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Radikales ReformprogrammWie Milei Argentinien zum teuersten Land Südamerikas macht

Der ultraliberale Präsident hat dem Land harte Reformen verordnet. Es ist ihm gelungen, die Inflation zu drücken – aber nicht ohne Nebenwirkungen. 28.03.2025 - 07:47 Uhr
Der argentinische Präsident Javier Milei hat sein Land durch ein radikales Reformprogramm zum teuersten Land Südamerikas gemacht. Foto: AP

Es ist noch nicht lange her, da war in den schicken Steak-Restaurants von Buenos Aires viel Portugiesisch zu hören. An den Wochenenden kamen die Brasilianer in Scharen in die argentinische Hauptstadt, um saftiges Grillfleisch und süffigen Rotwein zu Schnäppchenpreisen zu genießen. Jetzt essen sie ihr Churrasco lieber wieder daheim, denn Argentinien ist von einem der günstigsten zum teuersten Land Südamerikas geworden.

Eine Tasse Kaffee kostet in der Innenstadt von Buenos Aires umgerechnet 3,50 US-Dollar (aktuell 3,24 Euro), der Liter Milch 2,20 Dollar und das Tagesgericht in einem einfachen Restaurant 18 Dollar. Die Preise liegen deutlich höher als in den Nachbarländern Brasilien und Chile. Dabei beträgt der gesetzliche Mindestlohn in Argentinien gerade einmal rund 260 Dollar.

Argentiniens ultraliberaler Präsident Javier Milei hat dem hoch verschuldeten Land ein radikales Reformprogramm verordnet. Der Wirtschaftswissenschaftler entließ Tausende Staatsbedienstete, kürzte Subventionen und beendete die Finanzierung öffentlicher Ausgaben mit der Notenpresse.

Demonstranten in Buenos Aires umringen ein brennendes Auto während einer Demonstration von Fußballfans und Rentnern, die höhere Renten fordern und sich gegen die Sparmaßnahmen der Regierung von Präsident Milei wenden. Foto: Rodrigo Abd/AP/dpa

Erstmals seit 2010 legte die Regierung in Buenos Aires einen ausgeglichenen Haushalt vor. Die Hyperinflation wurde deutlich gebremst. Die monatliche Inflationsrate sank von 25 Prozent zu Beginn von Mileis Amtszeit schrittweise auf zuletzt 2,4 Prozent. Die jährliche Teuerungsrate lag im Januar 2024 bei 254,3 Prozent, inzwischen sind es 66,9 Prozent.

Die schnellen Erfolge des Polit-Neulings werden auch außerhalb von Argentinien mit Interesse verfolgt. Während er anfangs vor allem für seine exzentrischen Auftritte mit Kettensäge und wilder Frisur bekannt war, nötigen die makroökonomischen Resultate nun Liberalen auf der ganzen Welt Respekt ab. Selbst der frühere Bundesfinanzminister Christian Lindner wollte in Deutschland „mehr Milei wagen“.

Die neue Wirtschaftspolitik hat allerdings Nebenwirkungen: Argentinien ist gemessen in US-Dollar mittlerweile das teuerste Land Südamerikas. Nach der jüngsten Erhebung des sogenannten Big-Mac-Index der Zeitschrift „The Economist“ vom Januar ist der argentinische Peso rund 20 Prozent überbewertet. Während der Burger von MacDonald's in den USA 5,79 Dollar kostet, werden in Argentinien nach dem offiziellen Wechselkurs 6,95 Dollar fällig. Nur im Hochlohnland Schweiz ist der Big Mac noch teurer.

Verantwortlich dafür ist, dass die monatliche Abwertung des Peso gegenüber dem US-Dollar unterhalb der Inflationsrate liegt. Nachdem Milei zu Beginn seiner Amtszeit den Peso auf einen Schlag um über 50 Prozent abgewertet hatte, wird die Landeswährung mittlerweile nur noch um ein Prozent pro Monat abgewertet, während die monatliche Inflationsrate noch immer über zwei Prozent liegt. Dadurch entsteht ein Missverhältnis zwischen dem Nominalwert des Peso und seiner realen Kaufkraft.

Schneller schlau: Inflation
Wenn die Preise für Dienstleistungen und Waren allgemein steigen – und nicht nur einzelne Produktpreise – so bezeichnet man dies als Inflation. Es bedeutet, dass Verbraucher sich heute für zehn Euro weniger kaufen können. Kurz gesagt: Der Wert des Geldes sinkt mit der Zeit.
Die Inflationsrate, auch Teuerungsrate genannt, gibt Auskunft darüber, wie hoch oder niedrig die Inflation derzeit ist. Um die Inflationsrate zu bestimmen, werden sämtliche Waren und Dienstleistungen herangezogen, die von privaten Haushalten konsumiert bzw. genutzt werden. Die Europäische Zentralbank (EZB) beschreibt das wie folgt: „Zur Berechnung der Inflation wird ein fiktiver Warenkorb zusammengestellt. Dieser Warenkorb enthält alle Waren und Dienstleistungen, die private Haushalte während eines Jahres konsumieren bzw. in Anspruch nehmen. Jedes Produkt in diesem Warenkorb hat einen Preis. Dieser kann sich mit der Zeit ändern. Die jährliche Inflationsrate ist der Preis des gesamten Warenkorbs in einem bestimmten Monat im Vergleich zum Preis des Warenkorbs im selben Monat des Vorjahrs.“
Eine Inflationsrate von unter zwei Prozent gilt vielen Experten als „schlecht“, da sie ein Zeichen für schwaches Wirtschaftswachstum sein kann. Auch für Sparer sind diese niedrigen Zinsen ein Problem. Die EZB strebt mittelfristig eine Inflation von zwei Prozent an.
Deutlich gestiegene Preise belasten Verbraucherinnen und Verbraucher. Sie können sich für ihr Geld weniger leisten. Der Privatkonsum ist jedoch eine wichtige Stütze der Konjunktur. Sinken die Konsumausgaben, schwächelt auch die Konjunkturentwicklung.
Von Disinflation spricht man, wenn die Geschwindigkeit der Preissteigerungen abnimmt – gemeint ist also eine Verminderung der Inflation, nicht aber ein sinkendes Preis-Niveau.

Vor allem die Ärmsten leiden unter dem Verlust an Kaufkraft. So sank laut einer Studie der Wirtschaftsfakultät der Universität von Buenos Aires (UBA) der Mindestlohn in Argentinien von umgerechnet 413 Dollar zu Beginn von Mileis Amtszeit auf jetzt 260 Dollar. Mittlerweile leben 52,9 Prozent der Argentinier unterhalb der Armutsgrenze. „Die sinkenden Löhne in Dollar und der Anstieg der Preise haben die Kaufkraft der argentinischen Haushalte erheblich geschwächt“, schreiben die Autoren der UBA-Studie.

Wer hingegen gut in Pesos verdient, kann jetzt Schnäppchen im Ausland machen. Während der Sommerferien auf der Südhalbkugel strömten die wohlhabenden Argentinier an die Strände von Uruguay und Brasilien. Die Einkaufszentren in Chile waren lokalen Medienberichten zufolge voll mit Argentiniern, die sich kofferweise mit Kleidung und Elektroartikeln eindeckten.

Für die heimische Wirtschaft allerdings könnte der starke Peso langfristig zum Problem werden. Er macht die Produktion in Argentinien teurer und verschlechtert damit die ohnehin geringe Wettbewerbsfähigkeit der argentinischen Industrie.

„Die realen Auswirkungen der übertriebenen Aufwertung des Peso sind leicht vorauszusehen“, schreibt der ehemalige argentinische Wirtschaftsminister Domingo Cavallo in seinem Blog. „Die Importe werden zunehmen, wodurch heimische Produzenten aus dem Wettbewerb gedrängt werden, und die Produktion von Exportgütern wird gebremst.“

dpa
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