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Rettung des Rentensystems Sollten Reiche keine Rente bekommen?

Quelle: iStock

Das deutsche Rentensystem ist kaum noch finanzierbar. Einige Unternehmer erzählen nun öffentlichkeitswirksam, freiwillig auf ihre Rente zu verzichten. Kann das die Finanzierungsprobleme lösen?

Es regnet erst einmal Applaus, wenn ein Reicher erzählt, freiwillig auf die Rente zu verzichten. So geschehen etwa vor wenigen Tagen bei Familienunternehmer Martin Herrenknecht im Interview mit dem Handelsblatt. Und Sergio Ermotti von der Großbank UBS ging in der Schweiz gar noch einen Schritt weiter und forderte, dass nicht nur er, sondern auch alle anderen Großverdiener keine gesetzliche Rente bekommen sollten.

Doch es stellt sich die Frage, wie viel es überhaupt brächte, wenn ab morgen alle Reichen auf ihre Renten verzichten oder einfach keine mehr bekommen würden. Könnte das das chronisch unterfinanzierte Rentensystem sanieren? Und wäre es überhaupt wünschenswert?

Das ist zum einen natürlich eine moralische Frage. Eine Frage, auf die Marcel Fratzscher eine klare Antwort hat. „Ich halte nichts von dem Vorschlag, reichen Menschen ihren Anspruch auf eine gesetzliche Rente zu entziehen“, sagt der Leiter des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) Berlin. „Jeder Mensch, der einzahlt, sollte auch eine Leistung erhalten.“

Doch selbst wenn alle Reichen ganz freiwillig auf die Rente verzichteten, gäbe es mehr offene Fragen als Antworten. Das beginnt schon bei der Definition: Wer gilt als reich?

Nach Definition des statistischen Bundesamtes gilt bereits als „relativ reich“, wer mehr als das 2,5-fache des Medianeinkommens verdient. Bei einem Medianjahreseinkommen von knapp 41.000 Euro würde man damit schon ab einem Gehalt von 102.000 Euro zu den Reichen zählen.

Orientiert man sich hingegen am Steuersystem, läge dieser Wert deutlich höher: Der Spitzensteuersatz von 45 Prozent, auch Reichensteuer genannt, greift erst ab einem Jahreseinkommen von gut 250.000 Euro. Laut Daten des Statistischen Bundesamtes zahlten im Jahr 2013 etwa 40.000 Menschen den Reichensteuersatz. Neuere Daten hat das Bundesamt nicht.

Ginge man nun der Einfachheit halber davon aus, dass all diese Menschen 45 Jahre lang an der Bemessungsgrenze verdient und in die Rentenversicherung eingezahlt haben, so hätte jeder von ihnen im Westen Anspruch auf die Höchstrente von derzeit knapp 3100 Euro im Monat.* Würden alle 40.000 morgen gleichzeitig in Rente gehen, könnte die Rentenkasse also 1,5 Milliarden Euro pro Jahr sparen.

Eine stattliche Zahl, aber eine mehr als irreführende. Zum einen gehen natürlich nicht alle 40.000 gleichzeitig in Rente und nicht alle haben vorher 45 Jahre lang Rentenansprüche in voller Höhe gesammelt.

Um genau zu sein – und hier liegt die Crux –, haben viele von ihnen gar keine oder nur sehr geringe Rentenansprüche, wie Bernd Raffelhüschen erklärt, Deutschlands bekanntester Renten-Erklärer und Professor in Freiburg: „Reiche sind meist nicht in der Rentenversicherung.“ Viele von ihnen sind Unternehmer, also selbstständig und als solche nicht pflichtversichert.

Sie haben also gar keine Rentenansprüche, auf die sie verzichten könnten, von ein paar Euro aus der Ausbildungszeit oder den ersten Berufsjahren einmal abgesehen. Selbst wenn sie wollten, könnten sie die Rentenkasse mit ihrem Verzicht also gar nicht sanieren. Raffelhüschens vernichtendes Fazit zum Rentenverzicht für Reiche lautet denn auch: „Was für ein Schwachsinn!“

Eine ganz andere Überlegung wäre, über die betrieblichen Pensionszusagen der Reichen zu sprechen. So wurde unlängst bekannt, dass Daimler-Chef Dieter Zetsche in seinem baldigen Ruhestand 4250 Euro Rente pro Tag erwarten darf.

Würden Premium-Rentner wie Zetsche auf ihre Betriebsrente verzichten, würden sie sicher das Ungerechtigkeitsempfinden viele Normalverdiener besänftigen. Geld sparen würde aber allein ihr bisheriger Arbeitgeber und gegebenenfalls die Aktionäre.

Der gesetzlichen Rentenversicherung jedoch, um die es in der Debatte ja eigentlich geht, wäre nicht geholfen.



  

*Beitragsbemessungsgrenze West seit 01.01.2019: 6700 Euro, Bezugsgröße (also Durchschnittseinkommen, für das man einen Rentenpunkt bekommt) seit 01.01.2019: 3115 Euro ergibt einen Faktor von 2,15. Daraus folgt 45 (Versicherungsjahre) x 32,03 (aktueller Rentenwert) x 2,15 = 3099 (Euro) 

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