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Wachstum Bremsspuren in Chinas Planwirtschaft

Peking drosselt das Wachstum, um die Inflation zu zügeln. Das kostet Arbeitsplätze – und sorgt für politischen Zündstoff. Das staatlich regulierte Wachstum stößt nach Jahrzehnten an seine Grenzen.

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Stilstehende Kräne in China Quelle: dpa

Bisweilen ähnelt Wirtschaftspolitik in China einem Videospiel: Am Joystick sitzen die Planer der Kommunistischen Partei und bestimmen den Aufbau der Wirtschaftsmacht. Per Knopfdruck ziehen sie Fabriken, Häuser, Städte hoch. Sie öffnen die Geldschleusen, sobald die Weltkonjunktur lahmt – und schließen sie wieder, wenn die 1,3 Milliarden Chinesen im Treibsand der Inflation versinken.

Seit drei Dekaden betreiben die Planer das Spiel, das in Wahrheit ein Experiment in Echtzeit ist. Auch wenn den Staatsdirigenten nach dem Prinzip "Trial and Error" manchmal Fehler unterlaufen – nie hieß es bisher: Game over. Chinas Bruttoinlandsprodukt (BIP) wächst seit Jahren zuverlässig um acht Prozent plus x.

Die Finanzkrise, die der Westen bis heute nicht verdaut hat, überstand China fast ohne Blessuren: Peking schaltete auf eine liquiditätsgetriebene Wachstumspolitik um und kompensierte Exporteinbrüche mit Staatskonsum.

Kann das auf Dauer gut gehen? Darüber rätseln westliche Ökonomen. Für Pekings Planer stellt sich die Frage anders: Wie viel Wachstum verträgt das Land, ohne dass der soziale Frieden in Gefahr gerät?

Zehn interessante Fakten über China
Täglicher Griff zur ZigaretteUngesunder Rekord: In jeder Sekunde werden 50.000 Zigaretten in China angezündet. Das berichtet die Weltgesundheitsorganisation (WHO). Die Zahl der Raucher ist in den vergangenen Jahren immer weiter gestiegen. Inzwischen zünden sich 66 Prozent der männlichen Chinesen täglich mindestens eine Zigarette an. Bei den Frauen raucht nur jede Zwanzigste täglich. Quelle: rtr
Künstliche TannenbäumeKlar, China ist ein großes Land. Fast jeder fünfte Mensch lebt in dem Riesenreich, China ist die zweitgrößte Volkswirtschaft der Erde. Doch in einigen Statistiken liegt das Land überproportional weit vorne. So ist das Riesenreich nicht nur der größte Textilproduzent, sondern auch weltweit führend in der Herstellung von künstlichen Tannenbäumen. 85 Prozent alle unechten Tannenbäume – so National Geographic – stammen aus China. Texte: Tim Rahmann Quelle: dpa
SchweinereichIn China leben nicht nur die meisten Menschen, sondern auch die meisten Schweine. 446,4 Millionen Eber und Säue lebten 2008 im Reich der Mitte, so die UN. Damit leben dort mehr Schweine als in den 43 nächst größten Ländern, gemessen an der Zahl der Tiere, zusammen. Zum Vergleich: In Deutschland werden aktuell rund 26,7 Millionen Schweine gehalten. Quelle: dpa
Geisterstädte im ganzen LandIn China wurde in den letzten Jahren massiv gebaut – auch in ländlichen Gegenden. Doch die Landflucht ließ vielerorts Geisterstädte entstehen. Mehr als 64 Millionen Wohneinheiten stehen im ganzen Land leer. Auch das größte Einkaufszentrum der Welt, … Quelle: dpa
McDonald’s allein auf weiter Flur… die "New South China Mall", hat reichlich Gewerbeflächen zu vermieten. 1500 Geschäfte finden dort Platz, 70.000 Käufer sollten täglich nach Dongguan pilgern. Doch die Realität sieht anders aus: 99 Prozent der Flächen sind unbenutzt, berichtete die britische Zeitung "Daily Mail". Nur ein paar Restaurants befinden sich in dem Gebäude, unter anderem Mc Donald’s. Quelle: AP
Bauboom geht weiterDennoch bauen die Chinesen fleißig weiter. Die Folge: Kein Land verbaut mehr Zement als China. 53 Prozent der weltweiten Nachfrage stammt aus dem Reich der Mitte, so Michael Pettis, China-Experte und Ökonom der Peking-Universität. Quelle: dpa
Barbie ist zu sexyWenn in China gerade nicht gebaut wird, werden in den zahlreichen Fabriken Güter produziert. Neben Textilien vor allem Spielwaren. Rennautos, Barbie-Puppen und Kuscheltiere: Fast 80 Prozent der deutschen Spielwaren stammen aus China. Vor Ort selbst sind Barbie-Puppen übrigens kein Verkaufsschlager. Für die Chinesen ist die kurvige Blondine zu sexy. Dort verkaufen sich vor allem niedliche Puppen. Quelle: AP

Momentan sieht es so aus, als habe das sturmerprobte Wachstumsmodell seine Grenzen erreicht. China ist längst kein Billigheimer-Land mehr, das nur Ramsch für den Westen produziert. Die Löhne steigen jedes Jahr um ein Fünftel – zusätzliches Geld, das auch ausgegeben werden will.

Immobilienmarkt ist heiß gelaufen

Da Chinas Produktionsstruktur nach wie vor auf Export ausgerichtet ist, steigen die Importe, was die Handelsbilanz im Februar ins tiefste Defizit seit zehn Jahren riss.

Das Minus ist halb so tragisch, weil Chinas Yuan weiter unter Aufwertungsdruck steht. Es zeigt aber, dass die jüngste Rechnung der Regierung nicht aufgeht: Der schrittweise Abbau der Exportabhängigkeit über den zunehmenden Binnenkonsum auf der Verbraucherseite ist allenfalls langfristig machbar.

Steigende Lebensmittelpreise treffen besonders Provinzbewohner Quelle: Laif

Wer als Verbraucher heute Kapital über hat, steckt das lieber in Immobilien – ergänzt durch Kredite, die trotz restriktiver Geldpolitik und Markteingriffen immer noch deutlich unter der Inflationsrate liegen. Längst ist der Immobilienmarkt heiß gelaufen, es ist eine Blase entstanden, deren Platzen die Binnenwirtschaft aus dem Gleichgewicht bringen könnte.

Hinzu kommt, dass es die Regierung aus Angst vor einer Weltfinanzkrise mit ihrem präventiven Konjunkturpaket übertrieben hat: Die sagenhafte Summe von 586 Milliarden Dollar, die Premier Wen gleich nach der Pleite der US-Investmentbank Lehman Brothers in den Geldkreislauf pumpte, floss in viel zu große Infrastrukturprojekte.

Zu viel Geld im Umlauf

Chinas Premier Wen Jiabao Quelle: dpa

Geisterstädte wie New Ordos in der Inneren Mongolei oder die weltweit längste, aber kaum befahrene Autobahnbrücke in der Küstenstadt Qingdao sind Zeugnisse chinesischer Schaffenskraft – aber auch die Ursache für Inflation, weil der Fiskus zu viel Geld unsinnig in Umlauf gebracht hat.

Hohe Inflation ist für Peking ein Horrorszenario, sagt Eberhard Sandschneider, der Forschungsdirektor der Deutschen Gesellschaft für Auswärtige Politik (DGAP) in Berlin. Wegen teils zweistellig steigender Lebensmittelpreise komme es jeden Tag in Chinas Provinzen zu lokalen Unruhen.

Die Geldentwertung sei nicht einmal der Hauptgrund: "Peking muss pro Jahr sechs Millionen Absolventen der Hochschulen und noch viel mehr Wanderarbeiter in Lohn und Brot bringen", so Sandschneider. "Das wird von Jahr zu Jahr schwieriger."

Einerseits braucht das Land Wachstum für mehr Beschäftigung – andererseits aber auch höhere Gehälter, damit der Binnenkonsum anspringt. Wenn die Löhne ausufern, würgt das allerdings die Beschäftigung ab. Ein klassischer Zielkonflikt.

Wachstumsmodell funktioniert nicht ewig

Premier Wen bremst nun die Erwartungen. Chinas Steuermann, der dieses Jahr von Bord gehen wird, schätzt das BIP-Wachstum für 2012 auf magere 7,5 Prozent. Zugleich mahnt die Weltbank in der Studie "China 2030", Peking müsse mehr Privatwirtschaft zulassen, innovativer werden und sich den Finanzmärkten öffnen.

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An jener Strategiestudie haben übrigens Wens Berater mitgeschrieben. Offensichtlich hat Peking selbst erkannt, dass das Wachstumsmodell nicht ewig funktioniert. Schon vor vier Jahren schimpfte Wen, Chinas Wachstum sei "ungleichmäßig, unkoordiniert, schlecht ausbalanciert und nicht nachhaltig".

Dennoch überstand China die Krise und wuchs weiter um acht Prozent. Womöglich sind die Chinesen bloß begnadete Zocker, was Wirtschaftspolitik betrifft.

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