Börsenwoche 409: Editorial: Wie Anleger klug mit Saisonalität an der Börse umgehen

Liebe Leser,
wie läuft Ihr Börsenjahr bisher? Vermutlich ganz gut, wenn Sie unter anderem auf den deutschen Leitindex setzen. Seit Jahresbeginn liegt der Dax 13 Prozent im Plus. Historisch betrachtet wäre das eine solide Jahresrendite: Wer 1988 zum Start des Dax den Index kaufte, hätte bis Ende 2022 eine jährliche Durchschnittsrendite von 7,2 Prozent eingefahren. Unterm Strich liefen seitdem 17 Börsenjahre besser, 18 schlechter – die aktuelle Performance bewegt sich also im Mittelfeld.
Nur ist das Jahr noch nicht zu Ende. Und historisch betrachtet steht dem Dax eine schwierige Saison bevor. „Sell in May and go away“, lautet eine Börsenweisheit: „But remember to come back in September.“ Das Sprichwort fasst eine simple Beobachtung zusammen: Die beste Performance brachten Aktienindizes in der Vergangenheit in den Wintermonaten.
Die Vermögensverwalter von Fidelity haben ermittelt, dass der breit gefasste US-Index S&P 500 seit 1990 von Mai bis Oktober im Schnitt rund drei Prozent zulegen konnte. Zwischen November und April hingegen betrug das Plus im Mittel sieben Prozent. Dieses Muster ist in verschiedenen Studien immer wieder auf die Probe gestellt worden, häufig mit einer Untersuchungsgruppe von 37 Ländern. Ergebnis: Die Saisonalität ist signifikant.
Das Center for Financial Research and Analysis (CFRA) geht noch einen Schritt weiter. Die Forscher haben einen saisonalen Rotations-Index entworfen, mit der Intention, diesen sogenannten Halloween-Effekt über Selektion zu verstärken. Dafür unterscheiden sie zwischen zwei Gruppen: zyklische Bereiche wie Industrie, Technologie, Werkstoffe und Gebrauchsgüter bilden die Wintergruppe. Basiskonsumgüter und Gesundheit sind die Sommergruppe. In den Monaten November und Mai wird umgeschichtet. Die Gruppen bilden die enthaltenen Sektoren über Aktien aus dem S&P 500 gleichgewichtet ab.
Das Modell ist erstaunlich erfolgreich: In den vergangenen 22 Jahren erzielte das CFRA damit eine durchschnittliche Rendite von 16 Prozent pro Jahr, rund 5,6 Prozentpunkte jährlich mehr als der S&P 500. Die Wintergruppe schneidet gegenüber dem US-Index besonders gut ab. Handelbar ist der Rotations-Index indes nicht.
In Eigenregie ein ähnliches Modell zu verwenden, halte ich für riskant – genauso wie Spekulationen auf die Saisonalität der Börse. Zum einen hat sich Vieles verändert, seit das „Sell in May“-Sprichwort geprägt wurde. Aktien können heute mit wenigen Klicks gehandelt werden, Infos sind rund um die Uhr verfügbar. Zum anderen schwanken die Renditen auch innerhalb der Sommer- und Winterperioden. Wer 2019 im September einstieg, musste Verluste verbuchen und verpasste nach dem Ausstieg im Mai dann auch noch die Sommerrally 2020.
Vor allem aber gilt: Sowohl Tradern als auch langfristig orientierte Investoren stehen belastbarere Indikatoren zur Verfügung, etwa Konjunkturdaten oder charttechnische Signale. Und besondere Risiken wie aktuell die angespannte geopolitische Lage, die Situation der Banken und die Debatte um die Schuldenobergrenze in den USA (siehe Grafik der Woche) können kalenderbasierte Handelsstrategien nicht abbilden.
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Ich wünsche Ihnen eine erfolgreiche Woche an der Börse.
Ihr Lukas Schmitt
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