WiWo App 1 Monat für nur 0,99 €
Anzeigen

Lemonaid-Aktion läuft ins Leere Klöckner droht Niederlage im Limonadenstreit

Bundeslandwirtschaftsministerin Julia Klöckner hat Schwierigkeiten, die von ihr festgelegte Strategie zur Reduzierung von Zucker in Lebensmitteln und Getränken durchzusetzen. Quelle: dpa

Julia Klöckner droht auf ihrem Weg zu weniger Zucker in Fertigprodukten eine herbe Niederlage. Die für die Definitionen von Lebensmitteln zuständige Deutsche Lebensmittelbuch-Kommission hält weiter an der Mindestzuckergrenze fest.

  • Artikel teilen per:
  • Artikel teilen per:

Die Vorgabe für die Mindestmenge an Zucker in der Limonade bleibt. Der WirtschaftsWoche liegt der noch nicht veröffentlichte Sachstandsbericht des Fachausschusses Getränke der Deutschen Lebensmittelbuch-Kommission vor. „Die medial geäußerte Kritik, die Leitsätze des Deutschen Lebensmittelbuchs würden einen Mindestzuckergehalt für Limonaden „vorschreiben“ und damit einer ernährungsphysiologisch gewünschten Reduzierung von Zucker in Fertig-Lebensmitteln entgegenstehen, entbehrt der Grundlage“, heißt es in dem Papier. Selbst zu dem Kompromiss, eine neue Kategorie „Leichte Limonade“ einzuführen, konnte sich das Gremium nicht durchringen.

Damit ist die PR-Aktion des Limonaden-Start-ups Lemonaid, die mit dem Aufstellen einer „Zuckerpuppe“ mit dem Antlitz von Landwirtschaftsministerin Julia Klöckner vor ihrem Ministerium in Berlin kulminierte, ins Leere gelaufen. Die Ministerin selbst hatte zwar nie reagiert, aber ihr parlamentarischer Staatssekretär, Hans-Joachim Fuchtel, versprach, sich der Sache mit einem persönlichen Gespräch mit der Vorsitzenden der Kommission, Birgit Rehlender, anzunehmen: „Wir haben die klare Erwartung, dass sich die Deutsche Lebensmittelbuch-Kommission der aktuellen Problematik nun zügig annimmt und die entsprechende Leitsätze überprüft“, sagte er Ende September. 

Lemonaid war von den Verbraucherschutzbehörden der Städte Hamburg und Bonn abgemahnt worden, dass ihre Getränke zu wenig Zucker beinhalteten, um sich Limonade nennen zu dürfen. Diesen Vorwurf wies der Hamburger Hersteller zurück: Eine Mindestgrenze für Zucker zu formulieren halte er für einen „fatalen Denkfehler, der der Gesellschaft nur schade“. 

Millionenschaden droht

Jetzt droht dem aufstrebenden Konzern mit 95 Mitarbeitern, ihre mit der weißen Aufschrift „Limonade“ bedruckten Pfandflaschen gegen korrekt gekennzeichnete austauschen zu müssen – das bedeutet einen Millionenschaden. Das Unternehmen war für eine Stellungnahme nicht zu erreichen.

Top-Jobs des Tages

Jetzt die besten Jobs finden und
per E-Mail benachrichtigt werden.

Standort erkennen

    Insgesamt 80 im Handel erhältliche Limonaden seien geprüft worden im Hinblick auf Zuckergehalt und ihre Bezeichnung, heißt es im Sachstandbericht: „Wenngleich es sich nicht um eine repräsentative Stichprobe handelte, ließ sich erkennen, dass bei etwa zwei Dritteln der Limonaden Zuckergehalte zwischen sieben und elf Gramm je 100 Milliliter üblich sind“, schreibt der Fachausschuss 6. Bei einem Drittel – mit Zuckergehalten von 0 bis weniger als 7 Gramm je 100 Milliliter wiesen die meisten Etiketten auf den niedrigeren Zuckergehalt hin: „Nur wenige Anbieter geben keinen Hinweis.“

    Selbst die von den großen Erfrischungsgetränkeherstellern befürwortete Eingabe, eine zusätzliche Kategorie namens „Leichte Limonade“ einzuführen, hielt die Kommission für unnötig. Sie konnte sich nur auf die Aufnahme der generellen Kategorie „Erfrischungsgetränk“ einigen.

    Das interessiert WiWo-Leser heute besonders


     Was heute noch wichtig ist, lesen Sie hier


    Der Sachstandsbericht ist das Resultat einer zweitägigen Tagung. „Fachausschussmitglieder, Beratern, Sachkundigen der Lebensmittelüberwachung, der Herstellerseite und der Verbände waren sich einig“, heißt es in dem Papier. Ausgespart blieben in dieser Aufzählung die Verbraucherschützer, die ebenfalls im Tisch sitzen – sie hatten in dem Gremium, dass mindestens mit einer Drei-Viertel-Mehrheit operiert, wohl nicht zugestimmt. Nachdem die Fachausschußmitglieder sich mit dem Entwurf einverstanden erklärten, folgt jetzt ein öffentliches Anhörungsverfahren.

    Mit diesem Entwurf stellt die DLMBK ihre Unabhängigkeit klar unter Beweis – sie ist beim Landwirtschaftsministerium zwar angesiedelt, ihm aber nicht weisungsgebunden.  Ultimativ aber könnte Julia Klöckner doch den letzten Trumpf im Ärmel haben: Ihr Ministerium führt gerade eine Revision über die Effektivität der DLMBK durch.

    Mehr zum Thema: Wann ist Limo wirklich Limo? Muss ein Schokoriegel Milchpulver enthalten? Eine unbekannte Lebensmittel-Kommission bestimmt darüber. Start-ups wollen das ändern und torpedieren so die Interessen der Lebensmittelindustrie.

    © Handelsblatt GmbH – Alle Rechte vorbehalten. Nutzungsrechte erwerben?
    Zur Startseite
    -0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%