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Klatschspalte Im Dschungel ist die Hölle los

RTL sollte Flüchtlinge ins Dschungelcamp schicken. Das würde unseren irren Blick auf die Welt besser widerspiegeln.

Serdar Somuncu ist Kabarettist und Buchautor. Quelle: Laif

RTL startet eine neue Reihe seines Dschungelcamps. Es erinnert uns daran, wie schnell unsere guten Vorsätze im Orbit der Sehgewohnheit zerstäuben. Denn was interessiert uns eigentlich immer noch daran, dass zwölf Menschen, scheinbar abgeschnitten von der Außenwelt und eingesperrt zwischen Hunderten von TV-Kameras und einigem vagabundierendem Ungetier, zwei sinnlose Wochen lang in einem wenige Quadratmeter großen Pritschencamp Zeit miteinander verbringen? Haben wir nicht schon alle zwischenmenschlichen Katastrophen dieser sozio-pathologischen Selbstdemontage erlebt, jeden Busen geblitzt und jedem nächtlichen Geständnis in millionenfacher Heimlich- und Peinlichkeit gelauscht? Haben wir ehrlich gesagt nicht Besseres zu tun, als diesen Abwasch des Abwaschs zur Tradition zu erklären und uns insgeheim sogar darauf zu freuen?

Offensichtlich nicht, denn so wie Fernsehsender sich heutzutage nun mal an den letzten Strohhalm dürftig funktionierender Formate klammern, so versucht auch das Kölner Medienimperium RTL mit der x-ten Auflage des Dschungelcamps das Vulgäre in uns vor den Bildschirm zu locken. Dass dabei die Kandidaten mittlerweile so wirken, als hätten sie vorher schon mehrwöchige Seminare zum quotenträchtigen Benehmen in der virtuellen Psychohaft besucht, gehört eher zu den erträglichen Nebensachen dieses Peinlich-Pornos, die man wohlwollend in Kauf nimmt.

Dass man sich aber inzwischen schon im Vorfeld nicht mehr daran erinnern kann, wer denn die angeblich Prominenten sein sollen, die in der Verwertungskette der Kotzkarriere, angefangen von ihrer zugangsberechtigenden Quasinonexistenz bis zu ihrem jähen medialen Ableben am Tische des Promi-Dinners, eine ähnlich Lebensspanne haben wie gewöhnliche Stubenfliegen, ist schon eher ein Mysterium der modernen Unterhaltungsindustrie.

Wäre es da nicht spannender und zudem wohltätiger, Flüchtlingen ein Heim im Herzen des australischen Dschungels zu offerieren und ihnen dabei zuzuschauen, wie sie bei rationierter Kost von den Leiden des Kriegs in Syrien berichten und uns en passant ihre nächsten Attentatspläne verraten? Wahrscheinlich wäre das aber zu nah an der seltsamen Realität, in der wir auf der einen Seite den Irrsinn des Lebens als amüsante Miniatur betrachten, während wir auf der anderen Seite regelmäßig daran scheitern, ihn zu verstehen.

Also schalten wir wieder ein und laben uns an den Dialogen der Protagonisten, die oft wesentlich ungenießbarer sind als Kamelpisse. Nimmt man aber das Dummencamp mindestens so ernst wie sämtliche gängigen Formate des permanent repetitiven Fernsehspektakels unserer Tage, dann ergibt sich daraus ein jämmerliches Abbild einer degenerierten Gesellschaft, die sich an ihrem eigenen Untergang erfreut und sogar Spaß daran hat, dass sie sich selbst dabei zuschaut.

Fernsehen ist heutzutage noch viel weniger das, was es vor 30 Jahren noch nicht einmal war: ein Qualitätsstandard für Inhalte und Transportmittel für Anspruch. Mittlerweile ist es nur noch eine Zeitreise ins Mittelalter, bei der wir am Ende als Gefangene unserer eigenen Sucht nach Ablenkung fassungslos den Kopf darüber schütteln, warum andere mit sich machen lassen, was wir ihnen antun.

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