Mittleres Einkommen Deutschland: Gehören Sie zur Mittelschicht?
In der Realität zählen die meisten Deutschen zur Mittelschicht. In der Gefühlswelt sind es nochmal mehr. Prominentester Vertreter der gefühlten Mitte dürfte der amtierende Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) sein, der vor einigen Jahren erklärte, er gehöre zur gehobenen Mittelschicht. Wie weit Realität und Selbstwahrnehmung auseinanderliegen können, zeigte sein damaliges Millionengehalt.
Nur wer gehört tatsächlich zur Mittelschicht in Deutschland? Und wo verlaufen die Grenzen? Ein Überblick.
Mit welchem Einkommen zählt man in Deutschland zur Mittelschicht?
Das Institut der Deutschen Wirtschaft (IW) hat ermittelt: Wer als Alleinlebender im Jahr 2022 ein monatliches Nettoeinkommen von 1850 Euro bis 3470 Euro zur Verfügung hatte, gehört zur deutschen Mittelschicht. Das war knapp jeder Zweite. Bezugspunkt für die Berechnung ist das mittlere Einkommen der Gesellschaft (Median) von 2312 Euro monatlich. Der Wert stammt von der europäischen Erhebung über Einkommen und Lebensbedingungen (EU-SILC).
Einkommensschichten (Single-Haushalt, 2022)
| Einkommensschicht | Haushaltsnettoeinkommen |
|---|---|
| Relativ Arme | 0 bis 1.389 Euro |
| Untere Mitte | 1.390 bis 1.849 Euro |
| Mitte im engen Sinne | 1.850 bis 3.470 Euro |
| Obere Mitte | 3.471 bis 5.780 Euro |
| Relative Reiche | ab 5.781 Euro |
Quelle: IW, EU-SILC
Laut den Studienautoren des IW gehöre eine Person zur Mittelschicht im engen Sinne, wenn ihr Haushaltsnettoeinkommen zwischen 80 Prozent und 150 Prozent des Medians liege. Das ist der Wert, den jeweils die Hälfte der Haushalte mit ihrem Einkommen über- oder unterbieten.
Wichtig ist dabei die Bedarfsgewichtung. Das bedeutet: Leben Menschen zusammen, wird der Alltag für sie tendenziell günstiger. Zudem benötigen Kinder weniger Geld als Erwachsene. Daher gelten für Familien in unterschiedlichen Konstellationen angepasste Einkommensgrenzen.
Wie hoch liegt das mittlere Einkommen einer Familie in Deutschland?
Für ein Paar mit zwei Kindern unter 14 Jahren lagen die Einkommensgrenzen innerhalb der Mittelschicht laut IW bei 3.880 Euro und 7.280 Euro. Hier betrug das mittlere Einkommen im Median 4850 Euro netto im Monat. Ohne Kinder verliefen die Grenzen der Mittelschicht bei 2770 Euro und 5200 Euro. Dabei haben zwei Erwerbstätige in einem Paarhaushalt ohne Kinder laut den Forschenden das geringste Risiko (unter drei Prozent), in die Armut abzurutschen. Ein Drittel dieser Gruppe gehöre dagegen zur oberen Mittelschicht.
Wo beginnt die Oberschicht in Deutschland?
Verdienste von 250 Prozent oder mehr im Vergleich zum Median ergeben laut IW relativen Reichtum. So gehörten Singles, die netto mindestens 5780 Euro im Monat zur Verfügung haben, zu den Einkommensreichen in Deutschland. Das seien 2022 – entgegen der Wahrnehmung der Menschen – gerade einmal etwas weniger als vier Prozent der Bevölkerung gewesen. So hätten den Forschenden zufolge frühere Befragungen gezeigt, dass der geschätzte Anteil einkommensreicher Menschen bei 25 Prozent liegt.
Für einen Paarhaushalt ohne Kinder lag die Grenze zum Einkommensreichtum dagegen bei 8.670 Euro im Monat, bei einem Paarhaushalt mit zwei Kindern unter 14 Jahren bei 12.140 Euro.
Schrumpft die Mittelschicht in Deutschland?
Laut einer Studie des ifo Instituts im Auftrag der Hanns-Seidel-Stiftung ist der Anteil der Menschen, die zur Einkommensmittelschicht gehören, zwischen 2007 und 2019 leicht gesunken – von 65 Prozent auf 63 Prozent. Das Institut spricht von einem leichten, aber kontinuierlichen Rückgang.
Andersherum sei die Mittelschicht in anderen EU-Ländern teils langsamer geschrumpft oder sogar gewachsen. So fiel die Bundesrepublik im europäischen Vergleich vom neunten auf den 14. Platz zurück. Dabei spiele auch die Steuer- und Abgabenbelastung eine wichtige Rolle.
„Mit einer Grenzbelastung von rund 50 Prozent des Bruttoeinkommens im deutschen Steuer- und Transfersystem bleibt Menschen mit mittlerem Einkommen vom nächsten hinzuverdienten Euro effektiv nur die Hälfte übrig. Mehrarbeit und mehr Leistung zahlen sich daher in der Mittelschicht netto nur sehr begrenzt aus“, kommentierte Andreas Peichl, Leiter des ifo Zentrums für Makroökonomik und Befragungen, die Studie.
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