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Taliban in Afghanistan „Der Wettbewerb zwischen islamistischen Gruppen lässt sich mit der Spieltheorie analysieren“

Ein Taliban-Mitglied steht am 27.08.2021 an dem Ort in der Nähe des Flughafens von Kabul, wo am Vortag eine Explosion viele Menschen das Leben kostete. Quelle: imago images

Welche wirtschaftlichen Folgen hat Terrorismus? Dazu forscht der Ökonom und Sicherheitsexperte Tilman Brück. Er beschreibt die Sicherheitslage in Afghanistan und erklärt, wie man die Ökonomie des Terrors mithilfe der Wirtschaftswissenschaft analysiert.

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Tilman Brück, 50, ist Gründer und Direktor des International Security and Development Center (ISDC) in Berlin. Die gemeinnützige Denkfabrik beschäftigt sich mit den ökonomischen Folgen von gewaltsamen Konflikten und Terrorismus und dem Faktor Unsicherheit. Brück ist zudem Gastprofessor an der Universität Greenwich; früher war er unter anderem Professor für Entwicklungsökonomie an der Humboldt-Universität Berlin.

WirtschaftsWoche: Herr Brück, steigt durch die Machtübernahme der Taliban in Afghanistan die Terrorgefahr in Europa und Deutschland – weil am Hindukusch neue Rückzugsräume für potenzielle  Attentäter entstehen?
Tilman Brück: Nein, zumindest nicht kurzfristig und nicht zwangsläufig. Ein Motiv für Terroranschläge war ja die Präsenz westlicher Streitkräfte in Afghanistan. Diesen Faktor gibt es nach dem Abzug der Amerikaner und Deutschen nun nicht mehr. Es wäre für die Taliban auch kontraproduktiv, nun offenkundig den Terrorismus gegen den Westen zu fördern. Auch mit Warnungen vor neuen Rückzugsräumen wäre ich vorsichtig. Es ist ja nicht so, dass die westlichen Alliierten das ganze Land kontrolliert hätten; Verstecke fanden sich also schon immer. Und jenseits von Afghanistan gibt es zahlreiche Staaten, von denen aus Terrorzellen ungestört oder gar politisch protegiert operieren können.

Hat Terrorismus auch eine ökonomische Dimension?
Natürlich. Es gibt eine Reihe wirtschaftswissenschaftlicher Studien dazu. Der Wettbewerb zwischen islamistischen Gruppen etwa lässt sich mithilfe der Spieltheorie analysieren. Es mag zynisch klingen, aber es existiert im Lager der Islamisten eine Art Wettbewerb um die reinste Lehre und die radikalste Auslegung des eigenen Glaubens, so wie es das in abgeschwächtem Maße auch in anderen Religionen gibt. Hier geht es um eine spezielle Form der politisch-ideologischen Legitimation. Man will nach außen demonstrieren, dass man die beste Kämpfertruppe ist, so wie ein Unternehmen beweisen will, dass es die besten Produkte verkauft. Und man möchte nach innen seine Truppen motivieren, für die richtige Sache zu kämpfen.

Lässt sich beziffern, was Terrorismus eine Gesellschaft und eine Wirtschaft unter dem Strich kostet?
Das nicht, aber es lassen sich einige grundsätzliche Aussagen treffen. Man muss bei den wirtschaftlichen Folgen trennen zwischen den direkten Kosten eines Anschlags – den Opfern und Zerstörungen – und den konjunkturellen Kosten durch die wachsende Unsicherheit der Konsumenten und Unternehmen. Die subjektive Angst vor weiteren Anschlägen, auch wenn sie faktisch unbegründet wäre, hat durchaus reale Folgen. Sie reduziert wirtschaftliche Aktivitäten. Aber sie ist nicht sehr langlebig und es gibt einen Gewöhnungseffekt. Nach den Anschlägen des 11. September brachen die Börsen stark ein, bei späteren Anschlägen waren die Ausschläge dann weit geringer. Auch gesellschaftliche Folgen von Terror-Anschlägen sind sehr kurzlebig. Es gibt eine Umfrage aus Großbritannien, die noch lief, als es an einem Tag zu mehreren Anschlägen auf Busse in London kam. So konnte man die Antworten vor und nach den Attentaten vergleichen. Ergebnis: Kurz nach den Anschlägen schoss die Akzeptanz für eine Einschränkung von Freiheitsrechten nach oben. Doch schon nach wenigen Wochen ging der Wert wieder zurück auf sein Ausgangsniveau.

Auf den US-Nobelpreisträger Gary Becker geht eine ökonomische Theorie des Verbrechens zurück, bei der Kriminelle den Nutzen und die Risiken einer Straftat abwägen, also einem Kosten-Nutzen-Kalkül folgen. Lässt sich dieses Modell auf den Terrorismus übertragen?
Im Prinzip ja, sieht man von zwangsweise rekrutierten Attentätern ab. Auch Terroristen maximieren in gewisser Weise ihren Nutzen und ihre Wohlfahrt. Wer früher orientierungslos war, hat nun eine klare Mission und einen Anführer, der sagt, wo es langgeht. Wer früher isoliert war, ist nun anerkannter Teil einer Gemeinschaft, er hat einen sozialen Status in einer sehr speziellen Peergroup. Dies gilt für Terrorzellen ebenso wie für Rebellengruppen, die organisierte Kriminalität oder kriminelle Gangs. Da gehen Ökonomie und Psychologie stark ineinander über. Dieses interdisziplinäre Verständnis von Terrorismus ist wichtig für die effektive Bekämpfung.

Was heißt das für die Politik? Wie sollten Staat und Gesellschaft auf Attentate reagieren?
Die Politik neigt zu Überreaktionen. Viele Maßnahmen nach Anschlägen sind kontraproduktiv, denn eine Zurschaustellung von staatlicher Macht beeindruckt Terroristen nicht. Im Gegenteil, viele Terroristen suchen ja die Zuspitzung des Konflikts. Auch wenn es schwierig ist: Die beste Reaktion ist, möglichst schnell zur Normalität zurückkehren, so wie es uns die Israelis vormachen. Wenn nach einem Anschlag wochenlang an jedem Marktplatz und Bahnhof Polizisten mit Maschinengewehren herumlaufen, schürt das Ängste eher als sie zu beseitigen. Das hilft den Terroristen bei ihren schmutzigen Missionen. Wenn wir uns von der Angst befreien, hat der Terrorist verloren. Auf Terrorgefahr reagiert man daher besser versteckt, etwa über normale polizeiliche Ermittlungen oder die Geheimdienste.

Der US-Ökonom Alan Krueger hat mit einer Kollegin detaillierte Daten zu Terroristen aus dem Nahen Osten Anfang der Achtzigerjahre ausgewertet. Heraus kam, dass die Terroristen eher aus wohlhabenden Familien stammten und über eine gute Schulbildung verfügten. Stimmt die gängige These nicht, dass vor allem Armut und schlechte Bildung Menschen radikalisieren?
Es gibt zwar auch ungebildete Attentäter, aber wer Hunger leidet und fünf Kinder ernähren muss, hat in der Regel keine Zeit zum Bombenbauen. Die Anführer terroristischer Gruppen sind meist intelligent und oft gut gebildet. Um andere zu fanatisieren, braucht man ein gewisses Reflexionsvermögen. Diese Leute schaffen den Nährboden für Terrorismus, indem sie ein ideologisches Narrativ aus Ungleichheit und westlicher Dekadenz formen. Etwas anders ist das bei Rebellen. Hier geht es oft nicht um Ideologie, sondern schlicht um Geld und den Krieg als persönliche Einkommensquelle. Ein Kollege von mir hat vor Jahren eine Studie über Bauern gemacht, die nachts als Teilzeitrebellen arbeiteten, sozusagen im Nebenerwerb. Ähnlich es ist bei den Piraten vor der somalischen Küste. Das sind nicht selten die Söhne verarmter oder überschuldeter Bauern und Fischer, die von transnational organisierten Banden praktisch versklavt werden.  



Wie wichtig ist der Faktor innere Sicherheit generell für Wachstum und Wohlstand einer Gesellschaft?
Extrem. Wenn ich investieren will oder meinen Konsum plane, muss ich mir sicher sein, dass ich nicht übermorgen ermordet im Graben liege – oder mir meine Investitition gestohlen wird.  Wenn ich einen Vertrag schließe, muss ich mir sicher sein, dass der Vertragspartner ihn einhält und bei Verstößen eine staatliche Instanz hilft. Verlässlichkeit und Vertrauen im Umgang mit anderen Wirtschaftsakteuren, aber auch mit staatlichen Institutionen und Privatpersonen, ist also extrem wichtig für das Wirtschaften – und für unsere Lebenszufriedenheit. Strittig ist in der Wissenschaft allenfalls,  wie man das misst und bewertet. Es gibt ja eine objektive Sicherheit und eine bisweilen geringer anmutende subjektive Sicherheit der Menschen. 

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Sollte der Westen künftig Entwicklungshilfe an die Taliban zahlen?
Nein. Weil wir die Taliban, deren Weltbild unseren Wertvorstellungen diametral entgegensteht,  damit indirekt finanzieren würden. Die Unterstützung sollte sich auf humanitäre Nothilfen beschränken, so wie es sie auch in Diktaturen wie Syrien und Nordkorea gibt, in denen Menschen an extremen Hunger leiden.

Mehr zum Thema: Die Machtergreifung der Taliban in Afghanistan ist nicht nur ein militärisches, sondern auch ein geostrategisches Desaster für den Westen. Um ökonomisch zu überleben, dürften die Islamisten vor allem auf China setzen – und mit begehrten Rohstoffen bezahlen.

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