Intelligent investieren
Orientieren Sie sich an den Besten, nicht am Durchschnitt. Quelle: imago

Orientieren Sie sich an den Besten, nicht am Durchschnitt

Thorsten Polleit
Thorsten Polleit Chefvolkswirt der Degussa und volkswirtschaftlicher Berater des P&R Real Value Fonds

Wer seinen Investmenterfolg beurteilen und verbessern will, sollte nicht auf Aktienmarkt-Indizes zurückgreifen, sondern sich an der Performance der Besten orientieren.

Wenn ich als Schüler eine Klassenarbeit mit mittelmäßiger Note nach Hause brachte, war ich bemüht, meinem Vater klarzumachen, dass mein Abschneiden gar nicht so schlecht sei – die meisten Schüler hätten schließlich keine gute Note bekommen, und ich läge immerhin noch auf dem Durchschnitt der Klasse. Mein Vater lies das aber nicht gelten: Ich solle mich nicht an der Leistung des Durchschnitts, sondern an der der Besten orientieren, sage er. Das sei der Maßstab, an dem man sich zu messen habe, das bringe einen weiter. Wie wahr. Diese Lebensweisheit gilt natürlich auch für das Investieren.

Heutzutage befolgen viele Investoren sie jedoch nicht: Um zu beurteilen, ob sie gut oder schlecht abschneiden, stellen Anleger ihre erzielte Rendite der eines Vergleichsmaßstabes („Benchmark“) gegenüber. Liegt die eigene Rendite höher als die Rendite der Benchmark, hat man „outperformed“, ist sie niedriger, hat man „underperformed“.

Als Benchmark dienen dabei Aktienmarkt-Indizes – wie zum Beispiel der Deutsche Aktienmarktindex (Dax), der amerikanische S&P 500 oder der MSCI World. Aktienmarkt-Indizes sollen die Erfolgsentwicklung von Aktieninvestments in der Breite repräsentativ abbilden.

Zwar gibt es Unterschiede in der Ermittlung der einzelnen Aktienmarktindizes. Doch eines haben sie alle gemeinsam: Sie alle stellen einen Durchschnitt dar: Einen Durchschnitt, der sich errechnet aus der Entwicklung erfolgreicher, weniger erfolgreicher und nicht erfolgreicher Unternehmen beziehungsweise aus der Entwicklung ihrer Aktienkurse: Aktien, die sich durch hohe Kurssteigerungen und Ausschüttungen auszeichnen, Aktien, die nicht allzu erfolgreich sind, und auch Aktien von Unternehmen, die scheitern.

Licht und Schatten am Aktienmarkt-Index: Kursverlauf Dax, Commerzbank- und Siemens-Aktie. Quelle: Thomson Financial Datastream

Wer im Januar 1999 in den Dax investiert hat, hat bis Mitte März 2018 einen Wertzuwachs von 144 Prozent (einschließlich Dividenden) erzielt. Das entsprach einer jahresdurchschnittlichen Rendite von 4,7 Prozent. Hätte man in die Aktie der Commerzbank (die im Aktienmarktindex Dax enthalten ist) investiert, wären 90 Prozent des eingesetzten Kapitals verloren. Die Siemens-Aktie hingegen bescherte dem Anleger ein Plus von 392 Prozent, das entsprach einer jahresdurchschnittlichen Rendite von 8,6 Prozent pro Jahr.

Wenn es nachweislich erfolgreiche und wenig erfolgreiche Unternehmen gibt, warum nicht gleich nur in die guten, die erfolgreichen investieren? Das ist eine durchaus berechtigte Frage. Die Antwort, die darauf in der Regel gegeben wird, hat ihren Ursprung in der modernen Finanzmarkttheorie (auch: „Modern Portfolio Theory“), die zum beherrschenden, zum unangefochtenen Paradigma des guten Investierens aufgestiegen ist, und die dem heutigen Verständnis des Investierens ihren Stempel aufgedrückt hat.

Die ertragsstärksten deutschen Aktien

Eine Kernaussage der modernen Finanzmarkttheorie lautet: Der Investor kann nicht dauerhaft besser abschneiden als der Gesamtmarkt. Er kann – und soll – daher nicht auf eine nachhaltige „Outperformance“ hoffen, denn sie ist für ihn unerreichbar. Am besten investiert er in einen breiten Aktienmarktindex (indem er ein Zertifikat oder einen ETF kauft). Für die Finanzindustrie ist die Empfehlung der modernen Finanzmarkttheorie – für die es sogar Wirtschaftsnobelpreise gegeben hat – ein gefundenes Fressen.

Mit ihr kann das Investieren zu einer Art „Breitensport“ verklärt werden. Banken und Anlageberater empfehlen jedem roboterhaft, gemäß dem Gießkannenprinzip breit zu diversifizieren, in einen breiten Aktienmarkt-Index zu investieren, von allen Aktien ein paar zu kaufen. Wie angenehm: Man muss sich nicht mehr abmühen, die knappen lohnenden Anlagen mühsam aufzuspüren, muss nicht mehr mit den kniffligen Problemen der Einzelwertanalyse ringen, sondern kann sich darauf konzentrieren, möglichst viele Kundengelder einzuwerben.

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