WiWo App Jetzt gratis testen
Anzeigen

Rente Die große Riester-Enttäuschung

Riester lohnt für jeden? Wegen der Geschenke vom Staat? Es hat sich herumgesprochen, dass die simplen Werbebotschaften so nicht stimmen. Quelle: imago

Jeder fünfte Vertrag wird nicht mehr bespart. Die Riester-Rente hat die einst hohen Erwartungen enttäuscht. Nicht nur die der Politik, vor allem die der Kunden – trotz staatlicher Förderung.

"Frech", findet die Mittdreißigerin aus Düsseldorf ihren Riester-Vertrag. Vor rund zehn Jahren hatte sie ihn abgeschlossen, eine fondsgebundene Rentenversicherung der Axa namens "Twin Star Riester Rente Klassik". Etwa 12.000 Euro sind seitdem in den Vertrag geflossen, die Börsen weitgehend gut gelaufen. Im Vertrag liegt trotzdem nur ein Guthaben von 10.600 Euro - 1400 Euro weniger als eingezahlt. Eigentlich unerklärlich.

In dem jährlichen Brief der Versicherung sind ein paar Gründe für die schlechte Entwicklung zu finden: Allein im vergangenen Jahr musste die Frau rund 140 Euro Abschluss- und Vertriebskosten, 180 Euro Verwaltungskosten und 170 Euro Fondskosten zahlen. Macht in Summe: 490 Euro, bei rund 2200 Euro Einzahlung. „Schlimmer als dieser Vertrag sind eigentlich nur noch die Berater, die einem so etwas empfehlen“, sagt sie entrüstet.

Immerhin hat sie ja noch die staatliche Förderung bekommen. Nur wurde die von den Kosten völlig aufgezehrt. Dabei bekam die Axa-Kundin nicht nur 154 Euro Grundzulage, sondern auch noch 300 Euro Kinderzulage. Doch auch das reichte nicht, um die Kosten auszugleichen.

Die 10 schlimmsten Fehler bei der Vorsorge
Schlecht informiertDie Deutschen kaufen Autos, Computer, Küchengeräte und gehen auf Reisen. Vor dem Kauf werden oft zahlreiche Testberichte gelesen. Geht es allerdings um Versicherungen und die eigene Vorsorge, sieht dies anders aus. Dabei sind ausreichende Informationen wichtig, um teure Fehlabschlüsse zu vermeiden. Quelle: Institut GenerationenBeratung IGB Quelle: Fotolia
Lückenhafte VorsorgeOft werden einzelne, wichtige Teile der Altersvorsorge vergessen. Dazu gehören: 1) individuelle Vorsorgevollmacht 2) Patientenverfügung 3) Klärung der Finanzen im Pflegefall 4) Testament Quelle: Fotolia
Die falschen Berater„Freunde, Familie und Bekannte in alle Vorsorgefragen einzubeziehen, ist wichtig und stärkt die Bindung zueinander. Doch sich allein auf ihren Rat zu verlassen, wäre fatal“, sagt Margit Winkler vom Institut GenerationenBeratung. Denn nur ausgebildete Finanzberater könnten auch in Haftung genommen werden. Sie sind verpflichtet, alle besprochenen Versicherungen und Vorsorgeprodukte zu dokumentieren. Quelle: Fotolia
Vorsorge ist nicht gleich VorsorgeJeder sollte seine Altersvorsorge an seine eigenen Bedürfnisse anpassen, pauschale Tipps von Beratern oder Freunden taugen in der Regel wenig. Je nach Familiensituation können andere Versicherung und Vorsorgeleistungen wichtig sein. „Vor allem in Patchwork-Situationen oder bei angeheirateten Ehepartnern gelten andere Spielregeln in der Vorsorge", sagt Winkler. Quelle: Fotolia
Schwarze Schafe Deshalb ist bei der Auswahl des Beraters Vorsicht geboten, in der Branche sind schwarze Schafe unterwegs. Geht ein Berater nicht auf die persönliche Situation ein oder preist ein bestimmtes Produkt besonders an, sollten die Kunden hellhörig werden.
Informiert ins GesprächWer Fehlern im Zuge von Falschberatung entgehen will, der muss sich vorher selber informieren. Je besser der Kunde im Beratungsgespräch selber informiert ist, desto eher kann er schlechte Berater enttarnen. Quelle: Fotolia
Vorsorge-FlickenteppichBeraterin Winkler warnt davor, zu viele Verträge bei vielen verschiedenen Beratern abzuschließen. Am Ende drohten Versicherte, den Überblick zu verlieren, besser sei eine ganzheitliche Lösung, die auf die individuelle Situation abgestimmt ist. Quelle: Fotolia

Riester lohnt für jeden? Wegen der Geschenke vom Staat? Es hat sich herumgesprochen, dass die simplen Werbebotschaften, einst von Finanzindustrie und Politik gemeinsam propagiert, so nicht stimmen. Viele Verträge sind aus Kundensicht eine einzige Enttäuschung. Jeder fünfte der rund 16 Millionen Riester-Verträge wird mittlerweile nicht mehr bespart, hat die Bundesregierung aktuell bestätigt. Diesen Wert hatte das Bundesarbeitsministerium auch schon in den vergangenen Jahren genannt. Jetzt aber legte die Regierung auch offen, dass selbst von den noch einzahlenden Riester-Sparern knapp 20 Prozent zu wenig ansparen. So wenig, dass sie weniger als die Hälfte der staatlichen Zulagen erhalten.

Wenigstens vier Prozent des Vorjahres-Bruttoeinkommens müssten Sparer inklusive der staatlichen Zulagen einzahlen, maximal 2100 Euro, um den vollen Zulagenanspruch zu haben. Zahlen sie weniger ein, wird die Zulage anteilig gekürzt. Die Grundzulage lag bislang bei 154 Euro und ist zu Jahresbeginn auf 175 Euro gestiegen. Für ab 2008 geborene Kinder gibt es 300 Euro obendrauf, für früher geborene Kinder 185 Euro - solange ein Anspruch auf Kindergeld besteht.

Der Blick auf diese Zulage kann allerdings in die Irre führen. Denn die Riester-Beiträge sind auch steuerfrei - ein weiteres, gern genanntes Argument, das für Riester sprechen soll. Allein: Die ausgezahlten Zulagen werden vom rechnerischen Steuervorteil abgezogen. Nur wenn die Summe der Zulagen also größer als der rechnerische Steuervorteil ist, wirken sich die Zulagen in der Praxis wirklich aus. Bei einem Steuersatz von 30 Prozent ergäbe sich bei 2100 Euro Einzahlung im Jahr ein rechnerischer Steuervorteil von 630 Euro (2100 x 30 Prozent).

Wer nur die Grundzulage und eine Kinderzulage bekommt, würde von diesen Zulagen strenggenommen gar nicht profitieren. Denn bisher hat dieser Sparer 454 Euro an Zulagen erhalten, die von seinem rechnerischen Steuervorteil abgezogen wurden. Seit Jahresbeginn erhält er dank der höheren Grundzulage nun zwar 475 Euro, aber auch die gehen vom Steuervorteil runter. Der Aufschlag bei der Zulage (175 statt 154 Euro) drückt in exakt gleicher Höhe den Steuervorteil. Schon im vergangenen Jahr hatte die WirtschaftsWoche daher berichtet, dass die höhere Grundzulage 2018 vielen Sparern überhaupt nichts bringt.

Der richtige Riester-Vertrag

Wirklich lohnend ist die Förderung für Geringverdiener und Sparer mit drei oder mehr Kindern. Bei ihnen haben die Zulagen einen echten Effekt. Allein die Steuer bringt selten Vorteile. Denn das Gegenstück der steuerfreien Einzahlungen in der Sparphase ist eine volle Besteuerung der späteren Riester-Rente. Diese muss also in voller Höhe mit dem persönlichen Steuersatz versteuert werden.

Normale, privat abgeschlossene und nicht staatlich geförderte Rentenversicherungen werden anders besteuert. Hier fällt nur auf einen geringeren Ertragsanteil der persönliche Steuersatz an. Letztlich wird die Besteuerung bei Riester schlicht in die Zukunft verschoben. Ein Vorteil entsteht nur dann, wenn die Steuersätze später, im Alter, deutlich geringer als in der Einzahlungsphase sind.

Das ist in der Praxis bislang in aller Regel so. Allerdings werden Rentner künftig auch höhere Steuersätze zahlen, weil auch die staatlichen Renten zunehmend nachgelagert, also bei der Auszahlung, besteuert werden.

Wer sich für einen Riester-Vertrag entscheidet, sollte möglichst ein kostengünstiges und renditestarkes Angebot wählen. Vor allem für jüngere Menschen kann ein Riester-Fondssparplan – keine fondsgebundene Rentenversicherung – sinnvoll sein. In vielen Fällen führt allerdings die staatlich vorgeschriebene Garantie, dass zu Rentenbeginn wenigstens die Summe aus Einzahlungen und Zulagen auf dem Riester-Konto liegen muss, dazu, dass nur ein sehr geringer Anteil des angesparten Guthabens in Aktien investiert wird. Der Rest liegt dann vergleichsweise sicher, aber niedrig verzinst in festverzinslichen Wertpapieren.

Der Riester-Fondssparplan des Berliner Start-ups fairr schneidet in dieser Hinsicht sehr gut ab. Hier liegt die Aktienquote gemäß der aktuell geplanten Portfoliostruktur noch 15 Jahre vor Rentenbeginn bei 55 Prozent. Bleiben noch 23 oder mehr Jahre bis zur Rente, würden sogar 91 Prozent des Geldes in Aktien stecken. Da bei fairr auch die Kosten moderat sind, fahren Sparer damit gut.

Auch die Axa-Kundin hat ihren Vertrag nun aufgegeben. Statt weiter in die teure Rentenversicherung einzuzahlen, spart sie in Zukunft mit einem Riester-Fondssparplan. Nach der Geburt ihres zweiten Kindes im vergangenen Jahr kommen die Zulagen dann bald auch wirklich bei ihr an – und nicht mehr nur beim Anbieter.

Diesen Artikel teilen:
© Handelsblatt GmbH – Alle Rechte vorbehalten. Nutzungsrechte erwerben?
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%