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Trotz Eklat nach G7-Gipfel Der Abgesang kommt zu früh

G7: Der Abgesang kommt zu früh Quelle: AP

US-Präsident Donald Trump zieht seine Zustimmung zur Abschlusserklärung überraschend zurück. Warum es trotz dieses Eklats ein Fehler wäre, das Format zu begraben.

Es wäre ein Leichtes, angesichts des G7-Gipfels in Kanada einen Abgesang auf das Treffen der sieben wichtigsten Staats- und Regierungschefs der westlichen Welt zu komponieren. US-Präsident Donald Trump hat nach Ende des G7-Gipfels in Kanada seine Zustimmung zur Abschlusserklärung völlig überraschend wieder zurückgezogen. Er begründete diesen bisher einmaligen Schritt in der über 40-jährigen G7-Geschichte auf Twitter unter anderem mit der Haltung des kanadischen Gastgebers Justin Trudeau zu US-Strafzöllen auf Stahl und Aluminium. Trump bezeichnete Trudeau von seinem Flug nach Singapur aus als „sehr unehrenhaften und schwachen Gastgeber“. Trudeau hatte am Samstag in seiner Abschluss-Pressekonferenz gesagt, die Strafzölle, die Trump mit der Wahrung der amerikanischen Sicherheitsinteressen begründet, seien „etwas beleidigend“. Kanada werde seinerseits die USA mit höheren Zöllen belegen. „Das machen wir nicht gerne, aber wir werden es absolut machen, denn wir Kanadier sind freundlich und vernünftig, aber wir lassen uns nicht herumkommandieren.“

Bereits das Tagungshotel versprühte den Charme der achtziger Jahre, also jener Zeit, als der Westen tatsächlich noch so etwas wie der globale Taktgeber war. Das Aufwands-Ertrags-Verhältnis der Veranstaltung bringt zudem jeden Controller zum Schaudern. Umgerechnet rund 400 Millionen Euro kostete das knapp zweitätige Treffen die kanadischen Steuerzahler – und ein wirklich messbares Ergebnis gab es ohnehin kaum. Noch nie in der Geschichte der G7 war so sehr um ein gemeinsames Kommuniqué gerungen worden. Dabei bestehen die wenigen Seiten in der Regel nur aus den üblichen diplomatischen Floskeln.

Es wäre dennoch ein Fehler, daraus zu schließen, dass sich das ganze Format überlebt hat – so wie es einige auf den Fluren des Tagungshotels bereits taten.

Wer die Treffen abschaffen will, sollte sich zumindest zu folgenden Fragen Gedanken machen:
Ist der Zustand der G7 wirklich so schlecht, wie derzeit immer wieder behauptet wird?
Welchen Wert jenseits des direkt Messbaren haben die Gipfel?
Gibt es ernsthafte Alternativen?

Was den Zustand der G7 angeht: Die westliche Staatengemeinschaft steht auch in diesen unbestreitbar schwierigen Zeiten geschlossener da, als es auf den ersten Blick den Anschein hat. Der Gipfel in Kanada war ein 6+1-Treffen - vor allem wegen US-Präsident Donald Trump. Das ist alles andere als beruhigend. Aber es bedeutet eben auch nicht gleich das Ende all dessen, was die Welt zusammenhält. Die Erfahrung lehrt, dass sich die Geschichte in Zyklen bewegt. Aus dem Schrecken der Gegenwart zu schließen, dass alles nur noch schlimmer werden kann, ist deshalb genauso falsch wie davon auszugehen, dass automatisch alles wieder besser wird.

Gut möglich, dass Donald Trump den Beginn einer neuen Ära des Nationalismus markiert und die Globalisierung zumindest teilweise rückabgewickelt wird. Vielleicht ist der US-Präsident aber auch nur eine Episode. Das kann heute noch niemand ernsthaft beurteilen, weil unklar ist, wie viele G7-Gipfel es für Trump noch geben wird. Zwar ist er 2020 selbst Gastgeber, aber im gleichen Jahr sind auch die nächsten Präsidentschaftswahlen.

Hinzu kommt: Bei allem Chaos, das Trump mit erkennbarer Freude derzeit verursacht, waren die anderen sechs Vertreter der westlichen Welt auch in Kanada weitgehend geschlossen. Trump gelang es nicht, die anderen Staaten zu spalten. Auch nicht mit seiner Spontan-Idee, doch wieder Russland mit an den Tisch zu bitten. Der Zusammenhalt der anderen Mitglieder ist eine gute Nachricht, weil er zeigt, was derzeit noch die Regel und was die Ausnahme ist.

Unabhängig davon ist die Frage nach dem Sinn der G7-Treffen natürlich legitim. Doch auch hier zeigte der Gipfel, warum ein solches Format auch im 21. Jahrhundert noch immer brauchbar ist. So brachte der Gastgeber Justin Trudeau etwa die Verschmutzung der Meere durch Plastikmüll auf die internationale Tagesordnung. Noch folgen daraus keine konkreten Maßnahmen. Aber wäre es wirklich eine sinnvolle Alternative, gar nicht drüber zu sprechen? Reden ist fast immer besser als Schweigen. Das gilt gerade auch im Moment. Schließlich gibt es eine gewisse Wahrscheinlichkeit, dass auch wieder bessere Zeiten kommen. Und wer im Dialog geblieben ist, muss dann nicht erst wieder mühsam den Gesprächsfaden aufnehmen.

Weiter miteinander reden und auf bessere Zeiten hoffen – damit allein ist den G7-Treffen langfristig natürlich nicht geholfen. Bereits bevor die internationale Politik vom Trumpismus infiziert wurde, befand sich das Format in einer Sinnkrise. Das hat vor allem damit zu tun, dass es die Welt des vergangenen Jahrhunderts abbildet.

Was also könnte die G7 im 21. Jahrhundert sein – also in Zeiten, in denen aller Voraussicht nach andere Weltregionen dem Westen den Rang ablaufen werden? Genau das: ein Forum eben dieses Westens, der trotz aller geopolitischen Verschiebungen auch in Zukunft eine Rolle spielen wird. Die Mitglieder – von den USA über Deutschland bis nach Japan – verbinden trotz aller aktuellen Differenzen noch immer gemeinsame zentrale Werte wie Demokratie und Marktwirtschaft. Schon allein deshalb würde das Format verwässert, wenn es wieder eine G8 mit Russland oder gar eine G9 mit China gäbe. Zumal dann der Unterschied zu den G20 verschwimmen würde, die sich angesichts viel zu unterschiedlicher Interessen und Werte kaum zur Weltregierung entwickeln werden.

Aus all diesen Gründen sind die G7 wichtiger denn je.

Mit Material von dpa

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