Börsenwoche 495: Editorial: Chips sind nur der Nebenschauplatz
Vergangenen Montag gab es ein regelrechtes Börsenbeben. Das chinesische Start-up DeepSeek hat mit seinem leistungsfähigen und gleichzeitig günstigen Modell für künstliche Intelligenz (KI) die Technologiewelt aufgeschreckt. Wenn sich KI auch mit viel weniger Ressourcen entwickeln lässt als gedacht, was könnte daraus folgen? Vielleicht benötigt die Entwicklung von KI etwa viel weniger Halbleiter als bisher angenommen.
Deswegen hat es am Montag vor allem die Aktien der Chipkonzerne erwischt (siehe Grafik). Das auf KI-Chips spezialisierte Unternehmen Nvidia verlor fast 600 Milliarden Dollar an Börsenwert. Zum Vergleich: Die zwei wertvollsten Unternehmen Europas – Novo Nordisk und LVMH – kommen jeweils umgerechnet nicht einmal auf 400 Milliarden Dollar Börsenwert. Der Tagesverlust der Nvidia-Aktie lag bei 17 Prozent, ebenso hoch fiel er beim Halbleiterkonzern Broadcom aus. Der Chiphersteller TSMC verbuchte ein Minus von 13 Prozent.
Aber schon ein Tag später kam die Erholung, die Nvidia-Aktie konnte um neun Prozent zulegen. Unter Experten scheiden sich die Geister. Sie sind sich zwar weitgehend einig darüber, dass DeepSeek eine beeindruckende Vorlage für effizientere KI geliefert hat. Bloß könnte das entweder zu mehr oder zu weniger Nachfrage nach Rechenleistung und Halbleitern führen.
Die einen argumentieren, dass KI jetzt erst recht der Durchbruch gelinge und dass wir die Technologie schon bald sehr rege nutzen werden – mit der entsprechenden Nachfrage nach Chips und Datencentern. Die andere Seite argumentiert, dass wir unsere bisherigen Pläne jetzt viel effizienter umsetzen könnten und deshalb viel weniger Ressourcen notwendig seien. Welche These stimmt, ist schwer einzuschätzen.
Anleger sollten auf die Entwicklungen womöglich ganz anders blicken. Denn prognostizierbarer erscheint, wer von besseren KI-Modellen profitieren kann. Bevor es hieß „Chips sind das neue Gold“, war das Mantra „Daten sind das neue Öl“. Denn jede KI braucht Daten, mit denen sie arbeiten kann, und ein Produkt oder eine Anwendung, die verbessert wird.
Hier dürften die großen Technologieunternehmen glänzen. Google-Mutter Alphabet, der Facebook-Konzern Meta, Amazon, Apple und Microsoft – sie alle verfügen über riesige Datenmengen und sind bereits im Alltag von Milliarden Nutzern und Kunden präsent. Kaum ein anderes Unternehmen kann leistungsfähige KI so gut in Nutzwert umwandeln wie sie.
Und wenn das plötzlich viel weniger kostet, sollten sich Aktionäre freuen. So bleibt mehr Geld für Dividenden und Aktienrückkäufe. Aktuell geben die großen Techkonzerne Unsummen für KI aus. Meta will dieses Jahr insgesamt bis zu 65 Milliarden Dollar investieren, Microsoft will allein für KI rund 80 Milliarden Dollar in die Hand nehmen. Diese Summen könnten sinken.
Was die Internetblase während der Jahrtausendwende gelehrt hat: Das richtig große Geld haben Anleger mit jenen Aktien gemacht, die mithilfe des Internets lukrative Geschäftsmodelle entwickelt haben. Nicht mit den Internetanbietern selbst. Das dürfte bei KI nicht anders werden. Die großen Techkonzerne haben für die nächste Runde gute Karten.
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