Abstieg der Pandemie-Stars: Geht der Biotech-Branche der Corona-Boost aus?
Der Chef der für Lebens- und Arzneimittelsicherheit zuständigen US-Behörde FDA tritt zurück: Und die Kurse im Biotech-Sektor stürzen ab. Der Abgang von Peter Marks steht im direkten Zusammenhang mit der Berufung des Impfkritikers Robert Kennedy zum US-Gesundheitsminister: Er sei zur Zusammenarbeit bereit gewesen, „es ist jedoch klar geworden, dass der Minister nicht Wahrheit und Transparenz wünscht, sondern vielmehr eine unterwürfige Bestätigung seiner Fehlinformationen und Lügen“, hieß es in Marks Rücktrittsankündigung. Deutlicher geht es kaum.
Die Reaktion des US-Biotech-Verbands BIO macht deutlich, welche weitreichenden wirtschaftlichen Folgen drohen könnten. „Wir sind zutiefst besorgt darüber, dass der Weggang einer erfahrenen Führungspersönlichkeit bei der FDA zu einer Aushöhlung der wissenschaftlichen Standards führen und die Entwicklung neuer, wegweisender Therapien zur Bekämpfung von Krankheiten für das amerikanische Volk stark beeinträchtigen wird“, so deren Chef John Crowley.
Die Aktie des US-Biotech-Riesen Moderna verlor zum Handelsstart am Montag satte 13 Prozent an Wert. Trotz einer leichten Erholung summieren sich seit Jahresbeginn damit Verluste von über 36 Prozent. Ähnlich düster sieht es beim deutschen Vorzeigeunternehmen Biontech aus, seit Anfang Januar ist die Börsenbewertung um ein ganzes Viertel leichter geworden. Die Frage ist: Ist Kennedy Anfang und Ende des Problems?
Auf Entzug
Die Wahrheit ist, die Erwartungen sind entscheidend. So hat sich der Aktienkurs beider für ihre Corona-Impfstoffe bekannten Biotech-Stars im Zuge der Pandemie bis Mitte 2021 mehr als verdreifacht, dann begann der Abstieg:
Biontechs Aktie ist aktuell ungefähr so bewertet, wie vor dem Impfstoff-Hoch. Diese Entwicklung spiegelt sich auch in den Fundamentaldaten des Unternehmens wider. Nach Milliardengewinnen in der Pandemie musste Biontech im Jahr 2024 unter dem Strich einen Verlust von über 660 Millionen Euro wegstecken. Ein Grund: Der Umsatz mit Corona-Impfstoffen brach auf Jahressicht um 30 Prozent auf 2,75 Milliarden Euro ein, gleichzeitig wuchs das Forschungsbudget um 26 Prozent auf 2,25 Milliarden Euro.
Wie viele Erwachsene in Deutschland sich diesen Winter noch haben gegen Corona impfen lassen, lässt sich auf den Internetseiten des Robert-Koch-Instituts schon seit Ende 2023 nicht mehr einsehen. Das Corona-Dashboard ist abgeschaltet. Vermutlich liegt der Anteil ähnlich niedrig wie in den USA, dort meldete die Seuchenschutzbehörde CDC im März eine Quote von knapp über 23 Prozent.
In der Mainzer Unternehmenszentrale hat man längst umgeschaltet. Bis 2027 sollen von bisher weltweit rund 7200 Beschäftigten, bis zu 1350 wegfallen. Haben die Anleger also recht? Hat die Biotech-Branche ihre beste Zeit bereits wieder hinter sich?
Blick nach vorn, Blick nach oben
Die Profis sehen das anders. Unter den 25 von Bloomberg befragten Analysten ist die Biontech-Aktie hoch im Kurs. Zwanzig raten zum Kauf und fünf zum Halten des Papiers. Und das mit einer gehörigen Portion Erwartungen an die Kursentwicklung. Ausgehend vom aktuellen Kurswert in Dollar von 91 läge das durchschnittliche Kursziel von 137 Dollar um über 50 Prozent höher.
Für diese optimistischen Prognosen verantwortlich ist ausgerechnet die mRNA-Technologie, der Biontech und Moderna ihren Pandemie-Erfolg verdanken. Diese verspricht für die Zukunft neue Krebsbehandlungen und damit eine Alternative zur Chemotherapie. Analysten der Bloomberg-Analysesparte sehen allein für den von Biontech gewählten Ansatz ein Marktpotenzial von 50 Milliarden Dollar.
Wenngleich auf kurze Sicht möglicherweise weitere negative Überraschungen auf die Biotech-Branche warten, könnte es sich für jene Anleger lohnen, Biontech und Co. die Treue zu halten. Mit steigender Lebenserwartung im Westen dürfte Krebs auch auf lange Sicht eine wachsende Bedeutung sicher sein.
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