Editorial: Deshalb ist die Ruhe an den Märkten so trügerisch

Die Stimmung an den Märkten erinnert dieser Tage an den Romantitel von Judith Hermann: „Sommerhaus, später.“ Der Krieg? Vorbei! Zölle? Wird schon. Handelskrieg? Ach! Inflation? Später! Jetzt erst mal: ein Hoch aufs Allzeithoch!
Alles in allem: eine beeindruckende Erholung nach dem „Trump-Crash“, der mit dem „Liberation Day“ Anfang April begann. Gut 40 Tage lang ging es runter, dann erholten sich die Märkte gut 80 Tage.
Ist der Spuk damit vorbei? Fliegt die Welt doch nicht so auseinander, wie von Weltunordnungsexperten prophezeit?
Gut möglich. Aber ein Halbsatz von Donald Trump, ein Tweet auf Truth Social, kann jederzeit die Stimmung kippen, das Narrativ ändern – das so kurzlebig ist wie eine Hitzewelle.
Die Kernannahme dieses Narrativs brachte ein Aktienstratege von Barclays gut auf den Punkt: „Der Höhepunkt der Unsicherheit im Welthandel gehört der Vergangenheit an, die US-Wirtschaft bleibt widerstandsfähig – das neue Narrativ konzentriert sich wieder auf KI und Wachstum.“
Und dies ist so lange richtig, bis es falsch (beziehungsweise überholt) ist. Denken Sie dabei an das Gedankenexperiment von Schrödingers Katze, die gleichzeitig lebendig und tot sein kann: Was heute unter Trump gilt, kann schon morgen nicht mehr gelten.
Magnificent 7 und das achte Weltwunder
Was nicht davon abhalten sollte, auf die Zahlen zu schauen. Zunächst: Die Erholung geht bisher vor allem auf das Konto eines Teils der Magnificent 7 (Nvidia, Microsoft und Co.), zu denen sich als achtes Weltwunder Broadcom gesellt hat.
Der KI-Hype beflügelt wieder die Fantasie – bis der nächste DeepSeek-Moment kommt. Zweitens, die Erholung erleben viele Investoren mit Unbehagen, sie ist fragil. Fehlende Euphorie ist normalerweise auch ein gutes Zeichen. Diese Ruhe aber sorgt für Unruhe.
Man darf indes davon ausgehen, dass sich der „Liberation Day“ in der Dimension nicht wiederholt. Es wird Deals geben – wie gerade mit Vietnam, wo man sich auf (saftige) 20 Prozent geeinigt hat. Manches wird man „Deal“ nennen – obwohl viele Fragen offen sind. Und jederzeit kann Trump wieder drohen, wenn ihm langweilig wird.
Viele Schäden erst später sichtbar
Drittens, Trumps „Big Beautiful Bill“ beschäftigt eher die Anleihemärkte, die weit davon entfernt sind, die 3,3-Billionen-Defizit-Wette auf Amerikas Wachstum mal eben so zu verdauen. Und viertens, und hier kommt das „… später“ ins Spiel: Viele Schäden von Trumps Zollpolitik werden erst später sichtbar sein.
Selbst ein dauerhafter Basiszoll von zehn Prozent, der manche erleichtern dürfte, wäre eine Vervielfachung. Diese Zölle werden sich niederschlagen, im Handel, in der Inflation und den Gewinnen der Unternehmen.
Investoren wollen das zweite Horrorquartal abhaken. Keine Katastrophen mehr, es herrscht Untergangsmüdigkeit. Doch so einfach hat die Welt noch nie getickt.
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