Rentenreform: Ein Boomer-Soli? Wenn, dann bitte zugunsten der Jüngeren!

Zu ihrer Wortschöpfung kann man den Wissenschaftlern und der Wissenschaftlerin nur gratulieren: Einen „Boomer-Soli“, um die gesetzliche Rente zu stabilisieren, schlagen die Fachleute des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) vor. Was sich hinter dem catchy Begriff verbirgt: eine Sonderabgabe auf alle Alterseinkünfte, mit der Einkommensstarke der Babyboomer-Generation einkommensschwache Ältere unterstützen würden. So könnte das Risiko, im Alter arm zu sein, sinken – ohne jüngere Menschen direkt zu belasten.
Konkret führen die Autoren und die Autorin ihren Boomer-Soli so aus: Die Abgabe würde oberhalb eines bestimmten Freibetrags und einer gewissen Altersgrenze auf gesetzliche, berufsständische, betriebliche und private Renten sowie Pensionen erhoben. Optional könnten Einkünfte aus Kapitalvermögen sowie aus Vermietung und Verpachtung einbezogen werden. Das eingenommene Geld würde in ein Sondervermögen fließen, das nur dazu verwendet werden dürfte, geringe Alterseinkünfte innerhalb der gesetzlichen Rentenversicherung, gegebenenfalls auch der Beamtenversorgung oder der berufsständischen Versorgungswerke aufzustocken.
Das zeigt schon, dass von dem Vorschlag nicht mehr bleiben wird als der eingängige Ausdruck. Nie würde die Regierung eine Reform aufsetzen, die ihren Wählern direkt an Rente und Pension sowie darüber hinaus auch noch an Zins- und Mieteinnahmen ginge. Bei den Über-60-Jährigen darf sich Schwarz-Rot nämlich tatsächlich noch große Koalition nennen. Bei den Menschen, die älter als 70 Jahre sind, kamen CDU, CSU und SPD bei der Bundestagswahl sogar auf gut 66 Prozent. Diese wichtige Gruppe wird man daher nicht verprellen wollen.
Zudem geht es bei dem Konzept nur um Umverteilung innerhalb einer Gruppe. Boomer sollen für Boomer zahlen. Um die gesetzliche Rente zu stabilisieren, reicht das nicht. Daher sollte die Regierung durchaus über das Prinzip hinter dem Boomer-Soli nachdenken – nur in Bezug auf Jüngere. Denn die Kosten, die entstehen, weil die Bevölkerung in Deutschland altert, lassen sich nicht leugnen. Die Lasten für jüngere Generationen steigen immer weiter. Bald werden sie noch deutlich höhere Beiträge zu den Sozialversicherungen zahlen – damit bleibt ihnen weniger Geld, um fürs Alter vorzusorgen. Fair ist das nicht.
Zumal die Frührente boomt. Aus den Jahrgängen 1954 bis 1957 gingen 1,8 Millionen Babyboomer (zum Teil abschlagsfrei, zum Teil mit Abschlägen) vorzeitig in Rente, zeigten kürzlich Ökonominnen des Instituts der deutschen Wirtschaft (IW) – mehr als 40 Prozent des jeweiligen Geburtsjahrgangs. 2023 gab es bereits 924.000 Frührentner, die noch nicht die Regelaltersgrenze erreicht hatten. Setzt sich dieser Trend fort, werden es von diesem Jahr an jährlich mindestens eine Million Menschen sein.
Das einzige Gegenmittel, das die Koalition plant, ist die Aktivrente: Der Steuerfreibetrag für Rentnerinnen und Rentner jenseits der Regelaltersgrenze soll auf 2000 Euro pro Monat steigen und so Menschen länger im Berufsleben halten. Das Problem: Das könnte noch mehr Beschäftigte verleiten, parallel Rente und Einkommen zu beziehen – und die Rentenkasse weiter belasten.
Was die Regierung stattdessen tun könnte, haben Expertinnen und Experten schon oft beschrieben: die abschlagsfreie Frührente abschaffen. Die Abschläge für Frührenten anheben. Auch die Boomer ein klein wenig länger arbeiten zu lassen, ist nicht unverhältnismäßig. Durchschnittlich können sie mit etwa 20 Jahren in Rente rechnen. Sie etwas mehr an den demografischen Kosten zu beteiligen – das wäre ein Boomer-Soli gegenüber den Jüngeren, der den Namen verdient hätte. Und ein passendes Thema für den Herbst der Sozialreformen, den Kanzler Friedrich Merz angekündigt hat.
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