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Besuch in Washington Die leise Greta bleibt in den USA eine Randfigur

Durch Greta Thunbergs Besuch war die Fridays-for-Future-Demonstration an diesem Freitag deutlich größer als sonst. Quelle: dpa

Der Besuch der Klimaaktivistin Greta Thunberg vor dem Weißen Haus belebt die „Fridays for Future“-Bewegung in den USA. Ein Nischenprojekt bleibt sie trotzdem in der krakeelenden Debattenkultur im Trump-Amerika.

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Es dauert fast zwei Stunden, bis Greta Thunberg endlich spricht. Quälend langsam hatte sich zuvor ein Demonstrationszug aus vielleicht 300 Schülerinnen und Schülern und einigen versprengten Elternteilen um die Ellipse bewegt, eine Grünanlage vor der Südseite des Weißen Hauses.

So richtig nah kommen die Protestierenden von dieser Seite nicht an den Sitz des mächtigsten Mannes der Welt. Mehrere hundert Meter trennen die Säulenfassade der Residenz und die jungen Aktivisten. So spricht nicht viel dafür, dass US-Präsident Donald Trump, dessen Klimapolitik immerhin Ziel der Proteste der jungen Demonstranten ist, die Slogans der Aktivisten überhaupt zu hören bekommt. Sehen kann er sowieso nichts. Das Oval Office, sein Arbeitsbereich im Westflügel, liegt sichtgeschützt hinter dichten Bäumen.

Trotzdem ist die Demonstration an diesem Tag eine große Sache für die „Fridays for Future“-Bewegung in den USA. Auch in den Vereinigten Staaten schwänzen Schülerinnen und Schüler regelmäßig den Unterricht, um auf die befürchtete Klimakatastrophe aufmerksam zu machen. Zu einer Massenbewegung wie in Teilen Europas ist die Bewegung jedoch nie geworden. „Wir stehen hier normalerweise mit zehn bis 15 Demonstranten“, sagt eine sichtlich überwältigte Organisatorin während ihrer Rede. Für das demonstrationsfreudige Washington, wo jeden Tag Aktivisten Mahnwachen, Kundgebungen und Proteste vor dem Weißen Haus organisieren, ist das äußerst überschaubar.

Gretas Besuch hat die Zahl an diesem Freitag auf einen Schlag verzwanzigfacht. Der Besuch der Aktivistin bringt dringend benötigte Aufmerksamkeit – und die Hoffnung auf einen längerfristigen Schub. „Wir geben nicht auf. Wir machen weiter“, ruft die junge Schwedin – und erntet stürmischen Applaus.

Für ihre überzeugten Anhänger ist Greta auch in den USA eine Quelle der Inspiration. Allerdings dürften es hier deutlich weniger sein als etwa in Deutschland. Während sie in Teilen der alten Welt fast schon ikonografisch verehrt wird, ist die Jugendliche in den Vereinigten Staaten der breiten Masse weitgehend unbekannt. Daran änderten auch ein gemeinsames Foto mit Ex-Präsident Barack Obama oder ihr Besuch bei den Vereinten Nationen nichts. Zwar loben auch amerikanische Klimaschützer und Aktivisten ihr Engagement, doch der Kampf um eine Begrenzung von Treibhausgasen wird hier größtenteils auf anderen Feldern ausgetragen.

Dass er überhaupt stattfindet, ist bereits ein Fortschritt. Die Polarisierung beim Thema Klimaschutz hat in den USA über die vergangenen Jahre ein Ausmaß angenommen, das mit Westeuropa kaum zu vergleichen ist. US-Präsident Trump twitterte in der Vergangenheit, die Erderwärmung sei nichts anderes als ein Schwindel der Chinesen, um die US-Wirtschaft zu schwächen. Das sieht nicht nur er so. Weite Teile der Republikaner glauben entweder nicht, dass das Klima sich verändert oder stellen zumindest in Frage, ob der Mensch etwas damit zu tun habe.

Das schlägt sich auch im Regierungshandeln nieder. Zuletzt schraubte Trump die Energieauflagen für Glühbirnen zurück und kämpft gegen scharfe Emissionsauflagen, auf die sich der Bundesstaat Kalifornien mit den großen Autoherstellern geeinigt hatte. Seine Umweltbehörde leitet ein ehemaliger Lobbyist für fossile Brennstoffe. Als beim G7-Treffen in Frankreich die Lenker der wichtigsten Industrienationen über den Klimawandel berieten, schwänzte Trump den Termin.

Diese Politik ist die Kulmination einer gezielten Lobbykampagne. Über Jahre pumpten einflussreiche Unternehmer hunderte Millionen Dollar in die politische Landschaftspflege, gründeten Institute, die etwa Forschungsergebnisse angesehener Wissenschaftler in Zweifel ziehen sollten und unterstützten Politiker, die jeglicher Klimaschutzgesetzgebung einen Riegel vorschieben sollten.

Diese Bemühungen verzögerten über Jahre eine offene Diskussion über den Klimawandel und seine Folgen. Mittlerweile hat sich die Stimmung allerdings gedreht. Heute sind acht von zehn Amerikanern davon überzeugt, dass die Erderwärmung auf menschliche Aktivitäten zurückgeht. Vier von zehn beschreiben sie schon jetzt als „Krise“. Allein diese Zahl hat sich in den vergangenen fünf Jahren fast verdoppelt. Auch unter Anhängern der Republikaner hält eine Mehrheit den Klimawandel mittlerweile für ein großes Problem. Trotzdem ist der politische Streit um das Thema nach wie vor von einer enormen Giftigkeit geprägt.

Ein eher stiller Akteur wie Greta Thunberg hat es da schwer, mit ihrer Art durchzudringen. Auch vor dem Weißen Haus hält sie sich spürbar zurück. Die inhaltlichen Reden halten lokale Aktivisten, beim kurzen Demonstrationszug lässt sie sich schnell in die hinteren Reihen zurückfallen, um vor Fans und Fotografen abgeschirmt zu sein. Als sie schließlich doch zum Sprechen aufgefordert wird und eine Rednerin sie als „Anführerin“ der Bewegung vorstellt, schüttelt sie den Kopf.

Für die Mitdemonstraten an diesem Freitag ist ihr Auftritt dennoch ein besonderes Ereignis. Thunbergs Zitate zieren mehrere Plakate, die um die Ellipse getragen werden. Ein Aktivist hat gar eine überlebensgroße Zeichnung ihres Gesichts dabei. Wie nachhaltig der Motivationsschub für die Bewegung ist, wird sich jedoch noch zeigen müssen. Als Greta die Veranstaltung eine gute Stunde vor dem angekündigten Ende verlässt, verabschiedet sich auch ein großer Teil der Zuschauer aus der Grünanlage. Der dezimierte Demonstrationszug zieht denselben Weg zurück, den er gekommen ist. Zum Ausgangspunkt.

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