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Handel mit Großbritannien Das lange Warten der Mittelständler auf den Brexit

LKWs stehen in Dover auf der Autobahn A20 Schlange, um im Hafen von Dover auf die Fähre zu fahren. Quelle: dpa

Der Brexit ist eine Belastungsprobe für den deutschen Mittelstand. Die Wahl in Großbritannien ändert daran nichts. Warum die Vorbereitungen so schwierig sind, zeigt das Beispiel des Klebstoffherstellers Uzin Utz aus Ulm.

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Um den Brexit zu verstehen, hat Philipp Utz ihn aufgemalt. Auf dem Konferenztisch vor dem Vorstandsmitglied des Klebstoffherstellers Uzin Utz aus Ulm liegt ein Zettel, auf dem eine Art Rätsel-Labyrinth gezeichnet ist. Viele Pfeile verbinden darauf viele Kästchen und sieht man genauer hin, kann man in den Kästchen Sätze wie „Wird Boris Johnson die Wahl gewinnen?“ lesen. Die Pfeile für „Ja“ und „Nein“ führen zu weiteren Kästchen, die wiederum zu Verzweigungen führen.  

„Entscheidungsmatrix“ nennt Utz seine Zeichnung. Sie soll ihm helfen zu erkennen, ob aus dem Chaos in Großbritannien ein harter, ein weicher oder gar kein Brexit folgen wird. Für Utz hängt an dieser Frage viel Geld. Doch auch wenn Utz der finalen Entscheidung in seinem Rätsel durch die Wahl in Großbritannien nun ein Kästchen näher gerückt ist: Auf welche Form des Brexits er sich nun einstellen kann, wissen Utz und all die anderen deutschen Mittelständler mit England-Geschäft noch immer nicht.

2500 Niederlassungen mit insgesamt 400.000 Mitarbeitern haben deutsche Unternehmen in Großbritannien. Das Vereinigte Königreich ist Deutschlands siebtwichtigster Handelspartner. 2017 war es noch der fünftwichtigste. Der Rückgang liegt auch daran, dass viele Konzerne ihre Lieferketten umorganisiert haben, um den englischen Markt zu umgehen. Doch während deutsche Konzerne auf die Wirren des Brexits mittlerweile gut vorbereitet sind, stellt sich das Szenario für Mittelständler oft wesentlich schwieriger dar.

Mit welchen Hindernissen deutsche Mittelständler bei ihren Brexit-Planungen zu kämpfen haben, zeigt das Beispiel des familiengeführten Unternehmens Uzin Utz aus Ulm. Trotz umfangreicher Planungen kann Utz seit Monaten keine konkreten Entscheidungen in Bezug auf sein England-Geschäft treffen. Daran dürfte auch die Wahl in Großbritannien so schnell nichts ändern.

Insgesamt erwirtschaftet Utz mit seinen Klebstoffen für den Baubereich in Großbritannien mit 21 Mitarbeitern einen Jahresumsatz von rund 12 Millionen Euro. Verglichen mit dem Gesamtumsatz von rund 350 Millionen Euro fällt das Risiko durch den Brexit nicht besonders ins Gewicht. Wäre da nicht die Leidenschaft von Philipp Utz für Großbritannien. Denn England war der erste Auslandsmarkt des familiengeführten Unternehmens. 1992 hat Uzin Utz dort seine erste Auslandsgesellschaft gegründet.

Dabei sind es nicht nur die Sorgen um Umsatzeinbußen in England, die Utz umtreiben. „Gleichzeitig haben wir für unsere dortigen Mitarbeiter Verantwortung und müssen deshalb auf alle Szenarien vorbereitet sein“, so Utz. Was die Sache für den Unternehmer so kompliziert macht: Uzin Utz liefert seine Klebstoffe nicht nur in den Großhandel, sondern auch direkt auf Baustellen in Großbritannien. „Die Lieferungen sind teils stundengenau terminiert“, sagt Utz. Schon geringste Verzögerungen hätten immense Auswirkungen zur Folge.

Damit die Klebstoffe trotz der Brexit-Unsicherheiten weiter rechtzeitig in England ankommen, hat Utz eine eigene „Brexit Task Force“ eingerichtet. Von seinen 21 Mitarbeitern auf der Insel lässt Utz sich regelmäßig „Lageberichte“ zustellen und diskutiert deren Inhalte in Konferenzen mit ihnen. Auch die „Entscheidungsmatrix“ ist mit den Mitarbeitern aus England ausgearbeitet worden. 

Doch solange Philipp Utz in seinem Brexit-Rätsel zu keiner klaren Lösung kommt, muss er mit allen Brexit-Möglichkeiten planen: „Wir haben für jedes Szenario Lösungen erarbeitet. Egal, für welches Szenario sich die Politik entscheidet“, sagt Utz. Um sein Geschäft trotz monatelanger Hängepartie um den Brexit nicht zu gefährden, hat Utz mehrere Lagerhallen in der Nähe von London angemietet. So kann er mögliche Lieferengpässe bei einem harten Brexit zumindest einige Monate überbrücken.

Julia Pfeil, Spezialistin für Außenwirtschaftsrecht bei der internationalen Wirtschaftskanzlei Dentons, rät Mittelständlern mit UK-Geschäft auch nach der Wahl dazu, die Lager in England zu füllen, wo es nur geht. „Die zweite Möglichkeit ist, die Lieferkette umzuorganisieren. Vielleicht muss die gewünschte Ware ja gar nicht aus England kommen, sondern kann eventuell auch aus anderen Ländern importiert werden.“ Wer nicht lagern und nicht umleiten kann, solle laut Pfeil einen Transport per Luftfracht in Betracht ziehen. „Aber diese Option lebt von der Hoffnung, dass die Zollabfertigung an den Flughäfen schneller funktioniert als an der Zollschranke in Calais“ sagt Pfeil. Ob das zutrifft, weiß letztlich niemand.

Vom Deutschen Mittelstandsbund heißt es, dass „kleine und mittelständische Unternehmen durch die Verschiebungen und Fristverlängerungen des Austritttermins“ von Großbritannien aus der EU prinzipiell Zeit gewonnen hätten, „um sich auf verschiedene Szenarien besser vorzubereiten“. Auch Unternehmen, die selbst kein England-Geschäft haben, könnten durch mögliche Ausfälle von Zulieferungen vom Brexit betroffen sein. Der Deutsche Mittelstandsbund rät daher: „Unternehmer sollten mit ihren Geschäftspartnern – vor allem mit Lieferanten oder Dienstleistern – sprechen, ob diese vom Brexit betroffen sind und sich gegebenenfalls Lieferverzögerungen oder -engpässe bei Rohstoffen oder Produkten ergeben.“ 

Philipp Utz hält sich bei allen Brexit-Szenarien für gut vorbereitet. Ein Treffen der „Brexit Task Force“ vor der Wahl, das auf drei Stunden anberaumt war, hat Utz vorsorglich auf ein Stunde verkürzen lassen. „Es hätte bis dahin ohnehin noch keine politische Entscheidung gegeben“, sagt Utz, „und wir haben auch noch andere 50 weitere Auslandsmärkte, um die ich mich kümmern muss.“   

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