Pharma-Aktien: Trump erklärt Paracetamol zum Feind – wie das die Börse bewegt
Donald Trump hält wenig von wissenschaftlicher Genauigkeit, für Pharmakonzerne wird das zu einem ernsthaften Problem. „Die Einnahme von Tylenol ist nicht gut“ – die Aussage des US-Präsidenten fällt bei einer Pressekonferenz am Freitag und schickt die Aktie des Herstellers Kenvue rund 7,5 Prozent auf Talfahrt. Doch ist der Frontalangriff gegen das Medikament mit dem Wirkstoff Paracetamol gerechtfertigt, oder ist die US-Regierung erneut Geisel der eigenen Versprechen?
Im Zentrum dieser Frage steht US-Gesundheitsminister Robert Kennedy. Dieser hatte bereits im April angekündigt, im September Antworten auf die Ursachen von Autismus geben zu können. Nun hat die ihm untergeordnete US-Arzneimittelbehörde FDA geliefert: Eltern und Ärzte sollen „sich einer beträchtlichen Anzahl von Belegen über potenzielle Risiken im Zusammenhang mit Paracetamol bewusst sein“, heißt es in der Mitteilung. Konkret geht es um die Einnahme der Fiebersenker während der Schwangerschaft.
Die Wortwahl der Behörde ist betont zurückhaltend, von einer robusten Warnung oder gar einem Verschreibungsverbot ist das denkbar weit entfernt. Entsprechend entsetzt zeigte sich die Wissenschaftsgemeinde über Trumps Aussagen. „Die Behauptung, dass die Einnahme von Paracetamol während der Schwangerschaft Autismus verursacht, ist nicht nur für Ärzte äußerst besorgniserregend, sondern auch unverantwortlich“, sagt Steven Fleischmann, Präsident der Amerikanischen Hochschule für Geburtshelfer und Gynäkologen ACOG. Ebenso deutliche Worte kamen auch von der Vereinigung der Autismus-Forscher.
Wissenschaftlich unkonkret
Die FDA stützt ihr Urteil auf „mehrere großangelegte Kohortenstudien“ und nennt konkret zwei Analysen, die bereits 2019 und 2020 veröffentlicht wurden. Diese setzen sich vor allem mit der Aufmerksamkeitsdefizit- und Hyperaktivitätsstörung ADHS auseinander, nur eine Studie mit rund 1000 Teilnehmern behandelt auch Autismus.
Wesentlich aktueller und umfassender ist dagegen eine Analyse der Harvard T.H. Chan School of Public Health, die Mitte August vorgestellt wurde. Die Metauntersuchung analysierte 46 bereits veröffentlichte Studien zum Thema. Zwar schließen die Autoren auf ein erhöhtes Risiko, empfehlen jedoch keinen Verzicht. Konkret heißt es: „Wir empfehlen eine umsichtige Verwendung von Paracetamol – niedrigste wirksame Dosis, kürzeste Dauer.“
In der Wissenschaftsgemeinde fürchtet man vor allem den Drang der Politik, einfache Antworten auf komplexe Fragen zu geben. Viktor Ahlqvist, Epidemiologe am Karolinska-Institut in Stockholm, bezeichnet die Beweisführung im Fachmagazin Nature als hochgradig schwierig. Er muss es wissen, erst 2024 veröffentlichte er eine Studie auf Basis von fast 2,5 Millionen Datensätzen aus Schweden. Hiervon waren rund 186.000 Kinder während der Schwangerschaft mit dem Wirkstoff Paracetamol in Berührung gekommen.
Ahlqvist zufolge sorgt vor allem ein Umstand für Unsicherheit: Frauen, die während der Schwangerschaft Paracetamol einnehmen, sind in der Regel weniger gesund als Frauen, die darauf verzichten. Ein Zusammenhang zwischen Paracetamol und Autismus könne daher eher durch andere Gesundheitsfaktoren als durch das Medikament selbst erklärt werden.
Wenngleich das Risiko in Bezug auf Autismus und ADHS bei der Einnahme von Paracetamol nicht bewiesen ist, stehen andere Gefahren – insbesondere für die Mütter – stärker im Vordergrund: „Maternales Fieber, Kopfschmerzen als frühes Anzeichen einer Präeklampsie und Schmerzen werden alle mit der therapeutischen Anwendung von Paracetamol behandelt“, heißt es daher vom Gynäkologenverband ACOG. Dies mache das Medikament in diesen Fällen unverzichtbar.
Fakten treten in den Hintergrund
Trump dürfte das wenig interessieren. Während seiner letzten Amtszeit propagierte er wiederholt und ohne solide wissenschaftliche Grundlage vermeintliche Therapien gegen eine Corona-Infektion und riskierte damit die Gesundheit der Amerikaner. Dazu gehörten unter anderem die Einnahme des Pferde-Entwurmungsmittels Ivermectin oder das Spritzen von Desinfektionsmittel.
Für Kenvue ist das alles andere als neu, bereits seit dem Jahr 2022 sind in den USA Klagen anhängig, die die Einnahme von Tylenol mit Autismus in Verbindung setzen. Unternehmensangaben nach ist hier jedoch noch kein Urteil rechtskräftig. Im Kleingedruckten der Quartalszahlen hieß es Anfang August, alle Verfahren befänden sich in Berufung. Zudem entschied das zuständige Gericht in New York im Sinne der Hersteller und wies die Klagen ab.
Doch auch wenn den Pharmaherstellern bisher keine millionenschweren Schadenersatzzahlungen drohen, könnte der Absatz einbrechen. Da Paracetamol-Präparate zu den meistverkauften Schmerzmitteln überhaupt zählen, können die Umsatzverluste schnell in die Milliarden gehen.
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