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Knauß kontert

Warum Deutschland Integrationskraft fehlt

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Der innere Widerspruch des Geredes von der Integration

Die Deutschen bieten den Migranten nichts, in das sich diese integrieren könnten und wollten. Integrieren heißt Einfügen von bisher Ausgeschlossenen in eine Gruppe. Aus Fremden werden Eigene. Aber Fremde können nicht zum Teil des Eigenen werden, wenn es zugleich gar kein Eigenes mehr geben soll. Eine Gesellschaft, deren Elite ausschließlich an universellen Ideen orientiert ist, also nur noch „Menschen“ und die Welt kennen will, jegliches nationale Interesse als unmoralisch brandmarkt und das Eigene als Kategorie schlechthin abschaffen will, kann schließlich auch keine Fremden mehr einbinden. An diesem inneren Widerspruch zwischen Auflösung und Einbindung – zwischen dauerndem Gerede über Integration anderer bei gleichzeitiger aktiver Desintegration des Eigenen – droht das Einwanderungsland Deutschland zu scheitern.

Auszuhalten ist so ein Widerspruch nur durch Ignoranz. Das beherrschen die Deutschen. Da man sich ohnehin angewöhnt hat, politische Fragen nur noch ökonomisch zu stellen, wird auch Integration zur ökonomischen Vokabel interpretiert: Als integriert gilt, wer am Erwerbsleben teilnimmt. Problem gelöst? Wenn da nur nicht die Realität der vielen türkischen Flaggen in Deutschland wäre, die eben auch von Menschen geschwungen werden, die am Erwerbsleben in Deutschland erfolgreich teilnehmen. Es sind nicht nur Arbeitslose und Underdogs, die Erdoğan zujubeln. Talkshow-Zuschauer wissen, dass kein Mangel an studierten und redegewandten Deutsch-Türken besteht, die für Erdoğans Islamismus-Nationalismus-Gebräu werben.

Merkel weist türkische Kritik an Bundesregierung zurück
Bundeskanzlerin Angela Merkel hat die Kritik der türkischen Regierung an dem abgesagten Auftritt von Justizminister Bekir Bozdag in Gaggenau zurückgewiesen. Die Entscheidung über solche Versammlungen liege in Deutschland auf der kommunalen Ebene und nicht bei der Bundesregierung, sagte Merkel am Freitag bei einem Besuch in Tunis. Merkel kritisierte zudem erneut die Einschränkung der Meinungs- und Pressefreiheit in der Türkei im Zusammenhang mit der Inhaftierung des deutsch-türkischen Journalisten Deniz Yücel. Gerade deshalb sei die Betonung wichtig, dass in Deutschland diese Rechte uneingeschränkt gelten würden. Zu der Ankündigung des türkischen Außenministers Mevlüt Cavusoglu, Deutschland drohten nach der abgesagten Veranstaltung mit Bozdag Konsequenzen, nahm Merkel keine Stellung. Quelle: REUTERS
Joachim Gauck Quelle: dpa
Heiko Maas (SPD) Quelle: dpa
Das Auswärtige Amt Quelle: dpa
Türkischer Justizminister Bekir Bozdag Quelle: dpa
Der türkische Außenminister Mevlüt Cavusoglu Quelle: AP
CHP-Chef und Oppositionsführer Kemal Kilicdaroglu Quelle: dpa

Man muss kein Migrationsforscher sein, um zu verstehen, dass gerade Menschen, die die Heimat ihrer Vorfahren verlassen haben, ein besonderes Bedürfnis nach Bindung und Zugehörigkeit verspüren. Die Suche nach materieller Besserung will emotional abgesichert sein. Im klassischen Einwanderungsland USA bedient ein bombastischer Patriotismus dieses Bedürfnis. Die Gründerväter wussten, dass gerade ihre künstliche Nation patriotische Rituale und immer neue Beschwörungen der Zusammengehörigkeit brauchte. Der Kult um die Flagge - das „Sternenbanner“ - überbrückt selbst die tiefsten Gräben zwischen „Races“ und „Classes“ immer wieder.

Deutschland hat auf diesem Feld nichts zu bieten. Bei uns gibt es stattdessen eine mit vielen Milliarden Euro Steuermitteln alimentierte Integrationsindustrie: Ein geöltes Management des Kümmerns, dessen Erfolgsmeldungen allein aus Arbeitsmarktstatistiken bestehen. Man redet sich ein, man habe Millionen Zuwanderer integriert und werde noch viele weitere Millionen mit gutem Willen und deutschem Verwaltungsgenie integrieren, indem man sie auf dem Arbeitsmarkt unterbringt. Doch gerade diejenigen, die am meisten von Integration reden und oft davon auch ihren staatlich finanzierten Lebensunterhalt bestreiten, bieten ihren Schützlingen in der Regel kein Beispiel dafür, dass es eine gute Sache ist, ein Deutscher zu sein.

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