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Arbeitende Senioren Rente mit 63 gefährdet Deutschlands Erfolgsgeschichte

Rente mit 63 gefährdet Deutschlands Erfolgsgeschichte Quelle: dapd

Immer mehr Deutsche erfüllen sich den Traum vom frühzeitigen Ruhestand, Rente mit 63 sei Dank. Doch was für den Einzelnen angenehm ist, gefährdet eine einzigartige Erfolgsgeschichte.

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Es ist eine Erfolgsgeschichte sondergleichen, die Deutschland bei der Beschäftigung älterer Arbeitnehmer vorweisen kann. Noch vor 15 Jahren galt die Bundesrepublik als Problemfall, nur vier von zehn Menschen über 55 Jahren arbeiteten. Bei den Über-65-Jährigen waren es sogar nur sechs Prozent. Im Golden Age Index der Kanzlei Pricewaterhouse Coopers (PWC), die seit Jahren die Einbindung älterer Arbeitnehmer in den Arbeitsmarkt erhebt, landete Deutschland denn auch abgeschlagen auf dem 26. Platz, selbst hinter Tschechien, Griechenland oder der Türkei.

Heute zeigt sich ein gänzlich anderes Bild. Eines, das PWC in seinem gerade erschienen Golden Age Index mit steigenden Kurven und kleinen Pokalen illustriert. Deutschland ist das Vorbild im aktuellen Bericht, jede Kurve zeigt einen Erfolg. Die Platzierung im Ranking? 14 und damit zwölf Plätze höher als noch 2003, der höchste Anstieg aller OECD-Staaten. Menschen über 55 in Arbeit? Knapp 70 Prozent, fast doppelt so viele wie zuvor. Menschen über 65 in Arbeit? 15 Prozent und damit zweieinhalbmal so viele wie zuvor.

PWC will mit seinem Index zeigen, wie wichtig es ist, ältere Menschen im Arbeitsmarkt zu halten. Nur so könnten die Sozialsysteme auch bei einer immer älter werdenden Bevölkerung finanziert werden. Es geht um riesige Summen: Spitzenreiter des Rankings ist Island mit 84 Prozent arbeitenden Menschen über 55 Jahren, gefolgt von Neuseeland mit 78 Prozent.

Würden in allen OECD-Staaten auch nur so viele Menschen arbeiten wie in Neuseeland, rechnet PWC vor, dann würde OECD-weit das Bruttoinlandprodukt langfristig um knapp drei Billionen Euro steigen. Selbst beim Musterschüler Deutschland gibt es noch viel Luft nach oben: Bei einem Altersbeschäftigungsniveau wie in Neuseeland könnte das BIP um knapp 300 Milliarden Euro wachsen.
In Realität dürfte diese Zahl jedoch nicht erreichbar sein, im Gegenteil: Viel wahrscheinlicher ist, dass Deutschlands Erfolgsgeschichte sich bald ins Negative verkehrt. Grund ist die Lust der Deutschen am Vorruhestand und die Regelung zur Rente mit 63, die diesen Traum für viele möglich macht. Schon über eine Million Menschen haben sie beantragt, weit mehr als die Bundesregierung erwartet hatte.

Die Kosten sind schon jetzt immens. Wie die Deutsche Rentenversicherung im Mai bekanntgab, kostet der Vorruhestand Monat für Monat 1,3 Milliarden Euro. Zum Vergleich: Im Juni 2014, dem letzten Monat vor Einführung der Rente mit 63, zahlte die Rentenversicherung nur 62,6 Millionen Euro an vergleichbare Frührentner.
Nicht nur die Rentenversicherung, auch die Unternehmen leiden unter der neuen Frühverrentungswelle. Der Arbeitgeberverband BDA nennt die Rente mit 63 „staatlich subventionierte Frühverrentungspolitik“. Hauptgeschäftsführer Steffen Kampeter kritisiert, sie entziehe den Betrieben dringend benötigte Fachkräfte.

Dabei tragen die Unternehmen jedoch zumindest eine Teilschuld, wenn ihre Arbeitnehmer sich früher in die Rente verabschieden, wie PWC schreibt. Nur 44 Prozent der älteren Arbeitnehmer haben demnach im vergangenen Jahr an einer Weiterbildung teilgenommen. Stattdessen stünden viele bereits auf dem Abstellgleis – und von dort ist der Schritt in die Frührente nicht mehr weit.
PWC fordert deshalb sowohl Politik als auch Unternehmen auf, Senioren stärker in den Arbeitsmarkt zu integrieren. Die Politik, indem sie Anreize für die Frührente abschafft und stattdessen Arbeitsanreize schafft. Die Unternehmen, indem sie flexible Arbeitsmodelle und Fortbildungen anbieten. Ansonsten besteht die Gefahr, dass von Deutschlands Erfolgsgeschichte bald nur noch eine Erzählung aus besseren Tagen übrig bleibt.

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