Renditedruck Sicherheit hat bei der Rente Vorrang

Die Kölner Pensionskasse beschreitet in der betrieblichen Altersvorsorge ungewöhnliche Wege. Die beiden Gründer über die Sicherheit von Renten, Fehler im System der privaten Vorsorge und Fehlentscheidungen der Sparer.

Christof Heinrich (links) und Michael Wrobel der Kölner Pensionskasse Quelle: Presse

WirtschaftsWoche: Herr Heinrich, Herr Wrobel, die betriebliche Altersvorsorge stand zuletzt in der Kritik. Befürchtungen um einen Anlagenotstand angesichts niedriger Zinsen machen die Runde. Werden die Renten der Pensionskassen künftig schrumpfen?

Heinrich: Noch gibt es keinen Grund dafür. Alle müssen sich an ihr Rentenversprechen halten. Das zu erreichen, noch dazu über einen langen Zeitraum und bis zum Lebensende des Begünstigten, ist ehrgeizig und anspruchsvoll. Denn wir müssen mit gewissen Annahmen über die Zukunft arbeiten: Etwa, das Kapital verzinst sich mit dreieinhalb Prozent. Auch die Kosten müssen eingerechnet werden. Und eine monatliche Rentenzahlung bis zum Lebensende ist schon eine stattliche Garantie. Aber die ist nicht gefährdet.

Auf welche Argumente Kunden hereinfallen
Nur eine Minderheit der Altersvorsorge-Berater ist auch neutral und unabhängig. Ausschließlich die so genannten „Versicherungsberater“ beraten ihre Kunden individuell und in deren Interesse. Um ihre Neutralität und Unabhängigkeit zu gewährleisten, beziehen sie keine Provisionen von Versicherungen, sondern beraten Kunden auf Honorarbasis. Meistens wird dabei eine Stundensatzvergütung vereinbart. Deutschlandweit gibt es nur rund 200 Versicherungsberater. Die knapp 45.000 Versicherungsmakler sind zwar nicht vertraglich an eine oder mehrere Gesellschaften gebunden und können grundsätzlich frei zwischen den Versicherern und deren Tarifen wählen. Insoweit sind sie zwar unabhängig bei der Auswahl ihrer Angebote, erhalten aber Provisionen bei Vertragsabschluss von den Versicherern. Versicherungsvermittler sind Handelsvertreter, die von einem oder mehreren Versicherungsunternehmen beauftragt sind, deren Versicherungen zu vermitteln. Sie erhalten Provision, wenn der Kunde einen Vertrag abschließt. Mehr als 210.000 Vermittler gibt es in Deutschland.
Zahlreiche Zeitschriften, Institute, Anlegerbriefe und auch Internetseiten vergeben Siegel für angeblich empfehlenswerte Versicherer. In der Regel bilden solche Tests aber nicht den individuellen Fall ab. Welcher Versicherer und welcher Tarif für die Bedürfnisse des Kunden taugen, lässt sich nur für den Einzelfall ermitteln. Auch einige Vergleichsportale im Internet genießen einen schlechten Ruf, da manche Betreiber als Makler fungieren und von den Provisionen der Gesellschaften leben. Zudem ist eine Auswahl anhand von Bedingungskriterien oft nur höchst eingeschränkt oder dar nicht möglich.
Aktuell liegt der Garantiezins auf 1,75 Prozent. Das ist ein Rekordtief. Zum Vergleich: Zwischen Juli 1994 und Juni 2000 lag der Satz noch bei vier Prozent. Trotzdem sollten Kunden gut überlegen, ob sie tatsächlich eine Police brauchen und keinesfalls den erstbesten Tarif wählen. Der Garantiezins wird nicht für die Beiträge, sondern nur für den Sparanteil gewährt. Real liegt der Garantiezins ab dem nächsten Jahr je nach Kostenquote der Versicherer laut Bund der Versicherten zwischen etwas unter Null Prozent und 1,0 Prozent, wenn die Lebensversicherer ihre derzeitige Kostenstruktur so beibehalten. Damit dürfte die garantierte Summe in Zukunft sehr oft unterhalb der Inflationsrate liegen. Die Verzinsung bezieht sich nur auf den Sparanteil der Beiträge.  Was letztlich übrig bleibt hängt daher auch an den Kosten für Abschluss und Verwaltung. Wegen der niedrigen Garantieverzinsung müssen Versicherte daher auf die Gewinnbeteiligung der Gesellschaften hoffen. Neben dem Garantiezins bestimmt vor allem die Überschussbeteiligung die Rendite. Da kann es je nach Gesellschaft große Unterschiede geben. Wenn der Vertrag endet, kommen noch ein Schlussbonus und eine Beteiligung an den stillen Reserven hinzu. Aus diesen Werten ergibt sich die Gesamtverzinsung. Die Renditen variieren je nach Laufzeit, unter dem Strich können Kunden durchschnittlich mit vier Prozent per Anno rechnen, zum Teil werden allerdings wohl nur etwa drei Prozent herauskommen. Noch wichtiger als der Blick auf die Zinsen ist die Konstanz des Sparers. Nur wenn der Versicherte bis zum Ende einzahlt, kann eine Lebenpolice sinnvoll sein. Wer das für sich nicht sicher garantieren kann, sollte nicht abschließen.
Vor allem die Kosten für Versicherer mit starkem Vermittlernetzwerk sind enorm. Bei vertriebsstarken Gesellschaften können sie bei der Vermittlung von privaten Rentenversicherungen mit Kapitalwahlrecht etwa 12 bis 15 Prozent der Beiträge betragen. Die teuersten Gesellschaften verlangen sogar bis zu rund 22 Prozent. Bei Direktversicherern gehen gut sieben bis acht Prozent der Beiträge dafür drauf. Bei der Vermittlung von Kapitallebensversicherungen fallen die Kosten dagegen weit höher aus. Sie liegen laut BdV bei vertriebsstarken Versicherungsunternehmen bei etwa 20 bis 25 Prozent, zum Teil betragen sie sogar bis zu 30 Prozent. Die Kosten bei Direktversicherern hingegen betragen 16 bis 17 Prozent. "Die Höhe der Kosten ist ein wichtiger Faktor für die Höhe der Rendite“, sagt Thorsten Rudnik vom Bund der Versicherten. Entsprechende Vergleiche von Analysehäusern wie etwa von Morgen & Morgen geben Auskunft über die Sätze. „Überdurchschnittlich teure Gesellschaften sollten Versicherte konsequent meiden“ sagt Rudnik.
Vor allem für kinderreiche Familien lohnt der Abschluss zumeist wegen der Zulagen, für Gutverdienende dagegen oftmals aufgrund der Steuervorteile. Trotzdem ist ein übereilter Abschluss nicht zu empfehlen. Über die Jahre kann ein schlechter Tarif mehr kosten als ein Jahr Förderung ausmacht. Und: Die persönliche Risikoneigung muss berücksichtigt werden, damit es bei Rentenbeginn keine negative Überraschung gibt. Aufgrund der hohen Kosten von Versicherungsangeboten ist dabei meistens ein Riester-Fonds- oder Banksparplan empfehlenswerter als eine Riester-Rentenversicherung, die nur gelegentlich bei günstigen Anbietern für Sparer bis etwa 40 Jahre in Frage kommen kann. Riester-Fondspolicen scheiden dagegen fast immer aus. Wichtig: Viele Personen erhalten keine unmittelbare Förderung, darunter Selbstständige, die freiwillig in der gesetzlichen Rentenversicherung oder einer berufsständischen Versorgungseinrichtung versichert sind, Sozialhilfeempfänger und geringfügig Beschäftigte, die den Arbeitgeberbeitrag zur Rentenversicherung nicht durch eigene Beiträge aufstocken. Allerdings können auch nicht Förderberechtigte zumindest die Zulage bekommen, wenn ihr Ehepartner unmittelbar förderberechtigt ist und sie selber einen eigenen Riester-Vertrag abschließen.
Die Lebensversicherer sind gut durch die Krise gekommen. Trotzdem gibt es Risiken, wenn die Finanzkrise eskaliert und wichtige Staaten oder Banken Pleite gehen. Vergangenes Jahr hatten die deutschen Versicherer laut Standard & Poor`s rund 89 Prozent ihrer Investments in Bonds, Krediten und Bankeinlagen. Bei einem weltweiten Crash der Banken, Staaten und Finanzmärkte dürften weder Staatsgarantien noch die brancheneigene Rettungsorganisation Protektor  ausreichen, alle Gesellschaften und Einlagen zu retten. In einem solchen Fall wären aber auch alternative Anlagen betroffen.
Das Gesetz war bislang eindeutig: Seit den dreißiger Jahren ist eine Weitergabe der Provision an den Kunden untersagt. Laut Konkretisierung im  Versicherungsaufsichtsgesetz (§144a Absatz 1 Nr. 3 und Absatz 2VAG). sei ein Verstoß eine Ordnungswidrigkeit, die mit einer Geldbuße von bis zu hunderttausend Euro geahndet werden können. Ob das Gesetz weiterhin Bestand hat, wird sich aber noch klären. Ein aktuelles Urteil erlaubt Versicherungsvertretern, mittels Rabatt einen Teil ihrer Provision weiterzureichen (Verwaltungsgericht Frankfurt/Main Az. 9 K 105/11.F). Das Urteil ist allerdings noch nicht rechtskräftig. Die Finanzaufsicht Bafin kann dagegen noch Rechtsmittel einlegen. In der Praxis geben Vermittler mit dem Hinweis auf Vertrauen und Verschwiegenheit immer wieder einen Teil ihrer Provision zurück – und riskieren damit eine Strafe.

Wrobel: Wir stellen nicht die Rendite in den Vordergrund. Aber wir müssen unsere Versprechen auch unter widrigen Umständen wie heute halten. Innerhalb des Sicherheitsrahmens wollen wir natürlich das bestmögliche Ergebnis erzielen. Damit sind wir mit der gesamten Versicherungsbranche eigentlich einig. Das gilt auch für die Lebensversicherung, die genau wie wir unter staatlicher Aufsicht steht. Die gesetzlichen Vorgaben sind da für alle gleich und die binden uns an unsere Zusagen.

Wenn es nicht primär um die Rendite der Ersparnisse von Arbeitnehmer geht, worum geht es dann?

Heinrich: Das Thema Sicherheit geht noch viel weiter, denn was nützt es dem Versicherten, wenn er ein paar Jahre seine Rente anspart, aber dann berufs- oder erwerbsunfähig wird. Wenn ich nicht mehr in der Lage bin, meine Beiträge weiter zu bezahlen, weil ein vernünftiges Einkommen fehlt, scheitert auch der Versuch, eine Altersvorsorge aufzubauen. Der Versicherungsschutz bei den vorzeitigen Risiken ist also immens wichtig. Und den kann niemand selbst darstellen oder organisieren. Er braucht einfach das Kollektiv einer Versicherung, um sich vor Erwerbsminderung, Unfall, Krankheit oder auch den Schutz der Hinterbliebenen im Todesfall zu schützen. Entweder über eine separate Versicherung oder in Kombination mit der Altersvorsorge. Man sollte also nicht nur auf die Rendite des Angesparten achten, sondern braucht zunächst den Schutz vor Risiken, die auf dem Weg zur Rente die Bemühungen gefährden.

Wie hoch ist denn der Anteil für den Versicherungsschutz in den monatlichen Beiträgen? Und wie viel von den monatlichen Einzahlungen wird tatsächlich verzinst?

Heinrich: Das ist abhängig vom Alter und von der Höhe des angesparten Kapitals. Mit dem Alter nehmen Gesundheits- und Todesfallrisiken zu, in Bezug auf das Einkommen nehmen die Versicherungsrisiken mit dem Alter ab, denn das Kapital ist bereits weitgehend angespart. Für einen durchschnittlichen Menschen mit 35 Jahren, einem Erwerbminderungsschutz in Höhe der Altersversorgung und mit 60 Prozent Hinterbliebenenversorgung dürfte grob geschätzt gelten: 15 Prozent gehen in den Risikoschutz und 85 Prozent werden für die Altersrente verwendet.

Hinzu kommen die hohen Provisionen, die bei der privaten und betrieblichen Altersvorsorge fließen und die Ersparnisse der ersten Jahre nahezu auffressen. Ist die Rendite dann nicht das wesentliche Argument?

Wrobel: Deshalb gehen wir einen anderen Weg als die meisten Personenversicherer: Wir zahlen keine Abschlussprovision. Die wird üblicherweise auf die Summe aller Beiträge während der Vertragslaufzeit errechnet. Wir arbeiten eher wie die Sachversicherer, etwa Haftpflicht oder Hausrat. Wir zahlen eine laufende Courtage, pro rata temporis. So lange der Vertrag läuft, bekommt der Makler eine regelmäßige, aber kleine Courtage. Baut er sich einen Kundenbestand auf, profitiert er von der Summe der Courtage vieler Verträge. Dann ist der Berater daran interessiert, sich diesen Bestand zu erhalten und bereit, den Versicherten oder den Arbeitgeber auch nach Vertragsabschluss über Jahre zu beraten. Etwa weil sich arbeitsrechtlich für den Arbeitgeber oder beim Versorgungsbedarf des Mitarbeiters etwas ändert.

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