sich eigenständig und ohne Operationen zu regenerieren. Bevor man unvorbereitet dem Trend nachgeht, sollte man also erst einmal damit beginnen, einige Minuten barfuß zu gehen und sich langsam zu steigern.

Barfuß laufen reduziert Stress

„Es kommen immer mehr Barfußschuhe auf den Markt und wir Menschen tendieren dazu, die Lauftechnik mit dem Kauf eines anderen Schuhes zu verändern. Aber die Barfußlauftechnik funktioniert nicht durch den Kauf eines anderen Schuhes,“ gibt Emanuel Bohlander zu Bedenken. Er gründete vor drei Jahren die Barefoot Academy in Düsseldorf. Dort kann man im persönlichen Coaching, in Lauf-Workshops oder in der Bewegungsschule lernen, barfuß zu laufen oder die eigene Barfußlauf-Technik zu optimieren. „Wichtig ist es, einen Barfußschuh nicht als Schuh zu sehen. Er ist ein Schutz für den Fuß, aber letztendlich läuft man eben doch barfuß und ganz anders als in einem klassischen Sportschuh.“ Man muss seine gesamte Laufbewegung umstellen, weil nun der Fuß arbeiten muss und nicht mehr der stark dämpfende Schuh. 

Üben Sie im Park

Wer ein Gefühl für die eigenen Füße bekommen möchte, sollte die Füße barfuß auf verschiedenen Untergründen bewegen. „Gerade jetzt im Frühling bietet es sich an, barfuß rauszugehen und seine Füße ganz bewusst neu kennenzulernen“, empfiehlt der Fusskartograph. Wer keinen Garten hat, kann sich im Stadtpark ausprobieren, denn Wiese bietet sich für die ersten Schritte ohne Schuhe besonders an.

Was in der Freizeit beginnt, wird sich vielleicht irgendwann auch im Büro fortsetzen - mit der Folge, dass die Barfußläufer weniger gestresst sind. Genau das hat eine Studie des California Institute for Human Science herausgefunden: 30 bis 40 Minuten täglich ohne Schuhe laufen, hat nicht nur positive Effekte auf die Gesundheit der Füße, sondern auch auf das Wohlbefinden. Die Menschen, die ohne Schuhe laufen, sind grundsätzlich weniger gestresst - und haben weniger Schmerzen.

Es geht noch viel früher los: Eine über zehn Jahre andauernde Studie der University of Bournemouth hat herausgefunden, dass sich Schüler, die im Unterricht keine Schuhe tragen, besser benehmen und besser Noten bekommen - und das weltweit. Die Schüler fühlen sich mehr wie zuhause - und sind deshalb deutlich entspannter. An schwierige Aufgaben gehen sie gelassener ran.

„Im Büro barfuß zu laufen, erfordert allerdings sehr viel Selbstbewusstsein, und viel Toleranz der Kollegen“, sagt Linda Kaiser, Trainerin der Knigge Akademie und stellvertretende Vorsitzende der Deutschen-Knigge-Gesellschaft.

Denn Füße gehören nicht gerade zu den schönsten Stellen des Körpers. Arbeitsrechtlich hingegen gibt es keine Regelungen, die das Barfußlaufen am Arbeitsplatz verbietet: „Jedes Unternehmen hat aber Kleidervorschriften, die für die Mitarbeiter bindend sind – ähnlich wie zum Beispiel bei tiefen Ausschnitten, Krawattenpflicht oder langärmligen Hemden.“

Christian Schwarze hat mit seinem Arbeitgeber also Glück gehabt. Trotzdem möchte er nicht mit seinem Barfußlaufen kokettieren oder die Aufmerksamkeit auf sich ziehen: „Natürlich bin ich mir bewusst, dass ich eine Freiheit genieße und meinen Kollegen Toleranz abverlange, sagt er.

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