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Forum der Freiheit Vom Wert der Freiheit im geteilten Deutschland

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Diktatur über die Bedürfnisse

Der ehemalige DDR-Staats- und Parteichef Erich Honecker mit seiner Frau Margot auf dem Flughafen von Santiago de Chile. Quelle: dpa

Margot Honecker, jahrzehntelang für „Pädagogik“ zuständig, lobte das Leben und die Erziehung in Kollektiven mit den Worten: „Wir wollen einen Menschen erziehen, der ein Kollektivmensch unserer Zeit ist, der weit mehr für das gesellschaftliche Leben als für seine persönlichen Interessen lebt.“

Die wirtschaftliche und soziale Umgestaltung der Gesellschaft erstickte jede private Initiative jenseits staatlicher Vorgaben. Wie in der politischen Sphäre existierte auch in der Wirtschaft kein Wettbewerb. Die von der Kommunistischen Partei gesteuerte zentrale Plankommission gab die Richtung für die Wirtschaftssubjekte detailliert vor. Da eine zentralistische Planwirtschaft keine freie Preisbildung kennt, sondern auf administrative Preise setzt, die bestenfalls zufällig Knappheitsrelationen widerspiegeln, mündet sie zwangsläufig in dem Versuch der „Diktatur über die Bedürfnisse“. Doch dieser Versuch scheiterte in der DDR ebenso wie in den anderen vom sowjetischen Sozialismusmodell geprägten Staaten.

Die Monopolpartei maßte sich sogar an, den Menschen vorzuschreiben, wie sie zu leben hätten, um eine „allseits gebildete sozialistische Persönlichkeit“ zu werden. Ziel war die Entindividualisierung, die faktisch auf eine Entmündigung hinauslief. Die vom obersten Machthaber Walter Ulbricht 1959 verfassten „zehn Gebote der neuen sozialistischen Sittlichkeit“ enthielten konkrete Verhaltensvorschriften wie zum Beispiel „Du sollst gute Taten für den Sozialismus vollbringen, denn der Sozialismus führt zu einem besseren Leben für alle Werktätigen“.

Versteht man Freiheit in einem umfassenden Sinn als weitestmögliche Ausschaltung von Zwängen, dann war die DDR-Gesellschaft vom Gegenteil geprägt. Zwang und Gewaltandrohung bestimmten hier letztlich das gesamte Leben, auch wenn dies manchem Untertan im Laufe der Jahrzehnte nicht mehr bewusst war.

Das Verbot von freien Meinungsäußerungen ging sogar so weit, dass nicht einmal die Aussage der offiziell hochgeschätzten Rosa Luxemburg „Freiheit ist immer Freiheit der Andersdenkenden“ öffentlich vorgetragen werden durfte. Dabei war es Rosa Luxemburg keineswegs um die Freiheit aller Andersdenkenden gegangen, sondern nur um einen gewissen Pluralismus innerhalb der kommunistischen Bewegung.

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