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Freytags-Frage

Protektionismus oder offener Welthandel?

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Zerstört ausländischer Wettbewerb Arbeitsplätze?

Ein zweites Argument sieht Protektionismus als Möglichkeit, sozial Schwache vor dem Wettbewerb zu schützen. Der ausländische Wettbewerb zerstöre Arbeitsplätze und müsse deshalb eingeschränkt werden. Dieses Argument birgt drei logische Schwachstellen: Erstens hat sich immer wieder in empirischen Untersuchungen gezeigt, dass es weniger die Globalisierung ist, die Arbeitsplätze vernichtet, als vielmehr die schöpferische Zerstörung des  technischen Fortschritts, der natürlich durch intensiven Wettbewerb – sowohl aus dem Ausland als auch aus dem Inland – beschleunigt wird. In jedem Fall sind die Steigerung der gesamtwirtschaftlichen Produktivität und die damit verbundenen Lohnsteigerungen in erster Linie für die Probleme der niedrig qualifizierten Arbeitnehmer zuständig. Zweitens kann man den durch in- oder ausländische Konkurrenz verursachten Strukturwandel nur kurzfristig mit Hilfe von Handelsbarrieren unterdrücken. Das heißt gefährdete Arbeitsplätze sind in der kurzen Frist eventuell gesichert, aber erweisen sich langfristig als nicht rentabel und werden daher wegfallen. Drittens schließlich unterhöhlt der Protektionismus soziale Ziele, wenn Konsumgüter, für die gerade die einkommensschwachen Haushalte einen Großteil ihres Einkommens ausgeben müssen, mit besonders hohen Zöllen belegt sind, wie es in den meisten OECD-Ländern der Fall ist.

Wissenswertes zum internationalen Handel

Wenn man also den Schwächsten beziehungsweise den Verlierern der Arbeitsteilung helfen will, sollte man nicht mit Protektionsmaßnahmen, sondern mit zielgenauer Sozial- und Bildungspolitik operieren. Durch Bildung kann die Qualifikation flächendeckend erhöht werden, so dass auch diejenigen, deren Arbeitsplätze durch technischen Fortschritt oder Konkurrenz verloren gehen, die Chance erhalten, wieder Beschäftigung zu finden. Mit zielgenauer Sozialpolitik hilft der Staat dann denjenigen, die ihre Arbeit verlieren, entweder kurzfristig, bis sie wieder einen neuen Job haben, oder längerfristig, wenn sie keinen Job finden können. Hier kann der Staat mit gezielter Dienstleistungsnachfrage oder Ähnlichem sicher mehr tun, als dies gegenwärtig der Fall ist.

Die Hauptursachen für Protektionismus liegen somit auch nicht im Wunsch, den Schwächsten zu helfen, begründet, sondern in der Kraft der Partikularinteressen, wie zum Beispiel der Automobilindustrie, der Chemie oder der Landwirtschaft. Die meisten Handelspolitiker erkennen bis heute den Wert des Außenhandels an. Deswegen wurde nach dem Zweiten Weltkrieg eine multilaterale Handelsordnung geschaffen, um die aus ökonomischer Perspektive rationale Liberalisierung auch politisch attraktiv zu machen. Dazu dient das Prinzip der Reziprozität, das den politischen Entscheidungsträgern eines Landes ein gewichtiges Argument gegen heimische Interessengruppen an die Hand gibt. Diese Welthandelsordnung gilt es zu verteidigen. Dies wird umso deutlicher, je länger die neue US-Administration ihre Thesen zum Außenhandel äußert. Insgesamt legt die Entwicklung der Politik auf Weltmaßstab eine erneuerte Orientierung an und Durchsetzung von Regeln nahe, mit deren Hilfe tatsächlich eine wohlstandsfördernde Wirtschaftspolitik mit zielgenauer Sozialpolitik kombiniert werden kann.

"Der Protektionismus schadet den amerikanischen Verbrauchern"

Schließlich noch eine kleine Pointe: In ihrer Absurdität erinnert die Argumentation der US-Administration an die berühmte Kerzenmacherfabel des französischen Ökonomen und Politikers Frédéric Bastiat aus dem Jahre 1850. In einer fiktiven Petition an die französische Deputiertenkammer fordern die Kerzenmacher, durch die Aussperrung der unverschämt günstigen (wahrscheinlich von England gesandten) Sonne den Wohlstand in Frankreich dramatisch zu erhöhen. Denn ohne kostenloses Sonnenlicht würden die Kerzenindustrie und viele vorgelagerte Sektoren einen enormen Aufschwung erleben. Auf die USA bezogen heißt dies, mit Hilfe der Verteuerung chinesischer, deutscher oder mexikanischer Vorleistungen reicher werden zu wollen. Viel Glück dabei!

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