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Coronavirus „Unternehmen müssen Risiken neu und ehrlich gewichten“

Das Coronavirus zeigt: Die Lieferketten vieler deutschen Unternehmen sind nicht immun. Quelle: IMAGO

Das Coronavirus breitet sich weiter aus. Handelsexperte David Gregosz spricht im Interview über fragile Lieferketten, die Grenzen der Just-in-time-Produktion und die Frage, ob Firmen wieder Lagerkapazitäten brauchen.

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Bundesfinanzminister Olaf Scholz (SPD) spricht von einem möglichen Konjunkturprogramm, Wirtschaftsminister Peter Altmaier (CDU) überlegt dagegen, geplante steuerliche Maßnahmen vorzuziehen. Aber wer sollte eigentlich wie auf die wirtschaftlichen Auswirkungen des Coronavirus reagieren? Und was überhaupt die Rolle der Bundesregierung sein? David Gregosz ist bei der CDU-nahen Konrad-Adenauer-Stiftung Experte für Wirtschaft und Handel und koordiniert deren internationale, wirtschaftspolitische Arbeit.

WirtschaftsWoche: Herr Gregosz, Jens Spahn sagte vor einigen Tagen, Unternehmen sollten einen Pandemieplan haben. Macht es sich der Bundesgesundheitsminister zu leicht?
Gregosz: Nein, ich sehe die Verantwortung auch bei den Verbänden und in den Unternehmen. Sie verdienen ja schließlich auch das Geld. Allerdings scheint mir, dass es da nicht genug Sensibilität gab – und ich meine vor allem die wirtschaftlichen Auswirkungen. Risiken wie eine nicht vorauszusehende Infektionskrankheit können aber voll auf das Geschäft durchschlagen.

Haben Unternehmen aus früheren Fällen wie dem Sars- und dem Schweinegrippe-Virus nichts gelernt?
Der Unterschied ist, dass sich die Auswirkungen damals vor allem auf den Lebensmittelbereich beschränkten. Nun sind auf einmal ganz andere Spieler betroffen: das produzierende Gewerbe, das Rückgrat der deutschen Industrie. Zumindest größere Unternehmen müssten sich in ihren Risikoabteilungen also dringend die Frage stellen: Stecken in unseren Lieferketten Fragilitäten, die einen Produktionsstopp bewirken könnten? Sind wir resilient genug?

Sie klingen, als hätten Sie Ihre Antwort gefunden.
Man könnte zum Beispiel zu dem Schluss kommen, dass die Lieferketten so von Südostasien abhängig sind, dass ein Klumpenrisiko besteht – und sich entscheiden, das nicht mehr in Kauf zu nehmen. Mit einer risikogewichteten Einkaufsstrategie steigen die Kosten vielleicht ein wenig. Aber dafür verringert man seine Abhängigkeit. Bei bestimmten Komponenten und Vorprodukten müssen wir allerdings erst wieder industrielle Kompetenz aufbauen. Auch daran wird sich europäische Souveränität zukünftig festmachen.

Was empfehlen Sie Unternehmen noch?
Sich der Lagerfrage zu stellen: Ist es wirklich das beste Modell, seine Produktion vollends auf Just in time auszurichten, also immer nur gerade das zu beziehen, was man sofort verarbeitet? Oder leistet man sich stattdessen besser wieder die Sicherheit, gewisse Lagerkapazitäten zu Hause aufzubauen?

Sie wollen die Zeit und die Globalisierung zurückdrehen?
Auf keinen Fall, mehr Verflechtungen und globale Lieferketten nützen allen Partnern. Unternehmen müssen aber neu und ehrlich gewichten, welche Risiken ihr Geschäft bedrohen. Und dazu gehören nicht nur Zölle, wie wir es in den vergangenen Jahren erlebt haben, sondern eben auch fragile Lieferketten – und beispielsweise auch Piraterie und Cyberattacken.

Und das tun deutsche Firmen noch nicht?
Lange dachte die Unternehmerschaft wohl: Solange alles reibungslos läuft und die Kosten bei unseren Zulieferern gering sind, nehmen wir gewisse Risiken auf uns, auch, dass theoretisch die Bänder über Wochen stillstehen könnten. Nun zeigt sich, dass diese Einstellung zum Problem werden kann. Der schwarze Schwan, die Katastrophe, die man nicht für möglich gehalten hat, ist da.

Was kann und was sollte die Bundesregierung tun, um die wirtschaftlichen Folgen für Unternehmen abzumildern?
An Institutionen und Kapazitäten mangelt es jedenfalls nicht, da braucht es kein Bundesamt, das entsprechend den Aufgaben des Robert-Koch-Instituts laufend mögliche Störungen weltweiter Lieferketten erfasst. Aber natürlich kann man sich fragen, ob man nicht Zuschnitte ändern müsste, zum Beispiel eine flexible Einheit zur Risikobewertung im Wirtschaftsministerium etablieren.

Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier will steuerliche Anreize schaffen und Abschreibungsprogramme verbessern.
Was immer eine gute Idee ist. Ich würde mir allerdings auch wünschen, dass der Wirtschaftsminister stärker auf die Fragilität deutscher Lieferketten hinweist – um bei Wirtschaftsvertretern Bewusstsein zu schaffen. Aber natürlich können weder er noch sein Ministerium akut Lieferketten schützen oder aufrechterhalten. Da müssen die Unternehmen schon selbst tätig werden.

Mehr zum Thema: Der Bundeswirtschaftsminister im großen WirtschaftsWoche-Interview: Peter Altmaier (CDU) über kurzfristige Coronahilfen, langfristige Reformen für die Wirtschaft – und den nächsten CDU-Chef.

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