1. Startseite
  2. Finanzen
  3. Börse
  4. Der Preis für Risiko ist zu niedrig

Intelligent investierenDer Preis für Risiko ist zu niedrig

Die Zentralbanken haben den Preis für das Risiko künstlich reduziert. Das schiebt zwar die Konjunkturen an und treibt die Vermögenspreise in die Höhe, es stellt Investoren jedoch vor ganz besondere Probleme.Thorsten Polleit 16.08.2017 - 06:00 Uhr

Die Notenbanken sorgen dafür, dass die Risiken an den Anlagemärkten für allzu leicht befunden werden.

Foto: dpa

„Die Weltkugel liegt vor Ihm offen, wer nichts waget, der darf nichts hoffen“, so schrieb Friedrich von Schiller (1759–1805). Diesen Worten wird wohl jeder Investor zustimmen. Der umsichtige Investor wird jedoch sogleich darüber nachdenken wollen, welche Wagnisse, welche Risiken, sich lohnen einzugehen und welche nicht. Was aber ist überhaupt das Investitionsrisiko? Antwort: Es ist Wahrscheinlichkeit, das eingesetzte Kapital zu verlieren, beziehungsweise dass der Kapitalertrag hinter den Erwartungen zurückbleibt.

Wer zum Beispiel eine Anleihe kauft, geht das Risiko ein, dass der Schuldner nicht zurückzahlt (er trägt also ein Kreditausfallrisiko), oder dass er mit entwertetem Geld entgolten wird (das ist das Inflationsrisiko). Wer in Aktien investiert, geht das Risiko ein, dass der Unternehmenserfolg geringer als erhofft ausfällt oder – im Extremfall – dass das Unternehmen scheitert und das eingesetzte Kapital verloren ist. Das kurzfristige Auf und Ab der Kurse ist für den langfristigen Investor hingegen kein Risiko.

Der Preis für Risiko

Risiken haben einen Preis, der durch Angebot und Nachfrage auf den Kapitalmärkten bestimmt wird. Er zeigt sich darin, dass schlechte Schuldner höhere Zinsen zahlen müssen als gute Schuldner. Kredite in unsoliden Währungen sind mit höheren Zinsen ausgestattet als Kredite in soliden Währungen. Aktien von risikoreichen Unternehmen handeln zu niedrigen, die von risikoarmen Unternehmen zu relativ höheren Kursen beziehungsweise Bewertungsmaßen.

Unsicherheit unter den Anlegern

Einmal im Jahr ermittelt das forsa-Institut im Rahmen einer Umfrage im Auftrag des Edelmetallhandelshauses pro aurum*, welchen Geldanlagen deutsche Anleger ab 18 Jahren bei einem Anlagehorizont von drei Jahren das höchste Gewinnpotenzial zutrauen. Das Ergebnis: Die Mehrheit der Bundesbürger (28 Prozent) hat darauf keine Antwort. Wie Mirko Schmidt, Gründer und Geschäftsführer von pro aurum, anmerkt, fiel die Zahl „Ratlosen“ 2017 erneut ausgesprochen hoch aus, was auf einen anhaltenden Anlagenotstand und ein hohes Maß an Unsicherheit unter den Anlegern hindeute.

Quelle: pro aurum, Stand: Juni 2017

*Die deutschlandweite Umfrage erfolgte anhand computergestützter Telefoninterviews mit über 1000 repräsentativ ausgewählten Bundesbürgern

Foto: Fotolia

Gold

In einer Hinsicht sind sich die Deutschen jedoch einig: Neben einer weiteren Geldanlage trauten die Befragten „Gold“ das höchste Gewinnpotenzial zu. Mit 27 Prozent rangiert sie exakt auf dem Niveau des Vorjahres.

Foto: obs

Aktien

Ebenfalls 27 Prozent beantworteten die Frage, welche Geldanlage nach drei Jahren Laufzeit den höchsten Gewinn bringen würde, mit „Aktien“. Diese haben laut forsa in den letzten Jahren deutlich an Attraktivität gewonnen. 2011 hielten gerade einmal elf Prozent Aktien für die lukrativste, langfristige Geldanlage. „Aktien dürften vor allem – bedingt durch ihren mehrjährigen Aufwärtstrend – bei Anlegern extrem beliebt sein, während der Krisenschutz Gold nach dem markanten Anziehen der Inflation vor allem von den negativen Realzinsen profitiert haben dürfte. Für mich gehört Gold weiterhin als Stabilitätsanker in jedes Depot“, erklärt Schmidt weiter.

Foto: Fotolia

Fondsanteile

Ähnliches gilt für Fonds, deren Anteil im privaten Depot allerdings von 18 Prozent im Vorjahr auf 17 Prozent leicht zurückgegangen ist.

Foto: gms

Lebensversicherung

In einem zweiten Schritt ermittelte die forsa-Umfrage zudem, welche Geldanlagen tatsächlich aktuell in den Depots der Befragten enthalten sind. Mit einem Anteil von 30 Prozent sind Lebensversicherungen in diesem Jahr demnach die beliebteste Geldanlage - selbst wenn sie im Vergleich zu 2016 einen Prozentpunkt eingebüßt haben.

Foto: Fotolia

Bausparvertrag beziehungsweise Bausparplan

Ähnliches gilt für Bausparpläne. In der Gunst der Anleger machten sie neben Lebensversicherungen den größten Anteil im privaten Depot aus. Dennoch fielen auch sie im Vergleich zu 2016 von 31 auf 28 Prozentpunkte zurück.

Foto: Fotolia

Immobilien

Unter den fünf beliebtesten Geldanlagen konnten lediglich Immobilien das Vorjahresniveau von 27 Prozent verteidigen.

Foto: dpa/dpaweb

ielTagesgeld

Tagesgeldkonten haben es mit einem Anteil von 22 Prozent in diesem Jahr ebenfalls in die Top Fünf der beliebtesten Geldanlagen geschafft. Zum Vergleich: 20 fiel ihr Anteil bei 23 Prozent noch etwas höher aus.

Foto: Fotolia

Fest- beziehungsweise Termingeld

Unter den wenigen Geldanlagen mit steigenden Besitzquoten sind vor allem Termingelder zu nennen. Ihr Anteil im Depot ist seit 2016 von 12 auf 14 Prozent gestiegen.

Foto: Fotolia

Gold & Silber

Neben Termingeldern legten insbesondere Edelmetallinvestments zu. Bei Netto-Investments in Gold und Silber (7 Prozent), Goldbarren und -münzen (7 Prozent) sowie Silberbarren und -münzen (3 Prozent) stiegen die Besitzquoten um jeweils einen Prozentpunkt nach oben. Ein Grund für den Anstieg dürfte das gestiegene Ansehen von Gold unter den Anlegern sein: Wie im Vorjahr stuften drei von vier Bürgern (75 Prozent) Gold als eine gute Ergänzung zu anderen Geldanlagen ein. Dass Gold eine sichere Geldanlage sei, wurde diesmal von 71 Prozent bejaht (2016: 65 Prozent). Etwas mehr Zuspruch erhielt auch die These, dass Gold als geeignete Geldanlage für risikoscheue Anleger fungiere. Hier wurde nämlich ein von 54 auf 55 Prozent leicht erhöhter Wert registriert. Unverändert fiel der Zuspruch zu der These „Gold ist zur Zeit eine lohnende Anlage, weil die Kurse steigen werden“ aus. Fast jeder zweite Deutsche (49 Prozent) war hiervon überzeugt.

Foto: dpa

Wie wichtig ist der Preis für das Risiko? Er ist sehr wichtig. Der Preis für das Risiko sorgt nicht für die richtige Verwendung knapper Mittel und bringt die Interessen von Kapitalgebern und Kapitalnehmern in Einklang. Beispielsweise sichern Kreditausfallprämien, die den Kreditzins erhöhen, Anleiheinvestoren gegen unvorhergesehene Zahlungsausfälle ab. Gleichzeitig werden Kreditnehmer abgehalten, sich zu stark zu verschulden: Die Risikoprämie erhöht den Kreditzins und bremst die Fähigkeit, sich ungehemmt neue Kredite für risikoreiche Projekte beschaffen zu können.

Handelt die Aktie eines risikoreichen Unternehmens mit einem Abschlag, so verringert dies das Verlustrisiko des Investors – und gleichzeitig hat der Investor die Chance auf eine hohe Rendite, wenn sich das Unternehmen gut entwickelt. Aber auch für das Unternehmen selbst ist der Preis des Risikos wichtig: Es bestimmt seine Kapitalkosten – und trägt dazu bei, risikoreiche Investitionen in ökonomisch sinnvollen Grenzen zu halten. Es stellt sich die Frage: Erfüllen denn die Märkte derzeit ihre Aufgabe, richtige Preise für Risiken zu bestimmen?

Risikoempfinden eingeschläfert

Die Antwort muss negativ ausfallen. Denn die Zentralbanken haben in den vergangenen Jahren die Zinsen auf extrem niedrige Niveaus geschleust – und die Preise beziehungsweise Bewertungen aller Güter in die Höhe getrieben. Doch damit nicht genug. Die Geldpolitiker haben auch ein „Sicherheitsnetz“ unter die Finanzmärkte gespannt („Zentralbank-Put“): Sie haben den Marktakteuren de facto zugesichert, dass sie Rezessionen und auch Finanzmarkt-Crashs mit allen Mitteln „bekämpfen“ werden.

Vermutlich hat keine Zentralbank das so unmissverständlich verkündet wie die Europäische Zentralbank (EZB). Ihr Präsident Mario Draghi sagte am 26. Juli 2012, dass die EZB den Euro vor dem Zusammenbruch bewahren werde und alles machen werde, was dafür erforderlich ist; und dass die Finanzmärkte keinen Grund hätten, diese Verlautbarung anzuzweifeln. Mit dieser Aussage hat die EZB ganz vehement eingegriffen in die Preisbildung für das Risiko: Die Risiken werden nicht mehr richtig bewertet.

Privatanleger machen vermeidbare Fehler

Eine Studie der Wirtschaftsprofessoren Andreas Hackethal und Steffen Meyer für das Magazin „Finanztest“ hat knapp 40.000 Wertpapierdepots von Direktbankkunden im Zeitraum von 2005 bis 2015 ausgewertet.

Das Ergebnis zeigt, dass die Anleger weit hinter den Wertzuwächsen des Gesamtmarktes liegen. Während eine Rendite von jährlich 8,7 Prozent realistisch gewesen wäre, kommen die Anleger nur auf einen Wertzuwachs von 3,1 Prozent. Mangelnde Finanzkenntnisse müssen nicht die Ursache sein. Zu Einbußen führen meist kurzfristiges Denken, Gier und Aktionismus. Die vier gängigsten Fehler sind leicht zu beheben. Wir stellen sie vor – und entsprechende Gegenstrategien.

Das Bild zeigt die Börse von Abu Dhabi. Hier handeln Privatanleger mit größeren Beträgen als in Deutschland.

Foto: REUTERS

Fehler 1: Mangelnde Streuung - Befund

Sie ist die wichtigste Voraussetzung für eine erfolgreiche Geldanlage – dennoch vernachlässigen sie viele Anleger: die Risikostreuung. Wie die Studie zeigt, streuen Anleger ihre Wertpapiere zu wenig; die Aktienkonzentration ist höher als noch vor zehn Jahren. Eines der untersuchten Depots beinhaltet heute im Schnitt zwölf Aktien.

In Santiago de Chile bedient ein Mitarbeiter der chilenischen Zentralbank eine Sicherheitstür.

Foto: REUTERS

Fehler 1: Mangelnde Streuung - Folgen

Zwischen der Streuung und dem Chance-Risiko-Verhältnis besteht laut den Autoren ein klarer Zusammenhang. Selbst die relativ breit aufgefächerten Depots reichen nicht entfernt an das Verhältnis des Weltaktienindexes MSCI World heran.

In manchen Depots befindet sich nur eine einzige Aktie. Wenn diese auch noch ein spekulativer Titel ist, unterliegt das Depot enormen Kursschwankungen.

Am 24. Oktober 1929, dem „Schwarzen Donnerstag“ kommen Menschen vor der New York Stock Exchange zusammen.

Foto: AP

Fehler 1: Mangelnde Streuung - Gegenmittel

Es ist leicht, ein breit gestreutes Depot aufzubauen: durch börsengehandelte Indexfonds (ETF). Sie beteiligen Anleger, je nach Art, an 1600 bis 2500 internationalen Aktien. Für Staatsanleihen gibt es ebenfalls ETFs.

Bestehende Depots umzubauen, ist nicht nicht ganz einfach. Anleger sollten sich von Verlustpositionen trennen. Ein Papier erst zu verkaufen, wenn es seinen einstigen Kaufpreis erreicht hat, ist irrational. Es sollten triftige Gründe für eine zu erwartende Wertsteigerung vorliegen.

Ein chinesischer Investor analysiert im August 2015 eine Kurstafel.

Foto: dpa

Fehler 2: Aktien-Picken - Befund

Der Fehler erinnert an das Muster von Sportwetten: Unerfreuliche Ergebnisse werden ausgeblendet, Erfolgserlebnisse übermäßig hochgehalten. Anleger sollten aber ausschließlich die langfristige Entwicklung des Gesamtdepots im Blick haben.

Oft suchen sie ihr Heil in einer Kombination aus Einzelaktien: Im Falle eines Missgriffs ist es eine beliebte Methode, die Position aufzustocken, um den durchschnittlichen Einstandspreis zu senken und von der erwarteten Erholung zu profitieren. Das kann jedoch auch weiteres Unheil anrichten: Das sogenannte Klumpenrisiko, eine Übergewichtung einzelner Anlagen im Depot, steigt. Private Anleger haben gegenüber Profis hier offenbar schlechtere Karten.

Das Foto vom 20. Oktober 1987 zeigt Händler in der Frankfurter Börse. Am 19. Oktober 1987 erlebte die Wall Street einen ihrer schwärzesten Tage.

Foto: dpa

Fehler 2: Aktien-Picken - Folgen

Vom Aktien-Picken betroffene Depots bringen nur 3,1 Prozent Rendite. Mit einer Indexmischung, die die durchschnittliche Vermögensaufteilung der Anleger widerspiegelt, hätten sie dagegen 8,7 Prozent erzielt.

Jeder fünfte Deutsche legt sein Geld in Fonds an. Diese werden von Fondsmanagern verwaltet, die das eingesammelte Geld in Aktien, Obligationen, Immobilien und andere Wertpapiere anlegen.

Foto: dpa

Fehler 2: Aktien-Picken - Gegenmittel

Aktien- und Renten-ETFs sind auch hier ein probates Mittel. Passionierte Zocker von einer solchen Strategie zu überzeugen, fällt manchmal schwer. Wer unbedingt eigenhändig zusammenstellen will, sollte zwingend auf eine möglichst gleichmäßige Verteilung auf die wichtigsten Branchen achten.

Die USA gelten als Nation der Aktienbesitzer.

Foto: dpa

Fehler 3: Übermäßiges Handeln - Befund

Ein typischer Anleger verändert auf Jahressicht knapp ein Viertel seines Portfolios. Die aktivsten krempeln ihr Depot zweimal im Jahr komplett um. Das bringt nichts: Die eifrigen Händler erhalten die schlechteste Rendite. Übrigens auch, wenn man die Handelskosten abzieht.

Broker stehen am 25. Oktober 1929 zu Beginn der Weltwirtschaftskrise in der New Yorker Börse. Innerhalb weniger Tage verloren Millionen Amerikaner ihr Vermögen, die Panik griff weltweit auf die Börsenplätze über.

Foto: AP

Fehler 3: Übermäßiges Handeln - Folgen

Kauf- und Verkaufskosten verringern die Rendite um annähernd ein Prozent. Dieser Wert steigt bei besonders aktiven Händlern deutlich (3,3 Prozent). Passivere kommen dagegen der Rendite des großen Index MSCI World nahe.

Händler der Investmentbank Lehman Brothers arbeiten in der New Yorker Börse am 17. Juni 2008 – drei Monate vor der Insolvenz.

Foto: dpa

Fehler 3: Übermäßiges Handeln - Gegenmittel

Wer vom Start weg auf weltweite Indexfonds setzt, hat in der Folge wenig Grund, sein Portfolio zu verändern. In schlechten Börsenzeiten muss die Verlusttoleranz allerdings strapazierfähig sein. Hektische Reaktionen machen die ausgegebene Taktik zunichte. Ein Logbuch kann helfen, die Transaktionssummen im Blick zu behalten.

Die Flamme eines Feuerzeuges beleuchtet eine Euro-Münze aus Griechenland. Wer Geduld bewahrt und sein Portfolio ausgewogen gestaltet, ist vor hohen Verlusten gefeit.

Foto: dpa

Fehler 4: Zu viel Deutschland - Befund

Die nachvollziehbare Einstellung, nur bekannte Unternehmen – also vornehmlich deutsche – ins Portfolio aufzunehmen, geht zulasten der Streuung. Während der Anteil deutscher Aktien im MSCI World drei Prozent beträgt, vertrauen in den untersuchten Depots 43 Prozent auf hiesige Aktiengesellschaften. Obwohl es leichter geworden ist, ausländische Aktien zu handeln, bleibt dieser Wert relativ konstant. Ein weiteres Problem ist die Zusammensetzung der deutschen Titel: Sie ist oft nicht repräsentativ für den Gesamtmarkt. Gängige Indizes schneiden hier besser ab.

Eine Gruppe von Menschen steht am 13. Juli 1931 vor der Darmstädter und Nationalbank (Danatbank) in Berlin. Die (im Zusammenhang mit den Turbulenzen bei Hypothekenbanken 2008 als Vergleich herangezogene) Bankenkrise von 1931 hat ihre Wurzeln in der Weltwirtschaftskrise von 1929 und dem damit verbundenen Börsencrash.

Foto: AP

Problem 4: Zu viel Deutschland - Folgen

Die Wertschwankungen steigen, das Ergebnis wird weniger berechenbar. Glück hatten die Anleger vor allem deutscher Titel vor allem dann, wenn der Markt hierzulande schlicht gut lief. Untersuchungen belegen, dass ein international ausgelegtes Portfolio ein besseres Chance-Risiko-Verhältnis verspricht.

Auch Gold, hier ein Barren aus der chilenischen Nationalbank, stellt eine beliebte Anlageform dar.

Foto: Reuters

Fehler 4: Zu viel Deutschland - Gegenmittel

Als Beimischung sind deutsche Aktien sehr gut geeignet. Einen Anteil von 20 Prozent halten die Studienautoren noch für akzeptabel. Wer nur ein geringes Vermögen anlegen will, dem sei eine Kombination aus MSCI World und Dax-ETF empfohlen. Fünf bis zehn Titel aus verschiedenen Branchen sollten es schon sein.

Ein junger Russe spielt mit unechten US-Dollarscheinen – ein Werbegag, mit dem eine Vermögensberatung auf der Millionärsmesse in Moskau finanzstarke Kunden locken wollte.

Studien-Quelle: Finanztest

Foto: dpa

Die Risikosorge der Investoren ist eingeschläfert, Risikoappetit und Verschuldungsfähigkeit und -bereitschaft in der Volkswirtschaft sind künstlich angeheizt. Investoren kaufen Schuldpapiere von schlechten Schuldnern zu niedrigen Zinsen, die sie nicht mehr ausreichend für die Risiken, die sie eingehen, entlohnen. Aktien werden teurer, die Renditeaussichten geringer. Die Kapitalkosten der Unternehmen sinken künstlich ab. Übermäßig risikoreiche Investitionen werden in Gang gesetzt, Investoren nicht hinreichend für ihre Risikoübernahme kompensiert.

Das Heruntermanipulieren der Risikoprämien – und das ist ein wesentliches Element der Zentralbankpolitiken – kann zwar eine konjunkturelle Scheinblüte in Gang setzen: Unternehmen investieren, die Produktion steigt, Arbeitsplätze werden geschaffen. Doch dabei entstehen unausweichlich Kapitalfehllenkungen – auch wenn sie zunächst hinter der Fassade eines Wirtschaftsaufschwungs verborgen bleiben.

Doch ist das nicht zu pessimistisch gedacht? Könnte es nicht sein, dass die Zentralbankpolitiken Risiken aus der Welt geschaffen haben?

Value-Fonds

Diese Fonds profitieren bei einer Zinswende

Risiken verschwinden nicht

Nein. Die Zentralbanken verteilen mit ihrer Geldpolitik bestehende Risiken um beziehungsweise verändern ihre Gestalt. Beispielsweise wird ein Kreditausfallrisiko zum Inflationsrisiko, wenn die Geldpolitiker einen Konjunkturabschwung verhindern wollen, indem sie die elektronische Notenpresse anwerfen und offene Rechnungen mit neu geschaffenem Geld bezahlen. Gläubiger müssen dann nicht mehr Zahlungsausfälle fürchten, sondern dass das Geld, das der Schuldner zurückzahlt, seine Kaufkraft eingebüßt hat.

Zudem schaffen die Zentralbanken neue Risiken. Indem sie die Marktzinsen künstlich verzerren – durch Leitzinssenkungen, vor allem aber durch das künstliche Absenken der Risikoprämien –, verleiten sie die Marktakteure zu Handlungen, die ohne den geldpolitischen Eingriff nicht vollzogen würden: Falsche beziehungsweise nicht erfolgreich durchführbare Investitionen werden in Gang gesetzt, die nachfolgend zu volkswirtschaftlichen Störungen – zu Ungleichgewichten – führen und sich dann in Krisen entladen.

Wie stehen die Chancen für ein baldiges Ende der verzerrten Zinsen und Kapitalkosten? Sie sind vermutlich geringer als man hoffen sollte. Extrem niedrige Zinsen, herabgesetzte Risikoprämien und Kapitalkosten sind nämlich zu einer unverzichtbaren Droge geworden, die die Konjunkturen und die Preisrallye auf den Vermögensmärkten – ob auf den Aktien-, Anleihe- oder Häusermärkten – antreibt. Ernstzunehmende Anzeichen, dass die großen Zentralbanken der Welt das Sicherheitsnetz einholen, sind nicht erkennbar.

Der Weg zurück zu normalen, der tatsächlichen Risikolage angemessenen Zinsen und Kapitalkosten ist damit versperrt. Und solange die Finanzmärkte erwarten können, dass Rezession und Finanzmarkt-Crash durch die Zentralbankpolitiken abgefangen werden, haben sie gute Gründe zu erwarten, dass eine geldpolitische Straffung nur gering ausfällt und nur von kurzer Dauer sein wird.

Die Volkswirtschaften verbleiben unter diesen Umständen auf einem geldpolitisch angetriebenen Expansionskurs, die Vermögenspreise blähen sich weiter auf, eine „Reichtumsillusion“ stellt sich ein. Gleichzeitig werden aufgelaufene Fehlentwicklungen nicht abgebaut, vielmehr kommen neue hinzu. Die Risikotragfähigkeit des Systems wird überdehnt, die Wirtschafts- und Finanzarchitektur wird zusehends fragiler. Die Wahrscheinlichkeit einer systemischen Krise wächst.

"Preis versus Wert"

Für Investoren ist das kein Grund zu verzagen. Vielmehr gilt es mehr denn je, Investitionsentscheidungen unter Beachtung erprobter Prinzipien zu treffen. Letztere finden sich im „Value Investing“ – wie es vor allem von Benjamin Graham (1894 – 1976), Charlie Munger (*1924), Warren E. Buffett (*1930) und Philip A. Fisher (1907–2004) geprägt wurde. Ein zentrales und im aktuellen Umfeld äußerst hilfreiches Prinzip ist „Preis versus Wert“: Investiere nur dann, wenn der Preis, den Du für etwas bezahlst, deutlich unter dem Wert liegt.

Auf diese Weise sichern Sie sich eine „Sicherheitsmarge“. Letztere bewahrt Sie vor Verlusten, die mögliche Fehler bei der Unternehmensbewertung nach sich ziehen können. Zudem erhöht eine Sicherheitsmarge auch die Investitionsrendite. Ganz entscheidend ist es daher, den wahren Wert der Investition – ob Aktie, Anleihe oder Immobilie – mit hinreichender Genauigkeit zu ermitteln. Denn nur so ist man in der Lage, eine sinnvolle und gut begründete Investitionsentscheidung treffen zu können.

Das Value Investing erfordert Konzentration auf wenige ausgewählte Investments. Es steht damit im Gegensatz zum populären Ansatz, breit diversifiziert zu investieren – was bekanntlich als risikosenkend angesehen wird. Doch im aktuellen Umfeld, in dem Zinsen, Risikoprämien und Kapitalkosten künstlich gedrückt sind, ist das eine Fehldeutung. Anleger, die in breite Aktienmarktindizes investieren, kaufen mit großer Wahrscheinlichkeit viele überteuerte Aktien, die ungewollt erhöhte Risiken bringen und eine geringe Rendite einspielen.

Das Value Investing empfiehlt: Seien Sie wählerisch. Investieren Sie nur in Aktien, die langfristig hohe Renditen auf das eingesetzte Kapital erzielen, die ihren Gewinn pro Aktie im Zeitablauf steigern können, und die vor allem auch ein Management haben, das nachweislich knappes Kapital klug investieren kann. Solche Unternehmen können besser als andere durch wirtschaftlich schwierige und inflationäre Phasen hindurchkommen.

Wenn Sie diese Art des Investierens überzeugt, sollten Sie nach guten "Value Investoren" Ausschau halten. Value Investoren beschäftigen sich intensiv mit der Auswahl und Bewertung von Unternehmen und haben daher auch die besten Voraussetzungen, langfristig – nach Abzug der Inflation – positive Renditen erzielen zu können – und das auch in Zeiten, in denen die Zentralbanken ein besonders risikoreiches Umfeld für Investoren geschaffen haben.


Mehr zum Thema
Unsere Partner
Anzeige
Stellenmarkt
Die besten Jobs auf Handelsblatt.com
Anzeige
Homeday
Homeday ermittelt Ihren Immobilienwert
Anzeige
IT BOLTWISE
Fachmagazin in Deutschland mit Fokus auf Künstliche Intelligenz und Robotik
Anzeige
Remind.me
Jedes Jahr mehrere hundert Euro Stromkosten sparen – so geht’s
Anzeige
Presseportal
Lesen Sie die News führender Unternehmen!
Anzeige
Bellevue Ferienhaus
Exklusive Urlaubsdomizile zu Top-Preisen
Anzeige
Übersicht
Ratgeber, Rechner, Empfehlungen, Angebotsvergleiche
Anzeige
Finanzvergleich
Die besten Produkte im Überblick
Anzeige
Gutscheine
Mit unseren Gutscheincodes bares Geld sparen
Anzeige
Weiterbildung
Jetzt informieren! Alles rund um das Thema Bildung auf einen Blick