WiWo App 1 Monat für nur 0,99 €
Anzeigen

Szenario 1: Zurück zur D-Mark Was die Rückkehr zur D-Mark kosten würde

Technisch machbar, ökonomisch vertretbar. Der Ausstieg Deutschlands aus dem Euro scheitert vor allem an politischen Skrupeln.

  • Artikel teilen per:
  • Artikel teilen per:
Narren halten während eines Quelle: AP

Bis vor wenigen Monaten war es noch eine tollkühne Fantasterei. Doch mittlerweile wird ein Ausscheiden Deutschlands aus der Europäischen Währungsunion und die Wiedereinführung der D-Mark immer häufiger diskutiert. Je mehr die Währungsunion zur Schulden- und Transferunion verkommt und die Deutschen zum ultimativen Nettozahler dieses Clubs werden, desto größer wird der innenpolitische Druck auf die Bundesregierung, dem Ausverkauf deutscher Interessen ein Ende zu setzen. Jüngsten Umfragen zufolge sind 57 Prozent der befragten Bundesbürger der Meinung, Deutschland hätte die D-Mark behalten sollen. 60 Prozent sehen durch den Euro mehr Nachteile als Vorteile für sich. Zudem misstraut eine Mehrheit der deutschen Bevölkerung der Europäischen Zentralbank.

Kein Vertrauen in die Währung

Erodiert das Vertrauen der Bevölkerung in ihre Währung, ist es um deren Überleben schlecht bestellt. So zeigen Untersuchungen des Darmstädter Ökonomen Volker Nitsch über den Zusammenbruch von Währungsunionen, dass diese in den meisten Fällen daran gescheitert sind, dass der ihnen zugrunde liegende politische Wille zur Gemeinschaftswährung schwand. Daher ist es keine Seltenheit, dass Länder Währungsunionen verlassen: Seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs war das 69 Mal der Fall.

Ein Austritt Deutschlands aus der Euro-Zone würde allerdings politische Verwerfungen in Europa zur Folge haben. Doch wäre Deutschland „eines der Länder, die ihre alte Währung wieder einführen könnten, ohne sich damit eine Finanzkrise einzubrocken“, urteilt der renommierte Währungsexperte Barry Eichengreen von der University of California in Berkeley.

Die Bundesbank könnte die Geschäftsbanken nach einem Austritt sofort mit Liquidität versorgen, zumal sie in der Währungsunion ohnehin die Offenmarktgeschäfte mit den Geschäftsbanken abwickelt. Das Wissen und die institutionellen Voraussetzungen für das Steuern einer nationalen Währung wären also vorhanden. Zudem hat die Bundesbank Zugriff auf die nationalen Währungsreserven von rund 150 Milliarden Euro, die aus Devisen, Gold und Wertpapieren bestehen. Das Drucken und Prägen von D-Mark-Scheinen und -Münzen wäre zwar ein logistischer Kraftakt – bei entsprechender Vorbereitung aber wohl zu schaffen.

Vorteile

Ungleiche Partner

Bei ihren Zinsentscheidungen müsste die Bundesbank keine Rücksicht auf die anderen Länder Europas nehmen. Das versetzt sie in die Lage, eine passgenaue, auf die wirtschaftlichen Verhältnisse in Deutschland zugeschnittene Geldpolitik zu betreiben, die für stabile Preise sorgt. Zudem müsste Deutschland den fußkranken Ländern im Süden Europas nicht länger mit Transfers unter die Arme greifen. Das Geld der Steuerzahler könnte hierzulande statt in Griechenland investiert werden. Die Rahmenbedingungen für mehr Wachstum würden sich verbessern.

Nachteile

Die D-Mark würde im Gefolge massiver Kapitalzuflüsse kräftig aufwerten und die deutschen Ausfuhren verteuern. Ein lange andauernder Einbruch der Exporte wäre jedoch eher unwahrscheinlich. So zeigen ökonometrische Studien, dass der Wechselkurs nicht die entscheidende Einflussgröße für die deutschen Ausfuhren ist. Wertet der reale effektive Außenwert um ein Prozent auf, gehen die deutschen Exporte nur um 0,5 Prozent zurück.

Das ist zum einen darauf zurückzuführen, dass heimische Unternehmen vielfach Weltmarktführer in Nischenmärkten sind, die ihre Produkte vor allem über die hohe Qualität und den Zuschnitt auf die Kundenwünsche verkaufen. Zum anderen verbilligt eine starke Währung die Importe. Da rund 42 Prozent der deutschen Exporte aus importierten Vorleistungen bestehen, können die Exporteure die sinkenden Bezugskosten für Preisnachlässe nutzen, durch die sie die wechselkursbedingte Verteuerung ihrer Produkte ausgleichen.

Hinzu kommt, dass der Euro nach einem Austritt Deutschlands nicht nur gegenüber der D-Mark, sondern auch gegenüber Dollar, Yen, Pfund und Co. kräftig abwerten dürfte. Das regt die Exporte und die Konjunktur in der Rest-Euro-Zone an – und verbessert so die Absatzaussichten deutscher Exporteure auf diesen Märkten. Studien zeigen: Steigt das Bruttoinlandsprodukt (BIP) in wichtigen Handelspartnerländern um ein Prozent, legen die deutschen Ausfuhren um mehr als zwei Prozent zu. Würde also das BIP der Euro-Zone im Zuge einer Abwertung um 2,5 Prozent steigen, nähmen die deutschen Ausfuhren um fünf Prozent zu. Das reichte, um den Exportdämpfer durch eine zehnprozentige D-Mark-Aufwertung auszugleichen.

Szenario D-Mark

Zu den Verlierern einer Rückkehr zur D-Mark dürften jedoch die Besitzer von Auslandsvermögen zählen. Als Land mit hohen Exportüberschüssen hat Deutschland in den vergangenen Jahrzehnten viel Geld im Ausland investiert. Das Nettovermögen der Bundesrepublik im Ausland belief sich 2009 auf 895 Milliarden Euro. Dazu zählen Wertpapiere, Immobilien und Beteiligungen. Wertet die D-Mark gegenüber anderen Währungen auf, schrumpft der Gegenwert des Auslandsvermögens in D-Mark. Für die Bürger dürfte es da nur ein schwacher Trost sein, dass eine starke Mark die Inflation dämpft und die Realeinkommen steigert.

Ein Austritt Deutschlands aus dem Euro-Club würde zudem Kosten für den Währungsumtausch und die Absicherung von Wechselkursrisiken nach sich ziehen. Experten zufolge belaufen sich diese Kosten auf 0,5 bis 1,0 Prozent des BIPs, das entspricht 12 bis 24 Milliarden Euro. Dem steht allerdings gegenüber, dass Deutschland die Kosten einer Transferunion, die sich nach Berechnungen des Finanzwissenschaftlers Kai Konrad auf mindestens 20 Milliarden Euro pro Jahr belaufen, erspart blieben.

Hinzu kommt, dass mögliche Wechselkursschwankungen gegenüber den Euro-Ländern weniger bedeutsam sind als früher. So hat sich der Anteil der deutschen Exporte in die Euro-Zone an den Gesamtexporten von 46,5 Prozent 1995 auf derzeit nur noch 38 Prozent verringert.

Fazit

Technisch wäre die Rückkehr zur D-Mark machbar, ökonomisch mit einigen Vorteilen verbunden. Ein großer Nachteil wären die damit verbundenen Vermögensverluste. Deshalb und wegen der drohenden politischen Isolierung Deutschlands dürfte die Bundesregierung vor der Rückkehr zur D-Mark zurückschrecken.

© Handelsblatt GmbH – Alle Rechte vorbehalten. Nutzungsrechte erwerben?
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%