Riedls Dax-Radar: Angriff auf Iran verschärft Dax-Kursverluste – Rücksetzer war wahrscheinlich
Mit einem empfindlichen Kurseinbruch reagiert der Deutsche Aktienindex (Dax) auf den israelischen Angriff auf Irans Atomanlagen und die Angst vor einer Ausweitung des Konflikts. An den Ölmärkten kommt es zum stärksten Preisschub seit mehreren Jahren. Ein Fass der Nordseesorte Brent, das im Frühjahr auf knapp 60 Dollar abgerutscht war, kostet nun wieder über 70 Dollar.
Teures Öl wäre für die Finanzmärkte ein entscheidendes Risiko. Weltweit hat sich in den vergangenen Monaten die Inflation beruhigt, weil die Energiepreise nach unten tendierten. Nur wegen dieser Entspannung waren die Zinssenkungen der Notenbanken möglich. Sollte es zu nachhaltig erhöhten Ölpreisen und damit auch teurerem Gas und Strom kommen, könnten weitere Zinssenkungen vom Tisch sein.
Besonders heikel wäre dies für die USA. Während in Europa die EZB mit acht Zinssenkungen schon weit fortgeschritten ist und eine Pause ohnehin absehbar war, hat die amerikanische Notenbank Federal Reserve (Fed) seit vergangenem Jahr erst zwei Senkungen vorgenommen. Dabei drängt nicht nur Präsident Donald Trump auf niedrigere Renditen. Vor allem an den Anleihemärkten wächst angesichts hoher US-Schulden die Angst vor einer Vertrauenskrise.
Auf die Eskalation im Nahen Osten haben die Anleihemärkte bisher nur wenig reagiert. In einer ersten Reaktion ist die Rendite zehnjähriger US-Staatsanleihen von 4,36 auf 4,33 Prozent gesunken. Grund dafür ist auch die leichte Erholung des Dollars, der zumindest kurzfristig hier von seinem alten Bonus als sicherer Hafen profitiert haben dürfte.
An der Gesamtverfassung des amerikanischen Markts für Staatspapiere hat sich bisher nichts geändert: Seit 2023 pendeln die Renditen zehnjähriger US-Anleihen zwischen 3,3 und 5,0 Prozent. Anzeichen dafür, dass sich an diesem Plateau kurzfristig etwas ändert, gibt es bisher nicht. So gesehen bieten die Renditen und Kurse amerikanischer Anleihen ein stabileres Bild, als die verbreiteten Ängste von einer amerikanischen Vertrauenskrise nahelegen.
Stabile Anleihen und neue Konjunkturhoffnung
Im Dax kommt es als Reaktion auf den israelischen Angriff zu einem Rückschlag von über einem Prozent. Die Verluste gehen quer durch den Index – allein Rheinmetall-Aktien legen etwas zu. Deutlich höhere Energiepreise sind für deutsche Unternehmen das wirtschaftlich größte Risiko, das durch die Lage im Nahen Osten entstehen könnte.
Damit könnten auch die zuletzt überraschend positiven Prognosen zur deutschen Wirtschaft wieder ins Wanken kommen. Die Wirtschaftsinstitute Ifo, RWI, IfW rechnen ebenso wie die OECD in diesem Jahr mit einem leichten Konjunkturplus von 0,3 bis 0,4 Prozent und dann von 2026 an mit einer Beschleunigung auf 1,5 bis 1,6 Prozent.
Verantwortlich seien dafür vor allem die geplanten Investitionen der neuen Bundesregierung und eine etwas optimistischere Stimmung bei Unternehmen und Verbrauchern. Das größte Risiko waren bisher die Turbulenzen der US-Zollpolitik. Die Krise im Nahen Osten kommt jetzt hinzu.
Auch am Markt für deutsche Anleihen kommt es ähnlich wie bei US-Papieren in einer ersten Reaktion auf den israelischen Angriff zu einem Renditerückgang der zehnjährigen Bundespapiere von 2,48 auf 2,43 Prozent. Bundesanleihen gelten, wie US-Staatspapiere, in Krisenzeiten als klassische Sicherheitsinvestments.
An der seit 2023 bestehenden Bandbreite von zwei bis drei Prozent hat sich nichts verändert. Mit zuletzt 2,45 Prozent befindet sich der Bondmarkt hier ziemlich genau in der Mitte. Die robuste Verfassung des Dax wird damit durch einen stabilen Bondmarkt gut gestützt.
Vor- und Nachteile durch den starken Euro
Gemischt ist die Entwicklung an den Währungsmärkten. Durch den Dollarverfall seit Jahresanfang ist der Euro gegenüber dem Greenback auf den höchsten Stand seit Herbst 2021 geklettert. Mit dem Anstieg über das Niveau von 1,13 Dollar, die Preisspitzen von 2023 und 2024, hat der Euro zuletzt ein klassisches Kaufsignal gegeben. Theoretisch lägen die nächsten Ziele nun bei 1,22 bis 1,23 Dollar, die Hochpunkte der Jahre 2018 und 2021.
Die Stärke des Euro hat für die Finanzmärkte Vor- und Nachteile. Aus Währungsgründen werden europäische Aktien und Anleihen für internationale Investoren interessant. Zudem ist es für Europa durchaus eine Bestätigung, dass sich der Euro seit 2015 gegenüber der Weltwährung Dollar in der Bandbreite 0,97 bis 1,25 Dollar insgesamt stabil hält.
Für die vor allem auf internationalen Märkten aktiven Dax-Unternehmen allerdings führt ein weiter steigender Euro zu Wettbewerbsnachteilen und Währungsverlusten. Sollten dazu noch erhöhte Zöllen kommen, könnten die Geschäftszahlen zum zweiten und dritten Quartal 2025 dann doch etwas gedämpfter ausfallen als die Hoffnungen vom allgemeinen Wiederaufschwung der Konjunktur erwarten lassen.
Fazit für den Dax: In einer ersten Reaktion auf die Verschärfung der Lage im Nahen Osten kommt es zu deutlichen Abschlägen im Dax. Der deutsche Leitindex büßte am Freitag 1,07 Prozent auf 23.516,23 Punkte ein. Damit verzeichnete er den sechsten negativen Handelstag in Folge sowie ein Wochenminus von 3,2 Prozent. Die Entwicklung passt aber ins Bild der Schwankungen, die sich seit Mitte Mai abspielen.
Jetzt kommt dem Dax zugute, dass er in den vergangenen Monaten so stark gelaufen ist. Mit diesem Vorsprung ist im Index und bei vielen Einzelwerten ein Polster entstanden, mit dem sich kurz- bis mittelfristige Rückschläge gut verkraften lassen – ohne den großen Trend zu gefährden. So gesehen vollzieht sich im Dax eine ohnehin seit Wochen überfällige Korrektur.
Auch an den US-Börsen zeigen sich zunächst Abschläge. Vor allem Technologieaktien hatten hier zuletzt deutlich aufgeholt und fast wieder die alten Höchstkurse erreicht. Auch hier besteht damit Spielraum für eine kurzfristige Korrektur. Ob es bei der nächsten Sitzung der amerikanischen Notenbank Fed am 18. Juni zu einer Zinssenkung kommt, dürfte trotz Nahostkrise und zuletzt moderater Inflationszahlen wenig wahrscheinlich sein.
Im Dax geht es kurzfristig nun darum, ob das Niveau um 23.400 Punkten per Tagesschluss hält, hier lagen die Preisspitzen vom März. Sollte das nicht gelingen, könnte es zwischen 22.000 bis 23.000 Punkten zu einer längeren Schaukelpartie kommen. Nach dem vorangegangenen Anstieg von knapp 20.000 auf über 24.000 Punkten wäre aber auch das nach wie vor eine typische Korrektur. An der insgesamt robusten Verfassung des Dax hat sich durch die Krise im Nahen Osten nichts geändert.
Lesen Sie auch: „Damit beginnt eine schwer zu kontrollierende Eskalation“